Reise: Kultursommer in Venedig

Die Architekturbiennale ist bis zum 25.11.2018 geöffnet | ©instagram.com/labiennale

Zu Besuch bei der Biennale Architettura di Venezia — Julian Meisen erzählt von der diesjährigen Architektur Ausstellung in Venedig

Venedig – erbaut als Metropole einer mittelalterlichen See- und Handelsmacht und später verklärt als Sehnsuchtsort europäischer Intellektueller – ist heute ein globaler Tourismusmagnet. Obwohl die Stadt auf dem Wasser nur noch knapp fünfzigtausend Einwohner zählt, drängen sich jährlich bis zu dreißig Millionen Touristen durch ihre engen Gassen und über den prächtigen Markusplatz. Doch die Lagunenstadt lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Einst Serenissima, die Gelassene, genannt, arbeitet sie abseits des Massentourismus an ihrem Ruf als heimliche Kulturhauptstadt.

So weiß Venedig – trotz omnipräsenter Selfie-Sticks, bedrohlicher All-inclusive-Kreuzfahrtschiffe und kitschig-trällernder Gondoliere – immer noch zu verführen: Sein glamouröses Filmfestival macht es jeden September zum Ziel der Privatjets der Filmstars und während der weltweit wichtigsten Kunstausstellung – der Biennale di Venezia – ankern alle zwei Jahre die Jachten der Kunst sammelnden Superreichen in der Lagune. Wem das immer noch zu viel Spektakel ist, der ist mit einem Besuch der kleinen Schwester der Kunstbiennale gut beraten: Der Architekturbiennale. Oder mit italienischer Eleganz ausgedrückt: La Biennale architettura di Venezia!

Was könnte schon mehr Sinn machen, als eine Architekturausstellung auf dem von tausenden Eichenbalken getragenen Boden eines baulichen Weltwunders zu veranstalten? Niente! Und dieses Jahr ist es wieder soweit. Die internationale Architekturszene hat sich während des Preview-Wochenendes an den beiden Hauptorten der Biennale eingefunden: den Giardini – ein unter der Besatzung Napoleons angelegter und seit der Belle Epoque um zahlreiche nationale Ausstellungspavillons erweiterter Park, sowie dem Arsenale – einer zur Kunsthalle umfunktionierten ehemaligen Schiffswerft mit reichlich Patina. Während uns die diesjährigen Kuratorinnen Shelley McNamara und Yvonne Farrell (hauptberuflich Irlands bedeutendste Architektinnen) in der Hauptausstellung Beiträge zum Thema Freespace präsentieren, begeben sich die Länderpavillons in den erbitterten Wettstreit um den Goldenen Löwen – der Auszeichnung für den besten Beitrag der Biennale.

Beim Gang durch die Hauptausstellung empfiehlt sich etwas mehr Zeit für die wundervollen Architekturmodelle des weltbekannten Schweizer Architektur-Gurus Peter Zumthor einzuplanen. Ebenfalls lohnenswert ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Beitrag des Popstar-Architekten Bjarke Ingels. Der Inhaber der Bjarke Ingels Group – in bescheidener Kurzform auch BIG genannt – präsentiert einen Masterplan, der Manhattans Küstenstreifen mithilfe einer multifunktionalen Parklandschaft gegen drohende Überschwemmungen rüsten soll.

Während die Highlights der Hauptausstellung also von etablierten Architekturgrößen stammen, sind es in den Reihen der Länderpavillons vier Züricher Nachwuchskuratoren, die mit ihrer genialen Rauminstallation im Schweizer Pavillon vollkommen verdient den Goldenen Löwen abgestaubt haben. Betritt man ihren Pavillon, so findet man sich in einer leeren Neubauwohnung wieder: sauberes Parkett, weiße Wände, ordentlich verlegte Fußbodenleisten, hier und da eine Steckdose. Ist das alles? Nein, denn die Schweizer Normcore entpuppt sich als raffiniertes Spiel mit den Proportionen: Jeder Raum ist in einem anderen Maßstab ausgeführt. Die vermeintlichen Standardfenster, Standardsteckdosen und Standardtüren schrumpfen hier ins Puppenhausformat und schießen dort weit über das Normalmaß hinaus. Irgendwo zwischen Platzangst und Agoraphobie hinterfragt dieser Pavillon nichts weniger, als die Art und Weise, wie wir wohnen (natürlich nicht ohne unsere Instagram-Feeds mit Bildern von zwergen- oder riesenhaften Architekturtouristen zu fluten) – Bravo!

Sobald man sich im Arsenale erfolgreich weitergebildet hat und einmal durch die gesamten Giardini flaniert ist, bietet es sich es an, die Architektur-Bubble im Osten der Stadt zu verlassen, um zu erkunden, was Venedig diesen Sommer sonst noch zu bieten hat. Hierbei kommt man an den Privatmuseen der einschlägigen Modeimperien nicht vorbei.

In der Fondazione Prada beschäftigt sich die Ausstellung Machines à penser mit den Philosophen Adorno, Wittgenstein und Heidegger und ihrer Vorliebe, sich in abgeschiedene Hütten zurückzuziehen. Anhand von 1:1-Modellen, Fotografien, Texten und Skulpturen wird der Besucher an die Entstehungsorte epochaler Werke der Philosophie geführt, wodurch ein erkenntnisreicher Bogen von den Geisteswissenschaften über die Architektur bis hin zur bildenden Kunst gespannt wird.

Der Espace Louis Vuitton hingegen richtet den Blick in die digitale Zukunft. Mit seiner Videoinstallation Emissary Forks at Perfection zeigt uns der 34-jährige Starkünstler Ian Cheng was passiert, wenn man die Kontrolle über eine Zeichentrickanimation an eine künstliche Intelligenz outsourced. Wem das zu unheimlich ist, kann sich stattdessen ein Raum weiter im Louis Vuitton Store der finanziellen Förderung dieses Ausstellungsortes widmen.

À propos: Nach so viel Kultur kann man sich guten Gewissens dem Konsum hingeben. Dass sich das auch mit einem Architekturerlebnis verbinden lässt, verdanken wir dem niederländischen Ausnahmearchitekten Rem Koolhaas und seinem Büro OMA, die mit der Fondaco dei Tedeschi kürzlich ein Luxuskaufhaus neben der Rialto Brücke fertiggestellt haben. Die Rolltreppe, die den Besucher durch die ehemalige deutsche Handelsniederlassung befördert, war übrigens während ihrer Planung ein rotes Tuch für die Venezianer und ihre Denkmalbehörde, weshalb OMA den Entwurf schließlich ändern musste. Wir lernen: La Serenissima kann auch anders!

Autor: Julian Meisen

Die 16. Biennale Architettura di Venezia findet vom 26. Mai bis zum 25. November 2018 statt. Mehr Informationen und Tickets gibt es auf der Website hier. Weitere Impressionen sind zudem auf Instagram (@labiennale) hier zu finden.