Women We Love: Chantal Akerman

©Collage / Julia Zierer

Frauen und Film, das ist so ein Thema – vor der Kamera oft nur als Objekt der Begierde, dahinter noch immer sehr rar. Regisseurinnen, die für ihre Arbeit den begehrten Oscar erhalten haben, kann man an einem Finger abzählen, denn bisher gelang dies nur einer Dame: Kathryn Bigelow.

Doch Frauen wie Sofia und Gia Coppola, Ava DuVernay, Miranda July, Lena Dunham machen uns Mut, dass die Zukunft des Films nicht nur noch einiges an #girlpower zu bieten hat, sondern diese auch gewürdigt wird! Eine der Wegbereiterinnen für die eben genannten Damen war wohl Chantal Anne Akerman: Zeit ihres Lebens Filmregisseurin sowie Drehbuchautorin – dazu beneidenswert talentiert und mühelos cool. Geboren 1950 in Brüssel, ihre Eltern waren Überlebende des Holocaust in Polen. Das Studium an einer belgischen Kunsthochschule brach sie nach wenigen Monaten ab, studierte im Anschluss einige Zeit Theaterwissenschaft in Paris, bis sie sich ausschließlich dem Filmdreh widmete. Im zarten Alter von 18 Jahren dann ihr Erstlingswerk: Saute ma Ville, das alles andere als zart daherkam. Es folgten zahlreiche Kurz- und Spielfilme, insgesamt 40 Werke umfasst ihr Œuvre, ihr Wirken prägte eine ganze Generation von Filmschaffenden. Letztes Jahr (2015) nahm sich Chantal Akerman im Alter von 65 Jahren in Paris das Leben.

Chantal Akerman setzte sich in ihrem Werk stets mit der filmischen Repräsentation von Weiblichkeit auseinander und prägte gemeinsam mit Regisseurinnen wie Agnès Varda und Marguerite Duras die europäische Filmszene der 1960er und 70er Jahre. Akerman wehrte sich gegen das eindimensionale, oft typisierte Bild der Frau, die bis dahin meist als hilfloses Dummchen, aufopfernde Mutter oder Femme Fatale inszeniert wurde. Zudem waren weibliche Hauptfiguren selten, allenfalls fand man sie in zweitklassigen Melodramen. Als überzeugte Feministin stand Akerman für Emanzipation ein, ihre Werke polarisierten. 1974 sorgte sie mit Je Tu Il Elle mit einer Sexszene zwischen zwei Frauen für einen Skandal – und das noch lange vor Blue Is the Warmest Color. In Jeanne Dielman dokumentierte sie das tägliche Einerlei einer innerlich zerrissenen Hausfrau.

Auf die Crux des Filmschaffens kam Akerman selbst ebenfalls zu sprechen, denn statt als individuelle Kunstwerke wurden Filme von Frauen oft als Gattung mit kollektiver Zielsetzung wahrgenommen. Über sich selbst sagte sie darum: „Ich mache keine Frauenfilme, ich mache Chantal-Akerman-Filme.“

In ihrer Bildsprache und Ästhetik unterschied sich Akerman stark vom gängigen Unterhaltungskino. In ihren Filmen scheint der Plot meist minimalistisch, Dialoge gibt es wenige oder sie sind kaum vorhanden – typisch Kunstfilm, könnte man meinen. Doch der Schein trügt. Diese langsame Filmführung wird nicht langweilig, sondern erzeugt Spannung und hält die Zuschauer am Ball. Stilprägend wirkte auch die Kamerafrau Babette Mangolte, die mit ihrer unbewegten Kamera einen intimen Rahmen schafft, sodass sich das Filmbild regelrecht in ein Schlüsselloch verwandelt, durch welches wir als stille Beobachterinnen schauen.  Zu sehen: innige Blicke und vertraute Gesten und unscheinbare Alltagshandlungen, die das gesprochene Wort oft überflüssig machen. Der Ton wechselt zwischen Hintergrundmusik und Atmosphäre: mal wird ein Fenster geöffnet und der Lärm der Straße hallt im Zimmer nach oder wir hören nostalgische Melodien, die aus dem Radio klingen. Jean-Luc Godard nannte Akerman eine “Widerstandskämpferin gegen das Kino der Gefälligkeiten” und damit lag er ganz richtig.

AUSSTELLUNGSTIPP: “LES APPROCHES”

Die Ausstellung “Les Approches” findet im Rahmen des Projekts “Hors-les-murs” der Fondation Louis Vuitton statt. Im Münchener Espace Louis Vuitton wird eine Werkauswahl der bildenden Künstlerin Annette Messager ausgestellt sowie eine Videoinstallation Akermans.

“Femme d’Anvers en Novembre” (2008) ist eine Hommage an die rauchende Frau.

Auf fünf Leinwänden sind ebenfalls fünf Frauen zu sehen, die in verschiedensten Situationen eine Zigarette genießen. Weinend, wartend oder während des Aufräumens – alle Frauen verbinden die lustvollen Züge an der Zigarette. Eine eigentlich banale Handlung, die im intimen Dokumentarstil mit zahlreichen Nahaufnahmen eingefangen wird.

Ein bisschen erinnert das natürlich an den klassischen Film Noir und seine weiblichen Ikonen à la Lauren Bacall. Doch bietet Akerman das Rauchen nicht nur als erotischen Akt dar, sondern gleichermaßen entmystifiziert und normalisiert sie diesen. Gerade in einer Zeit, in der Raucher mehr und mehr aus dem öffentlichen Raum verbannt werden, ist dies ein starkes Zeichen – auch weil der Griff zur Zigarette für Frauen historisch seit jeher einen emanzipatorischen Schritt darstellte. Wieder ist es hier die Kombination aus Akermans feministischem Antrieb und ihrer subtilen Ästhetik, die begeistert.

 

Die Ausstellung “Les Approches” läuft bis zum 24. September 2016 im Espace Louis Vuitton München.  

Nach einem Auslandsaufenthalt in Paris ließ sich Jessica Aimufua 2012 in Berlin nieder, um dort ihr Studium der Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft aufzunehmen. Als präzise Beobachterin und nachdenkliche Seele entwickelte sie von klein auf das Bedürfnis sich kreativ auszudrücken. Heute schreibt sie zweisprachig über Kulturphänomene und Gegenwartsästhetik mit Fokus auf die Bereiche Film, Mode und Kunst. Bei hey woman! ist Jessica für Textarbeit, Editing und Übersetzungen verantwortlich.