Ausstellung: Adrian Piper im MoMA

Mit A Synthesis of Intuitions 1965-2016 widmet das MoMA dem konzeptionellen Schaffen von Adrian Piper eine umfassende Retrospektive

“Ich verkörpere alles, was du am meisten hasst und fürchtest.” Die Figur des Anderen, sie taucht bereits in den frühesten Werken von Adrian Piper auf. Im Herbst 1973 zieht die Künstlerin mit Afro-Perücke, einer Sonnenbrille mit reflektierenden Gläsern und einem Schnauzbart durch die Straßen von New York. Es war die Geburtsstunde von The Mythic Being – dem Klischee eines schwarzen Mannes, zu dem sie sich transformiert hatte. Unablässig rauchend sagte sie Gedanken aus ihrem Tagebuch vor sich auf, die begleitend dazu jeden Monat als Mantra in Village Voice erschienen. Piper erklärte damals: “Was würde passieren, wenn da ein Wesen wäre, das exakt meine Geschichte hätte, nur eine komplett andere visuelle Erscheinung als der Rest der Gesellschaft? Aus diesem Grund kleide ich mich als Mann.“

Auch wenn sie The Mythic Being selbst als ihr Alter Ego bezeichnete, gab sie zu, dass sie sich weder als Mann so anziehen, noch sich zu dieser Person hingezogen fühlen würde. Damit machte Piper schon zu dieser Zeit deutlich, dass das Fremde auch in der Kunst immer im Anderssein verbleibt. The Mythic Being wird zum Gegenspieler und zugleich zur Identifikationsfläche. Trotzdem geht die Künstlerin auf Konfrontation, wenn sich der Betrachter in den Gläsern ihrer Sonnenbrille spiegelt. Im Kern ihrer Arbeit stehen weniger der Rassismus, Sexismus, Kolonialismus und die Fremdenfeindlichkeit – für Piper sind das nur Symptome –  sondern vielmehr, wie der Zuschauer all dies geschehen lassen kann.

So rückt die Ausstellung A Synthesis of Intuitions 1965-2016 in knapp 300 Werken aus über 50 Jahren Schaffenszeit die Fiktion der Rasse, Vorurteile und die Absurdität des Ganzen in den Blickpunkt. In chronologischer Abfolge führt die Schau beginnend mit den frühen figürlichen Malereien Pipers, ihrer abstrakten Beschäftigung mit Zeit und Raum hin zu The Mythic Being, ihren Funk-Tanzworkshops in den 80er Jahren und Everything. Das letztere, zehn Jahre umspannende Projekt widmet sich einer Idee der hinduistischen Lehre, die in der Phrase gipfelt: “Everything will be taken away“ (“Alles wird weggenommen werden”) – begleitet von Fotografien von Paaren mit ausradierten Gesichtern, politischen Persönlichkeiten wie Robert F. Kennedy, Martin Luther King Jr. und Medgar Evers sowie bekritzelten Schultafeln.

Provokation, Konfrontation und Partizipation sind die Mittel, welche sich Piper ganz zu eigen macht, wenn sie ihre Anti-Visitenkarten verteilt oder durch The Humming Room führt, den man zum letzten Ausstellungsraum nur summend durchqueren darf. In dieser eindrücklichen Schau lernt man viel über sich selbst, das eigene Verhalten in Gesellschaft sowie sein Verhältnis zur Gesellschaft. Denn Piper versteht es, genau an der Stelle noch tiefer nachzubohren, an der man normalerweise das Thema wechseln würde.

“A Synthesis of Intuitions 1965-2016” ist noch bis zum 22. Juli 2018 im MoMA in New York zu sehen. Im Anschluss zieht die Ausstellung weiter ins Hammer Museum nach Los Angeles und 2019 schließlich ins Haus der Kunst nach München. Weitere Informationen gibt es online hier, das gesamte Video zu „Adrian Moves to Berlin“ kann man zudem hier sehen.

Mode, Kunst und Pop-Kultur bilden den Kosmos; das geschriebene Wort die Materie, in der sie alles zusammenbringt. Nach ihrem Studium zieht sie 2014 von Leipzig nach Berlin. Dort arbeitet Lola seitdem als PR Consultant und freie Journalistin für Publikationen wie L'Officiel, i-D und Material Magazine.