Z steht für Zahnstocher

©Collage / Julia Zierer

Endlich, ermutigt uns die Industrie tatsächlich in diesem Sommer  klammheimlich, in vollen Zügen zu essen, was das Herz begehrt? Wirklich? Nun… zumindest proklamiere ich “The End of the Toothpick Era” (TEOTTE), also: “Das Ende der Zahnstocher-Ära” (DEDZÄ). Neulich las ich einen Artikel in The New York Times über einen britischen Anklagevertreter (sorry, das Wort heißt “Regulator”), der eine Gucci Werbung verbannen möchte wegen eines Models, das zahnstocherdünn ist. Meine Frage: Warum dieses eine Model isolieren, wenn es noch mindestens vier weitere in demselben Video gibt, die so aussehen, als könnten sie noch einen oder zwei Veggie Burger vertragen?

Jedenfalls habe ich gestern Abend auf einer Cocktailparty für Tobias Rehberger und seine neuen Designs für MCM in den opulenten Büros des Blau Magazins (Irina Kromayer ist eine Interiordesign-Göttin) mit Leyla Piedayesh von Lala Berlin über die Kampagne gesprochen – und sie sagte, dass sie als Designerin nicht für das Gegenteil, die übergewichtige Masse, designen wolle. Das sei genau so ungesund. Wahr. Vielleicht versuche ich auch nur, mich mit meinem permanenten Post-Babybauch Status abzufinden, dem ich gedenke einen Namen zu geben: Muffin-top Millicent. Millicent und ich freuen uns sehr über TEOTTE, auch wenn es nur ein Wunschtraum ist. (Das Großartige daran, die Pariser Shows aus der Ferne anzuschauen, liegt darin, dass man sich dabei Bonbons in den Mund schaufeln kann, während man sich der Betäubung des Glotzens und dem glasigen Ausdruck der Röntgenstrahlenansicht hingibt, noch einmal: less is bore!) Ein paar Sachen, die man während der Slideshows und Livevideos von Vogue.com lernt:

So ein Oversize Ding wird nicht so schwer auszuziehen sein, bis wir über die Gogmagog Proportionen von Jacquemus sprechen. Er macht, dass der Hör-auf-Sinn-zu-machen Look von David Byrne Sinn macht!

Left: David Byrne, 1984. Right: Jacquemus, Fall 2016

Aber falls Du auf etwas aus bist, dass etwas moderater oversized geschnitten ist, plündere einfach den Kleiderschrank Deiner Mutter. Wenn Du Glück hast, hat sie beim letzten Frühjahrsputz nicht die Ende der 70er Jahre Angorapullis à la Hammelkeule entsorgt.

All fall 2016: Gucci left, Dior center, Lemaire right

Wo wir schon von Hammelfleisch sprechen, ich bin immer hungrig. Und sie, die hungrig ist, hat keine Angst vor Mustern. Die lassen Dich sowieso dicker aussehen und ich habe immer schon nach Mustern Galore gesucht, ein magisches Mix-and-Match Chaos, wie die Arbeit eines guten DJs im Berghain in Berlin. Gelangweilt von der floralen Vielfalt, habe ich mich auf die Suche begeben nach… Gemüse. Während Marie Antoinette proklamierte “Sollen sie doch Kuchen essen”,  proklamiert die gute grüne Fee “Eat your greens”, also “Iss Dein Grünzeug”, auch wenn das bedeutet, zum Frühstück den Shit aus ihnen herauszupürieren. Mach es. Deine Haut wird es Dir danken.

Irgendwie bezweifle ich, dass es Grünkohl auf einen plissierten Midi-Skirt, Maxi-Skirt oder asymmetrischen Show-Your-Twat Mini schafft, aber hey, Lady, ich meine, woman, ich könnte mich auch irren. Währenddessen zeige ich Dir das weltweit am meisten geliebte Gemüse (Rüben, was sonst?) von Stella Jean Frühling 2016, kombiniert mit Radieschen, Karotten und ich weiß nicht noch was, welche den Saum dieses Kleides zieren.

Stella Jean SS 2016 and SS 2015

Sag mir, dass dies nicht Stella Jeans Riff einer leberreinigenden Artischocke ist?

(Apropos Rüben: Kürzlich in London, auf positive Weise geschändet und in einem Rausch der Bestellung à la carte in einem Sushi Restaurant, fragten wir die Kellnerin, wie die Vorspeise aus “gekochten Rüben” sei und sie antwortete tautologisch, “wie eine gekochte Rübe”. Was mich verwirrt ist, dass wir alle begeistert antworteten, dass wir dann jeweils davon auch bitte gern eine hätten.)

Und was sehe ich da aus einem lockeren Korsett bei Prada herauslugen? Pfirsiche, Birnen, Pflaumen, klar, sicher, wir haben viele davon gesehen (insbesondere, wenn wir es riskiert haben, auf das Geschirr bei Dolce & Gabbana zu gucken). Prada hat seinen fruchtvollen Print mit Rautenstrümpfen in Peep Toes kombiniert. Und ich schwöre Dir: diese nuttige Kleopatra, die mit jemandem knutscht, der weder Antonius noch Caesar ist, unter einem sternenklaren Himmel mit einem Paar Süßkartoffeln dabei. Kartoffeln, ja, und nicht bloß irgendeine Knolle, sondern eines jeden Lieblingsknolle, die Süßkartoffel! Und plötzlich, näher betrachtet, habe ich meine Zweifel. Vielleicht ist es auch nur eine biologisch verbesserte Rübe. (Ich muss Christophe Chemin fragen, den Berliner Künstler, der den Print entworfen hat, dessen Standpunkt zu Prada ich aus tiefstem Herzen teile. In einem Interview mit i-D sagte er neulich: Ich finde [Pradas] Arbeit viel interessanter als vieles von den sogenannten Künstlern auf dem Markt.”)

Prada Fall 2016
Bernhard Willhelm Fall 2016

Bernhard Willhelm erkor den Kartoffelprint zum Thema seiner gesamten Herbst Linie. Bravo, TEOTTE! Mit diesen Kimonoärmeln sage ich Nein zu Chaturanga Dandasana, aber Hallo zur Kind-im-Arm-Pose!

Und während es bei Fendi kein Gemüse gab, nenne ich es Karls “Kartoffel-Kopf”-artiges Denken, diese chaotische Magie dabei, einen unmöglich sadistisch aufgeladenen Latexlook romantisch aussehen zu lassen, nachdem King Karl einmal seinen Zauberstab geschwungen hat. Keine Angst, Deinen cremigen Eintopf auf Deine Stiefel zu verkleckern. (Tatsache, diese Schuhe könnten von Cremaster Matthew Barney heraufbeschworen worden sein.)

Fendi Fall 2016

Wie sieht es aus, zwei exzellent miteinander kollidierende gemusterte Hosen, zum Beispiel, oder die grünen Leopardenprint Schuhe mit goldenem Brokat zusammenzubringen? Das ist nämlich, was Dries van Noten in seiner letzten Kollektion heraufbeschworen hat, inspiriert von der Schlange-tragenden Marchesa Luisa Casati. Offensichtlich, wenn sie nicht mit (ihrem Langzeitgeliebten) D’Annunzio dinierte, hatte sie Wachspuppen, die ihr am Abendessenstisch Gesellschaft leisteten (die was trugen, frage ich mich?) und sie wurden bedient von nahezu nackten Bediensteten, die sich mit Goldblättern bedeckten und sicherstellten, dass Luisa Casati niemals alleine dinieren musste.

Fall 2016, Dries Van Noten left, Sonia Rykiel right
Balenciaga Fall 2016

Es ist erfreulich, dass die Oversized Sicherheitsnadeln-Ohrringe von Balenciaga als Schaschlik-Double für gegrillte Physalis herhalten könnten. Die erste Kollektion vom Designer des Labels Vetements, Demna Gvasalia, artikuliert einen mittelübertriebenen Punk, und um es klarzustellen: “Punk”, also in Anführungsstrichen, und auch weniger ideologisch wie ein Verlangen nach, eine Lust auf den Sommer – also völlig greifbar.

Übersetzung: Nella Beljan