Interview: Julia Grosse über “Ein Leben lang”

Julia Grosse | Portrait ©Benjamin Renter

Ein Leben lang ist ein Buch, das Julia Grosse über die ewige Liebe geschrieben hat – ein Plädoyer für Vertrauen, Zuversicht und Hingabe fernab von Ratgebern und Handbüchern

Moderne Liebe scheint das Mysterium unserer Zeit zu sein. Nicht selten ist da von Unmöglichkeit die Rede. Sven Hillenkamp hat vor einigen Jahren ein sehr gutes Buch zum Thema geschrieben – Titel: Das Ende der Liebe. Dort zeichnet der Autor ein Porträt einer Generation, die das Lieben verlernt hat, weil es die Welt und deren Mechanismen nicht mehr zulassen. „Sich zu verlieben war einst eine Hingabe an einen plötzlich Erscheinenden, eine höhere Kraft, Ausdruck einer schicksalhaften Begegnung, einer sogenannten Seelenverwandtschaft. Jetzt wird es zu einer Frage des Handelns, der Selbstbeherrschung.“ Hillenkamp ist damit nicht allein: Aktuelle Beiträge handeln, wenn schon nicht von Hoffnungslosigkeit, dann doch zumindest von neuen Gegebenheiten, die uns vor schier unmenschliche Herausforderungen stellen. Liebe scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein.

Ungeachtet dessen hat Julia Grosse ein großes Buch über die Liebe geschrieben, das im März erschienen ist. Darin finden sich liebevolle Porträts über Paare, die die Möglichkeit von Liebe vorgelebt haben. Paare in hohem Alter, welche die Autorin in ihren Apartments besucht hat, um mit ihnen über die persönliche Geschichte ihrer Liebe zu sprechen. Julia Grosse ist eigentlich Kunstwissenschaftlerin, sie hat 2013 das Kunstmagazin C& ins Leben gerufen sowie zusammen mit Julia Voss die Diskussionsreihe The Situation/Die Situation präsentiert. Inspiriert von der über siebzig Jahre langen glücklichen Beziehung ihrer Großeltern begann sie kurzerhand mit der Arbeit an Ein Leben lang. Die Geschichten im Buch wirken oft tatsächlich wie aus der Zeit herausgefallen, sind keineswegs immer reibungslos verlaufen und zeigen doch, dass man – mit ein bisschen Mut – gemeinsam bis zum Lebensende glücklich sein kann.

Im Interview haben wir mit Julia Grosse über ihre Arbeit am Buch gesprochen und darüber, was wir von den Paaren lernen können.

Julia Grosse | ©privat

Du hast ein Buch über die Liebe geschrieben. Hat sich dein Bild von der Liebe durch diese Arbeit verändert?

Nun ja, tatsächlich habe ich realisiert, wie viel Arbeit in einer Beziehung steckt. Ich hatte immer das Gefühl, die eigentliche Herausforderung liege im Finden des richtigen “partner in crime”. Aber sie verbirgt sich in der Pflege der Beziehung – sowie darin, wie viel Arbeit in der Idee von Toleranz steckt und in welchen Details des Alltags diese gefordert wird. Und natürlich in der Kunst, den anderen zu lassen wie er oder sie ist, ihn oder sie nicht verändern zu wollen.

Die Beziehung deiner Großeltern hat dich ein Leben lang geprägt und beeindruckt. Wie kam es schließlich zur konkreten Entscheidung, ein Buch zu schreiben?

Ich habe tatsächlich schon seit mehreren Jahren darüber nachgedacht, dieses Buch zu verwirklichen. Über die beiden hatte ich damals in einem Magazin geschrieben und endlose Leserbriefe bekommen von jungen Menschen, die absolut berührt waren von dieser endlosen Liebe. Das ist ein Thema, das uns alle auf irgendeine Art bewegt.

Warum hast du langjährige Paare statt renommierter Wissenschaftler, Psychologen oder Life Coaches befragt?

Weil es ein sehr persönlicher Beweggrund war, dieses Buch überhaupt zu schreiben. Auch mit der Frage: Gibt es nur diesen einen Königsweg meiner Großeltern, eine wunderbare Beziehung zu führen? Oder eventuell diverse? Die Antwort darauf wollte ich nicht von Experten und anhand von Zahlen hören, sondern von Menschen, die es selbst erleben. Über Neunzigjährige, die einander seit über siebzig Jahren lieben. Das, was sie über die Liebe erzählen können, das hat mich interessiert. Diverse Literatur von den großen Namen aus Psychologie und Paartherapie habe ich im Vorfeld natürlich trotzdem gelesen.

 

Julia Grosse

Ein Leben lang, EUR 20.00 via Amazon

Wie bist du auf die neun Paare gestoßen, die du in deinem Buch porträtierst?

Über Freunde und Bekannte, über ewige Recherche und viele Mails an Seniorenstifte von Berlin bis Manhattan. Zudem habe ich mich durch endlos viele Diamanthochzeitsartikel in der Lokalpresse gearbeitet.  

Die eigene Kennenlern- und Liebesgeschichte erzählt man eigentlich ja nur den besten Freunden. Wie hast du das Eis zwischen den Paaren und dir gebrochen?

Über meinen eigenen, sehr privaten Zugang zum Buch mit der Geschichte meiner eigenen Großeltern. Das war auf jeden Fall der Icebreaker. Ich selbst hätte dieses Buch als reine Journalistin, die in andere Leben schaut, aber nichts von sich persönlich preisgibt, auch nicht spannend gefunden.

In deinem Buch schreibst du “Weil es diesen Glauben an das Absolute damals anscheinend noch gab“. Warum haben wir diesen Glauben heutzutage aus den Augen verloren?

Vielleicht, weil es zu viele Optionen gibt. Da wird die Suche nach dem Absoluten schwierig. Man denkt, dass es immer noch etwas Besseres gibt, anstatt in dem, was man hat, das Absolute zu suchen. Klingt etwas abstrakt, ist aber etwas dran.

Was braucht es heutzutage also für eine lebenslange Liebe?

Schwere Frage. Offenheit, sich auf einen anderen einzulassen – ohne ihm gleich den Perfektionskatalog vor die Nase zu halten: Bis ich mich auf dich einlasse, musst du dies und das und jenes erfüllen … das macht es kompliziert.

Wenn du deinen Großeltern noch eine einzige Frage stellen dürftest, welche wäre das?

Vielleicht dann doch, ob sie sich immer treu waren. Das würde ich sie aber rein im Privaten fragen.

Mode, Kunst und Pop-Kultur bilden den Kosmos; das geschriebene Wort die Materie, in der sie alles zusammenbringt. Nach ihrem Studium zieht sie 2014 von Leipzig nach Berlin. Dort arbeitet Lola seitdem als PR Consultant und freie Journalistin für Publikationen wie L'Officiel, i-D und Material Magazine.