Women We Love: Greta Gerwig

Saoirse Ronan & Greta Gerwig am Set von Lady Bird | ©Merie Wallace

Greta Gerwig ist mit ihrem Film Lady Bird für fünf Oscars nominiert und wird nebenbei auch als Anführerin des Feminismus gefeiert

“Jetzt kann das richtige Leben beginnen!” Damit beschrieb die Filmemacherin Greta Gerwig jüngst gegenüber der New York Times das Gefühl, mit dem sie als 19-Jährige in New York ankam. Gerwig hatte sich damals am traditionsträchtigen Barnard College eingeschrieben, wo sie Philosophie und Englisch studierte. Die Uni gilt bis heute als Kaderschmiede für Amerikas erfolgreiche Frauen-Riege. Für die heute 34-Jährige verkörperte die Ostküste und ihre vibrierende Metropole den Inbegriff der intellektuellen und kreativen Elite Amerikas. Greta Gerwig selbst wuchs im verschlafenen Sacramento an der Westküste in amerikanischen Mittelstands-Verhältnissen auf, wo sie eine wohlbehütete Kindheit verbrachte, die jede Menge Raum für große Träume zuließ.  

Nach ihrem College-Abschluss eroberte sie die New Yorker Independent-Filmszene. Gemeinsam mit Regisseur Joe Swanberg prägte und gestaltete Gerwig die Mumblecore-Filmbewegung, Amerikas Antwort auf die Dogma 95-Bewegung aus Dänemark, und ist etwa für die Drehbücher der Mumblecore-Kultfilme Hannah Takes the Stairs und Nights and Weekends verantwortlich. Internationalen Erfolg erlangte sie dann an der Seite von Regisseur Noah Baumbach, mit dem sie heute liiert ist. Unter Baumbachs Regie entstand 2012 mit Frances Ha eine wegweisende Frauenrolle, die Gerwig über die Grenzen Amerikas hinaus eine große Fangemeinde einbrachte. Die gleichnamige Protagonistin des Filmes ist eine von vielen nahbaren Antiheldinnen, die nicht nur von Greta Gerwig verkörpert wurde, sondern auch aus ihrer Feder stammte. Frances Ha erzählt die Geschichte einer Tänzerin ohne Engagement; ebenso leidenschaftlich wie talentlos steht sie vor der schmerzhaften Erfahrung, ihren Kindheitstraum loslassen zu müssen. Gerade darin steckt Gerwigs Erfolgsgeheimnis: Sie rückt die Momente des Scheiterns in den Fokus ihrer Filme und bringt diese auf so humorvolle, authentische und lebensbejahende Weise auf die Leinwand, dass der Zuschauer immer beflügelt aus dem Kinosessel entlassen wird.

Ebenso authentisch wie die Zeichnung ihrer Rollen ist auch Gerwigs Darstellung. Was daran liegen mag, dass sie immer auch einen Teil von sich selbst in ihre Heldinnen einfließen lässt. Genau wie sie, werden die meisten ihrer Protagonistinnen genährt und angetrieben von der schnelllebigen und vielfältigen Metropole New York. Fast ist man verführt, sie zum Woody Allen einer neuen Generation zu stilisieren. Doch mit dem Regisseur, der sie 2012 in seiner Komödie To Rome with Love castete, möchte sie nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Heute hätte sie die Rolle in seinem Film abgelehnt, gab sie jüngst zu Protokoll. Grund: Im Zuge der #metoo-Debatte kam auch der Kult-Regisseur wieder unter Beschuss, dessen Tochter ihn des Kindesmissbrauchs beschuldigt.

Deshalb wird Gerwig unter anderem als neue Anführerin des Feminismus gefeiert. Die Filmemacherin lässt sich nicht auf die Rolle der Muse reduzieren, die das männliche Genie beflügelt, sondern setzt sich als Filmschaffende in einer männerdominierten Branche durch. Mit ihrem jüngsten Film Lady Bird begnügte sie sich diesmal nicht nur damit, das Drehbuch zu schreiben, sondern führte erstmals auch Regie. Lady Bird erzählt jetzt den Teil ihrer Biographie, der ansetzt, bevor “das richtige Leben“ in New York begann.

Dafür wurde sie bei den diesjährigen Golden Globes in der Kategorie beste Komödie ausgezeichnet und Saoirse Ronan, die ihre Heldin Christine spielt, als beste Hauptdarstellerin in einer Komödie. Als Frauen-Power-Duo erstrahlten die beiden in symbolträchtigen, schwarzen Roben auf dem roten Teppich und protestierten darin gegen die Ungleichheit in der Filmindustrie. Damit unterstützten sie eine Initiative, die unter dem Hashtag Timesup Frauen in ganz Amerika aus allen Branchen dabei helfen möchte, sich gegen Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz zur Wehr zu setzen.   Lady Bird ist für fünf Oscars nominiert, darunter auch eine Nominierung für bester Film. Gerwig tritt damit als einzige Frau in dieser Kategorie das Rennen um die Trophäe an. Nicht zuletzt deshalb wünscht man Gerwig stellvertretend für alle Frauen, die die Filmbranche prägen, dass sie am 4. März den Oscar mit nach Hause nehmen kann.

Lady Bird ist aber nicht nur ein Film von einer Frau für Frauen – und gerade das macht ihn zu einem ernstzunehmenden Anwärter auf die Trophäe, erhaben über allem politischen Kalkül.  Lady Bird ist eine Coming of Age-Geschichte in der Tradition eines Der Fänger im Roggen. Anders als J.D. Salingers Held Holden Caulfield, der Angst davor hat, mit dem Erwachsenwerden seine Unschuld zu verlieren, kann Gerwigs Heldin Christine dies kaum erwarten. Sie will der ereignislosen Kleinstadt, ihrer katholischen Highschool und den Fittichen ihrer Mutter entkommen, damit das “richtige Leben“ endlich beginnen kann, um festzustellen, dass sie schon mittendrin steckt.

“Ich wollte den Moment einfangen, an dem man zum ersten Mal realisiert, dass die Welt sich nicht alleine um einen selbst dreht, sondern die Menschen um einen herum einen wichtigen Anteil an der eigenen Entwicklung haben…Ich wollte die Intensität der Gefühle während dieser Zeit darstellen. Liebe, Konflikte und Abschied – all das, was man plötzlich zum ersten Mal erlebt“, erklärt Gerwig. Damit spricht sie universelle Themen des Erwachsenwerdens an, mit denen sich Frauen wie Männer gleichermaßen identifizieren können.

Lady Bird wird am 19. April in die deutschen Kinos kommen.

Autor: Christine Korte

In Köln geboren ist Christine Korte eine echt rheinische Frohnatur. Nach ihrem Germanistik-Studium in Marburg, sammelte sie in Mailand und Paris in den Korrespondenz-Büros der deutschen Vogue und der Women's Wear Daily erste Erfahrungen in der Mode. Nach Stationen bei Glamour, Grazia und flair, lebt sie heute als freie Journalistin in Berlin und schreibt unter anderen für Onlinemagazine wie Harper's Bazaar und Refinery29. Neben Mode, Theater und Film sind lange Spaziergänge mit Cavalier King Charles Spaniel Udo ihre große Leidenschaft.