Past Perfect: Joan Didion

©Franziska Steinle

Joan Didion zählt zu den bedeutendsten Journalistinnen Amerikas und ist vor allem für ihre Essays bekannt – von ihnen kann man auch heute noch lernen

„As it happens I am still committed to the idea that the ability to think for one’s self depends upon one’s mastery of the language”, schrieb die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion in ihrem Essay Slouching Towards Bethlehem. Seinen Titel erhielt der Essay von William Butler Yeats’ 1919 veröffentlichtem Gedicht The Second Coming. Didion publizierte Slouching Towards Bethlehem 1967 in The Saturday Evening Post, der Text wurde dann Teil und Titelgeber für ihre 1968 erschienene Essaysammlung. In dem Essay beschreibt sie ihre Beobachtungen in San Franciscos Haight-Ashbury Stadtteil, der in den Sechzigerjahren seine Hochzeit als Zentrum von Gegenkultur erreichte. Didion begleitete eine Handvoll junger Menschen, die sich dem Drogenkonsum hingaben und zeichnete das düstere Bild eines zerfallenden Amerikas. Sie zeigte eine andere Seite der Hippie-Bewegung: vernachlässigte Kinder, verlassene Häuser, Bankrotterklärungen und Zwangsversteigerungen, und führt zu Yeats’ Gedicht zurück: “Things fall apart; the centre cannot hold“.

Mit Slouching Towards Bethlehem verfolgt Didion einen Stil, der die klassische journalistische Reportage mit literarischen Elementen mischt. Es ist gut recherchierte Sachliteratur, der die Schriftstellerin ihre sehr eigene, bildgewaltige Sprache verleiht. Ihr Essay wird zu einem Klassiker des in den 1960er und 1970er Jahren in den USA aufkeimenden New Journalism, der sich zwar an die realen Fakten hielt, sich aber im Vergleich zur üblichen Praxis literarischer Stilmittel bediente, Subjektivität in den Vordergrund stellte und sich damit als eine Mischform aus Journalismus und Literatur etablierte.

Didion wurde 1934 in Sacramento in eine Familie, die seit fünf Generationen in Kalifornien lebte, geboren. Sie studierte Literatur in Berkeley. Ihre Mutter gab ihr Ausgaben der Zeitschrift Vogue und ermutigte sie, an einem Wettbewerb des Magazins teilzunehmen, der sich an College-Absolventen richtete. Didion gewann den Wettbewerb und begann ihre Karriere 1956 mit Anfang zwanzig als Redakteurin der amerikanischen Vogue in New York City. Als eine Autorin, die beauftragt wurde einen Text über Ursprung und Macht der Selbstachtung zu schreiben, nicht lieferte, ergriff Didion die Chance und schrieb in kürzester Zeit ihren Essay On Self-Respect, der 1961 erschien.

Once in a dry season, I wrote in large letters across two pages of a notebook that innocence ends when one is stripped of the delusion that one likes oneself.” Mit diesen Worten beginnt Didion ihre Sicht auf Selbstachtung, sie analysiert, was es bedeutet, sich selbst zu respektieren. On Self-Respect liest sich wie ein Lehrstück, Didions persönliche Erkenntnisse, gewonnen aus ihrem eigenen Leben und mit größter Reflektion aufgeschrieben, werden anhand poetischer Allegorien und Situationen erläutert:

“Most of our platitudes notwithstanding, self-deception remains the most difficult deception.”

Anderen könne man etwas vormachen, sich selbst zu täuschen gestalte sich schwierig. Aus den falschen Gründen freundlich gewesen zu sein, Erfolge, die einem ohne Anstrengung zugefallen sind – man könne sich selbst nichts vormachen.

“The dismal fact is that self-respect has nothing to do with the approval of others – who are, after all, deceived easily enough…”

Da Außenstehende einfach zu täuschen seien, habe Selbstachtung nichts mit der Anerkennung anderer zu tun.

“…people with self-respect have the courage of their mistakes. They know the price of things.”

Selbstachtung bedeute zu seinen Fehlern zu stehen, Menschen, die über Selbstachtung verfügen, bräuchten keine Absolution und beschwerten sich nicht über Konsequenzen.

“In brief, people with self-respect exhibit a certain toughness, a kind moral nerve; they display what was once called character…”

Selbstachtung brauche eine gewisse Zähheit und Hartnäckigkeit, sie mache wahren Charakter aus.

“Nonetheless, character – the willingness to accept responsibility for one’s own life – is the source from which self-respect springs.”

Die Bereitschaft, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen, sei der Ursprung von Selbstachtung.

“…the sense that one lives by doing things one does not particularly want to do, by putting fears and doubts to one side, by weighing immediate comforts against the possibility of larger, even intangible, comforts.”

Selbstachtung bedeute Selbstdisziplin: Dinge tun, die man nicht immer tun möchte, Ängste und Zweifel beiseitelegen, um Raum für größere, noch nicht greifbare Dinge zu schaffen.

“People who respect themselves… They are willing to invest something of themselves; they may not play at all, but when they do play, they know the odds.”

Selbstachtung heiße Risiken einzugehen. Menschen mit Selbstachtung wüssten, sie können nur gewinnen, wenn sie etwas von sich selbst investieren.

“To have that sense of one’s intrinsic worth which constitutes self-respect is potentially to have everything: the ability to discriminate, to love and to remain indifferent. To lack it is to be locked within oneself, paradoxically incapable of either love or indifference.”

Seinen innewohnenden Wert zu kennen, bedeute frei zu sein: nicht den Drang haben, anderen gefallen zu wollen; Gefährten, die einen annehmen, wie man ist, zu schätzen; nicht das Bedürfnis haben, den falschen Vorstellungen anderer über sich nachkommen zu müssen; lieben zu können.

Didion versichert, Selbstachtung könne man mit Disziplin entwickeln, eine kalte Dusche oder eine Papiertüte über dem Kopf seien nicht ungeeignet, um einen kühlen Kopf zu bewahren, denn “…it is difficult in the extreme to continue fancying oneself Cathy in Wuthering Heights with one’s head in a Food Fair bag.“ Es seien die kleinen Tugenden, die wir mit Disziplin entwickeln könnten, kleine Rituale, die uns daran erinnerten, wer wir sind. …to free us from the expectations of others, to give us back to ourselves…“ – das sei die Macht der Selbstachtung. Ohne sie, da ist sich Didion sicher, …one eventually discovers the final turn of the screw: one runs away to find oneself, and finds no one at home.”

On Self-Respect ist der erste einer Reihe an Essays, in denen Didion ihren Lesern einen Rat mit auf den Weg gibt und dabei selbstanalytisch ihr eigenes Leben reflektiert. In einem weiteren Essay, On Keeping A Notebook, ebenfalls in der Sammlung Slouching Towards Bethlehem veröffentlicht, legt die Autorin nahe, persönliche Erinnerungen in ein Notizbuch zu schreiben. In dem Text erklärt Didion detailliert warum sie die für sie bedeutenden Erinnerungen und Gefühle niederschreibt. Für sie stehen dabei nicht die Fakten im Vordergrund, sondern die Erinnerung daran, wer die Frau, die die Notizen zu diesem Zeitpunkt aufschrieb, war und legt damit erneut den Fokus auf die Subjektivität des Geschriebenen. Ihr Schreiben sei eine Form der Selbstentdeckung und des Verstehens.

Ihre Essays in Slouching Towards Bethlehem und der 1979 veröffentlichten Sammlung The White Album geben einen Einblick in Didions persönliche Gedanken, sind aber auch Zeugnis der Gegenkultur und sozialer Unruhen der Sechziger- und Siebzigerjahre in Amerika. Mit ihren präzisen Beobachtungen und einem sensiblen Blick beschreibt Didion die Zeit, in der sie lebt. Ihre persönlichen Erzählungen sind universelle Geschichten, die nachempfindbar sind. Neben ihren fünf Romanen, den vielen Sachbüchern, Essay-Sammlungen und den Drehbüchern, die in Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann John Gregory Dunne entstanden, sind es insbesondere die Essays, die Joan Didions Arbeit einzigartig machen.

Der vollständige Essay “Self Respect: Its source, its power”, wie er 1961 in der amerikanischen Vogue gedruckt wurde und 1968 mit dem Titel “On Self-Respect” in “Slouching Towards Bethlehem” veröffentlicht wurde, ist hier zu finden. Mehr über Joan Didions Leben erfährt man in der Netflix Dokumentation “Joan Didion: The Center Will Not Hold“, die seit Oktober 2017 auf Netflix zu sehen ist. Vor kurzem erschien ist das Buch „Süden und Westen: Notizen“ von Joan Didion, erhältlich hier.

Autorin: Lilli Heinemann