Yoga zur Selbstfürsorge mit Michaela Aue

Michaela Aue zeigt Yoga-Übungen, die man in jenen Momenten machen kann, wenn man Zeit für sich braucht und sich selbst etwas Gutes tun möchte

Vor Kurzem bin ich nach Italien gereist. Die Großeltern meines besten Freundes haben dort ihren 60. Hochzeitstag gefeiert – gibt es einen besseren Vorwand, um ein bisschen La Dolce Vita zu genießen, als dieser?!

Die Familie meines Freundes kenne ich nun bereits seit einer Weile und obwohl wir nicht dieselbe Sprache sprechen und um ehrlich zu sein noch nie wirklich ein Wort von dem verstanden haben, was der jeweils andere sagt, liebe ich sie innig. Somit kann man vielleicht all die Schmetterlinge nachvollziehen, die dieser Trip in meinen Bauch gezaubert hat. Um die Reise einmal kurz zusammenzufassen: Wir haben jeden Tag unzählige Male gegessen, gemeinsam an einem Tisch mit unzähligen Familienmitgliedern, Freunden und Nachbarn. Alle haben schnell, laut und gleichzeitig gesprochen. Und wenn wir nicht gerade gegessen haben, dann passierte irgendetwas anderes: Es gab Städtetrips nach Lucca, Florenz, Pisa und Siena, wir haben lange Wanderungen entlang der Berge der Toskana unternommen, es gab Aperitifs vorm Abendessen und eine Menge Eis – was soll ich sagen, When in Rome …

Wir hatten so viel Spaß und es lag so viel Liebe in der Luft, Leute umarmen einen, sagen einem, wie schön man ist, wie besonders und wie sehr sie dich lieben. Das ist sowas von nicht deutsch und tut sowas von gut! Die ersten Tage kamen und gingen – und verschwammen dabei irgendwie. Aber an Tag vier passierte es: Es kam das Gefühl bei mir auf, all den Eindrücke, die auf mich einprasseln, nicht gewachsen zu sein. Es stresste mich, einen Parkplatz in den winzig engen Straßen von Florenz zu finden, ich fing sogar an herumzubrüllen (Emoji mit aufgerissenen Augen). Ich habe über eine Stunde lang am Pool geschlafen und wollte mich keinen Zentimeter bewegen, so ausgelaugt fühlte sich mein Körper, aber auch mein Geist an. Ich könnte die Liste endlos weiterführen, aber es ist vermutlich bereits klar, worauf ich hinaus möchte.

Es gibt nichts, was ich lieber tue, als Dinge gemeinsam mit oder für andere Menschen. Diese simple Belohnung, ein Lächeln geschenkt zu bekommen, ist unbezahlbar. Doch wie oft lächelt man sich selbst an? Wie oft tut man sich selbst etwas Gutes, einfach, um sich selbst besser zu fühlen? Wie oft tust du etwas in erster Linie einmal für dich, und dann erst für andere? Ich kenne die Antwort: nicht oft genug! Ich bin bestimmt nicht besser darin, ich bin nur dafür da, um uns alle einmal daran zu erinnern, wie wichtig es ist, sich um sich selbst zu sorgen. Natürlich könnte jetzt der erste Gedanke sein, dass das ziemlich egoistisch ist. Aber das ist es nicht. Diesen Gedanken sollte man direkt aus seinem Kopf streichen. Der richtige Begriff lautet “Selbstfürsorge” – sie ist nicht egoistisch, sondern es geht dabei darum, Prioritäten zu setzen.

Und hier kommt noch eine kleine Gedächtnisstütze: Es ist dein Leben und wenn du funktionieren möchtest, deinen Job machen möchtest, es deiner Familie recht machen möchtest, deinen Freunden, deinem Ehemann, deinen Kindern und allem, was sonst noch nebenbei auf dich zukommt, gerecht werden willst, dann hast du gar keine Wahl, dich selbst dabei an erster Stelle zu sehen. Falls du nicht sicher bist, was das überhaupt bedeuten soll, kommt hier ein einfaches Beispiel: Ich sehe mich selbst immer als Priorität, jeden Morgen, wenn ich aufstehe. Ich setze mich hin und meditiere zehn bis zwanzig Minuten, mache mir eine heiße Zitrone und etwas Kaffee und bereite das Essen vor. Normalerweise kostet es mich nicht mehr als 30 Minuten, all das zu tun, es sind 30 Minuten, die ich nur für mich habe, niemand stört mich dabei – nicht einmal mein Freund, der wohl lieber noch eine Runde kuscheln würde. So einfach ist das!

Es gibt andere Momente, in denen ich noch mehr Zeit für mich brauche, also mache ich Platz in meinem Alltag für einen Gang in die Sauna, ich spreche mit niemandem und bin mit mir selbst allein. Für mich ist es ebenfalls Selbstfürsorge, ins Fitnessstudio zu gehen, aber ich verstehe auch diejenigen, die Trainieren eher als Folter als als Selbstfürsorge ansehen. An anderen Tagen wiederum kann Selbstfürsorge bedeuten, einfach drei bewusste Atemzüge zu nehmen. Was ich sagen möchte: Man muss nicht immer gleich einen zehntägigen Urlaub oder eine zweistündige Ganzkörpermassage buchen. Mache dir selbst etwas leckeres zu essen, um deinen Körper und Geist zu verwöhnen, oder probiere diese super simple und langsame Yoga Routine aus, die ich zusammengestellt habe – für jeden, für mich selbst und für diese speziellen Momente, wenn man realisiert, dass es jetzt soweit ist, einfach nur für sich zu sein.

Nimm dir Zeit, während du die Übungen machst. Fühle jeden Atemzug mit jeder Bewegung. Es geht los mit ein paar Wiederholungen der Katze- und der Kuh-Position, um die Wirbelsäule aufzuwärmen. Es gibt einen langsamen Sonnengruß, inklusive intensiver Schulterdehnung. Die Hände kommen besonders häufig bei Forward Folds, in der Triangle Pose oder dem Krieger I zum Einsatz, um die Brust etwas mehr zu öffnen. Zum Schluss wird der Herz- und Brustbereich mit einer vollständig ausgeführten Kamel-Pose geöffnet und sich dabei gedehnt, bevor du dir alle Zeit der Welt bei einer tiefen Entspannung nehmen kannst.

Gebt Acht auf euch selbst – und lasst mich wissen, wie es läuft!

Michaela Aue

Michaela praktiziert Yoga seitdem sie ein Teenager ist. Nachdem sie viele Stile ausprobiert und von zahlreichen Yogis hat Lernen können, fokussiert sie sich bei ihren Trainings vor allem auf das Kreieren des Raumes durch Bewegung. Seit 2014 unterrichtet sie in Berlin und wenn sie nicht auf der Matte ist, arbeitet sie als PR und Kommunikationsberaterin.