Shopping: Pullover

Kuschelige Pullover sind die mit Abstand zuverlässigsten Begleiter für die graue Jahreszeit. Madeleine teilt ihre Favoriten

Ich besitze zweiundvierzig Pullover. Für mich ist der Pullover ein essenzielles Kleidungsstück und wird innig geliebt. Es gibt nichts Schöneres als einen sehr schönen Pullover. Manch einem mag das zu wenig sein, aber mich verwirren zu viele Dinge. Eine Jeans, ein Pullover, das mag ich. Zu dieser Erkenntnis bin ich schon früh gekommen.

Als ich acht Jahre alt war, habe ich mich verliebt – in einen Pullover. Meine Mutter kaufte ihn mir im Kinderbekleidungsgeschäft. Die Verkäuferin war sehr nett, es mag an unseren häufigen Besuchen gelegen haben. Er, der Pullover, war weiß, gestrickt in kleinen Maschen und mit Zopfmuster. An das Label erinnere ich mich nicht mehr, aber eine kleine Rose zierte das Etikett am Kragen. Romantisch. Wir waren unzertrennlich und ich hatte ihn jeden Tag an. Irgendwann musste ich ihn ausziehen, weil er gewaschen werden musste. Tränen, Geschrei, es nützte nichts. Das Wiedersehen war ein Fest, denn ohne ihn sah ich ja einfach nach nix aus. Ob im Klassenzimmer, am Pausenhof oder auf dem Ponyhof, ich fühlte mich immer hübsch und sicher darin. Es ist erstaunlich, wie viel Selbstvertrauen ein Kleidungsstück einem geben kann. Und dieser Pullover verlieh mir Zauberkräfte, ganz sicher. Irgendwann ist er kaputt gegangen, und alles ging den Bach runter (so schlimm war es nicht). Aber ich habe nie wieder ein Teil so geliebt.

Glücklicherweise leidet die Modebranche nicht unter Produktionsmangel. Saison für Saison werden Lieblingsteile ausgetauscht, die Karten wieder gemischt, neue Superkräfte neu verteilt. Viele Stücke haben in dieser Wintersaison großes Potenzial. In nahezu jeder Stadt wurden während der Fashion Weeks großartige Modelle gezeigt. Balenciaga kombinierte große, massige Wollpullover zu zarten Röcken, Loewe und Fendi verhalfen dem Norweger-Pullover zu neuer Attraktivität und bei Prada ist ein pinker, plüschiger Pullover auf einmal eine seriöse Angelegenheit. In einer Calvin Klein 205W39NYC Variation mit geschlitzter Schulterpartie darf man sogar zum Rendezvous erscheinen. Während große Häuser mit diesen Modellen in Trendreports einfließen, produzieren kleinere Labels wie Barrie oder The Elder Statesman hingegen losgelöst von Saisons zuverlässig die schönsten Modelle von Wolle bis Kaschmir.

Doch trotz aller Auswahl, Design und Potenzial, manchmal wäre ich gern wieder acht Jahre alt und in meinem Kinderpullover mit Pausenbrot auf dem Schulhof.

Madeleine ist Modejournalistin. Für Mode begeistert sie sich, seit sie denken kann – besonders für Kaschmirpullover und Schmuck. Nach fünf Jahren im Moderessort der deutschen Vogue in München beschloss sie, eine neue Herausforderung anzunehmen und nach Berlin zu ziehen. Als Fashion Editor bei hey woman! kann sie ihre Leidenschaften für Styling, Creative Direction und das Schreiben vereinen. Madeleine imitiert gerne Schweizer Akzente und versucht sich als Köchin.

©Phillip Schlegel