Selfmade Experts: Karina Venger über Wardrobe Detox

©Collage / Julia Zierer

Ich folge Karina aka Kabeaux schon eine Weile auf Instagram, als ich ihren Post entdeckte, der bei knapp 2,5k Followern auf stolze 111 Kommentare kam:

der morgen begann mit einem drama. die knöpfe an meinem neuen Carven mantel rosten, meine New Balance Made in UK lösen sich auf, ebenso meine Acne pop light jeans. alles müll, ernsthaft, wieviel muss ein kleidungsstück kosten damit es den alltag in Berlin überlebt? sollte kleidung nicht mit der zeit schöner werden? besonders wenn man ein vermögen investiert!? ich ziehe für mich einen schlussstrich und trage nur noch die klamotten die ich seit jahren im schrank habe, wie das trio auf dem foto. kein shopping bis september 2016 ☝

©instagram.com/kabeaux

 

“Nein”, antworte ich, “ein Minimalist bin ich nicht.” Ich mag Verschnörkeltes, ich mag mein überquellendes Bücherregal und insbesondere auf meine Sammlung diverser Streichholzschachteln im barocken Behälter aus Meissener Porzellan bin ich stolz. Ich mag es nur nicht, wenn Kaschmirpullover bereits vor dem ersten Tragen peelen und Schuhe keine Woche die Berliner Straßen überstehen. Den Handtaschen Zirkus lasse ich hier aus Platzgründen unerwähnt. Minimalism ist neben French Wardrobe ein populärer Hashtag, doch meiner ist teutonisch sachlich: Klamottentherapie. Ein Attest für zehn Monate Shoppingfreiheit mit dem Ziel, nicht mehr auf Qualität verzichten zu müssen. „Ja“, tippe ich weiter in die Tasten meines iPhones, „ich finde, es macht einen Unterschied, ob ich einen Pullover von Massimo Alba kaufe oder von einem skandinavischen Label, Made in Pakistan.“  

Meine Kleiderschrank-Strategie war immer dieselbe: Neun Leben sollen meine Investitionen haben, treue Begleiter kommender Generationen werden wie der himmelblaue Pullover meines Schwiegervaters, mein Begleiter an grauen Wintertagen. Beim Betrachten meines neuen Mohairmantels erkenne ich kein Erbstück, sondern nur die silbernen Knöpfe, welche stolz das Label präsentieren und pünktlich zum Wintereinbruch Rost ansetzen. Verkrustet ist auch die sogenannte „5 Pieces“-Idee. Vor fünf Jahren, als ich für Dicker Boots nach sowjetischer Manier mit anderen Isabel Marant Jüngern anstehen musste und meinem Vater genaue Anweisungen gab, welche Kleidung er mir aus dem Osten zu importieren hatte, weil auch 20 Jahre nach dem Mauerfall niemanden in Moskau die Güterknappheit amüsiert,  kaufte ich bedacht, hakte Listen ab und das Saison für Saison. Meine Garderobe war nicht preiswert, jedoch ihren Preis wert. 2015 war kein gutes Jahr verglichen mit den anderen: keine Listen und zahlreiche Reklamationen. Ich entscheide mich für Gegenmaßnahmen. Mein selbst erlegter Enthaltsamkeitsschwur ist auch als Manifest gegen meinen Shoppingwahn zu verstehen und gleichzeitig ein Sparvertrag für bessere Materialien.

Kleidung und Accessoires mit Mehrwert und dem Potenzial, jeden Trend zu überstehen, die existieren, ohne Frage. Sie zieren nicht nur die Samtbügel in der Rue Saint-Honoré, sondern verstecken sich in Florentiner Gassen oder in Hiroki Nakamuras Atelier. Understated Luxury ist mein Vorsatz für 2016. „To develope a good product that lasts long“, erklärt Nakamura, der Gründer von Visvim, „it’s very important to develop it from the inside, not from the outside“.

Nakumaras Philosophie gab mir zu denken. Meine Kleidung und Taschen sollen auch mit der Zeit schöner werden, mich auf Reisen beschützen und Geschichten erzählen. Wie so oft in der Mode, finde ich auch hier meine Inspiration in der Herrenabteilung: Mein Mann ist mein Vorbild. Obwohl wir nicht in einer 35qm-Wohnung im Marais leben, hält er sich strikt an wenige Teile pro Saison, die er ausschließlich auf unseren Reisen und nach Anprobe im Geschäft kauft, wogegen ich meine Münzen wegen exzessiven Onlineshoppings für ein Gelato zusammenkratzen muss und leidend in die polierten Schaufenster in der Via Roma starre. Handwerk hat seinen Preis und jedes Mal, wenn ich mir morgens heimlich einen Sweater aus der linken Schrankhälfte stibitze, bin ich motiviert, weiter zu verzichten und bis September durchzuhalten.

Autorenprofil

Phone Brain aus Kiew mit gesteigertem Kommunikationsdrang, der täglich auf Instagram praktiziert und gepflegt wird. Der Schwerpunkt liegt hier auf meinem Kater Heini, ein wenig auf Reisen und auf mich in meiner Wohnung in Kreuzberg. Ab 2016 werde ich mich auf meine Postgraduate-Bewerbung in Oxford vorbereiten und häufiger Bilder aus verstaubten Bibliotheken posten, durch IG entstandene Freundschaften mit realen Treffen besiegeln  und dem Rat von Kurt Vonnegut entgegengaloppieren (Coucou, Nes!) : „Practice any art to experience becoming“.