Rückblick: New York Fashion Week Februar 2016

©Collage / Julia Zierer

Wie immer kommen wir in New York an und das Thermometer sinkt in den zweistelligen Minusbereich. Was aber letztes Jahr noch für einen halben Nervenzusammenbruch sorgte, war dieses Mal total erträglich. Auch wenn manch einer aus dem im Vergleich dazu tropisch warmen Berlin doch nur den chicsten und zugleich dünnsten Mantel eingepackt hatte (immerhin schien die meiste Zeit die Sonne, und zwar strahlend, über uns).

Das Zusammentreffen der Creme de la Creme der Modebranche kommt nie ohne eine gute Portion Flurfunk aus. Und so ist mit den jüngst veröffentlichten News von Tommy Hilfiger und Proenza Schouler, dass sie einzelne Looks nach der Präsentation auf dem Runway direkt zum Verkauf auf ihre Websites stellen, einiges an Tradition dem Ende geweiht. Auch Kanye Wests vollgefülltes Stadium, um sein neues Album parallel zur neuen Kollektion von Yeezy vorzustellen, deutet auf „New Beginnings“ hin. Der Endkonsument stand nie mehr als jetzt gerade im Mittelpunkt und wir sagen: Her mit den Veränderungen, das kann ja alles nur spannend werden!

Übrigens diese Saison ebenfalls eine interessante Neuerung: selten war soviel Snapchat angesagt. Mit Argusaugen folgte ich der amerikanischen Vogue, die ihren Job ganz vorbildlich gemacht hat (die traditionsreiche Marke ist also ganz adäquat im digitalen Zeitalter angekommen).

Veronika

Persönliches HighlightAuf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Marc Jacobs! Noch auf dem Weg dorthin, überpünktlichst und innerlich schon beim Recap aller Shows von New York, hoffte ich heimlich auf ein weiteres Spektakel. Und wurde nicht enttäuscht!!! Zurück in der Park Avenue Armory, Marcs bewährter Location (nach seinem Ausflug letzte Saison ins Ziegfeld Theatre), lief ich fast in Juliette Lewis rein – I mean, really?! Für mich nicht nur eine sagenhafte Schauspielerin und meine Teenage Ikone, sondern das perfekte Marc Jacobs Girl schlechthin.

Dann strahlendes Weiß. Eine gigantische, zirkusartige Arena mit Platzanweisern, die riesige Buchstaben hochhalten, damit man sich zurecht findet. Die Front Row ist wie immer hochkarätigst besetzt mit Sofia Coppola, Kiernan Shipka, Zosia Mamet etc. und wird abgerundet von schrillsten Drag Queens in total MJ. 17:59 und die Show startet natürlich on Time mit folterartig schrillen Tönen, die jedem Gast die Tränen in die Augen treiben.

Die Looks erinnern sofort an die SS16 Kollektion – Baseballsweater, Baggy-Jeans, feinste Spitze, asymmetrische Layer-Pelze – nur die Farbskala ist eine andere, nämlich in allen “Shades of Darkness” kombiniert mit Platformboots, welche die New York Dolls definitiv hätten vor Neid erblassen lassen. Diese sagenhaft geschmückten, turmhohen, marschierenden Models sind so unglaublich, dass man die schrillen Töne fast vergisst. Eine kleine Blondine fällt zuerst nur auf, weil sie zwei Köpfe kleiner ist, auf den zweiten Blick erkennt man: Es ist GAGA!

Beste Show(s)Definitiv Altuzarra! Besonders die weich fallenden, weit schwingenden, seidenen Bandana-Print-Kleider mit Perlenknöpfen haben es mir angetan. Mein Liebling: mit einem gerippten Rolli drunter. Der Print war auch auf Shearling Parkas zu finden und die Taschenfamilie bekam Zuwachs von einer kleinen Saddlebag, deren Kettenhenkel ebenfalls mit jenen Bandanas umwickelt war. Noch lauter „WANT WANT WANT“ riefen die tollen Schuhe. Hier mein Liebling: die Stiefelette mit Bandana-Allover-Print, neben mit Seidentuch bezogenen Mary Janes und fantastischen Overknees mit Croc-Stempelung.

Bei Michael Kors Shows fasziniert mich immer wieder, wie relaxed wahrer Luxus aussehen kann. Und beim Re-See erfahre ich auch, woher das kommt: Für den täglichen „School Run“ durch die Hamptons warf sich Michaels Mom regelmäßig einen ihrer Pelze über und behielt ihr seidenes Nachthemd drunter einfach an. Großartige Geschichte, oder?! Mein absoluter Favorit war die bestickte Glitzerhose zum Cashmeresweater.

Beste LocationSies Marjan zeigte in einem Abrissloft mit Blick aufs Wasser und wie bestellt fiel die Sonne durch die deckenhohen Fenster. Fest steht, dass Sander Lak, ehemaliger Assistent von Dries van Noten, mit seiner ersten Show definitiv einen absoluten Head-Start vorlegte. Bureau Betak produzierte, Vetements Lotta Volkova stylte und PR Consulting sorgte für das richtige Publikum: angefangen bei Anna Wintour, Natalie Massenet und on top und ganz exklusiv die Buyer von Barneys New York – denn in dem Luxuskaufhaus wird das Ganze gelauncht.

Bestes DinnerAuch hier darf man mir Wiederholung vorwerfen: Edun und das Collectorsmagazin Office deckten den Tisch vom Penthouse des Standart Hotels im East Side – mit sagenhaften Blick auf die nächtliche Skyline. Bono erzählte mir beim Nachtisch, wie riesig sein Respekt für Angela Merkel ist und was die wichtigsten Regeln im Umgang mit Paparazzi sind.

LieblingsmodelYana von Women Management, mit vollem Namen Yana Bovenistier. Auf den ersten Blick ist die gebürtige Belgierin die Latina-Version von Mica Arganaraz (und die ist Argentinierin), auf den zweiten Blick ist sie einfach nur Badass.

Beste ÜberraschungMein Vorab-Besuch im Atelier von Calvin Klein. Creative Director Francisco Costa hat sogar in den enorm stressigen Momenten des Fitting-Countdowns vor der Show unschlagbar gute Laune. Inspiring!

Julia

Persönliches Highlight: Mit 33 ist man eigentlich zu alt, um Fan von jemandem zu sein. Vor allem, wenn es sich um eine Frau handelt, die gerade die 40 überquert hat. Bei Chloë Sevigny mache ich ohne mit der Wimper zu zucken eine Ausnahme und kein Geheimnis daraus, dass sie kurz nach Kate Moss für mich die Personifizierung des „You can have it all“ ist – scheinbar nie erwachsen werden zu müssen und dabei noch frisch auszusehen. Zusammen mit DJ Michel Gaubert lud sie in New York ein, um die Kooperation mit dem Parfumlabel namens Regime des Fleurs (aus Los Angeles) zu feiern. Im Cafiero Select, einem gut kuratierten Shop für Interieur, standen Rachel Chandler (Fotografin), Hari Nef (Model, Schauspielerin, Schreiberin…) und Konsorten bei Tee zur Mittagszeit schön Schulter an Schulter und rochen an den Flakons bis zum Highwerden.

Beste Show(s)Veronikas und meine Aufgaben sind unterwegs klar aufgeteilt, pro Stadt erlaube ich mir meist eine Show. Viel zu spät habe ich bemerkt, dass die Präsentation von The Row einen Besuch wert gewesen wäre und zum Ausgleich fürs Verpassen entschädigte Rosie Assoulin. Bunte Kerzen, Klaviermusik, tolle Mädchen, zentrale Location, verträumte Entwürfe: Ja, auch diese Prinzessinnenmomente kriegen mich dann von Zeit zu Zeit. Ähnlich ging es auch bei Delpozo zu. „This is Art“, textete Camille Charriere von Camille Over the Rainbow in ihren Snapchat Post und den gleichen Kommentar schickte mir meine liebste Freundin Stephanie, die gerade am Courtauld Institute in London einen Essay über Fritz Langs Sci-Fi-Film Metropolis schrieb. Dieser war übrigens auch die Inspiration für diese atemberaubende Kollektion.

Beste KunstJep, die Woche mit einem Besuch im Guggenheim zu starten, läuft für mich unter “Arbeit”. Lucky me, möchte mich mal jemand kneifen? Die Einzelausstellung How to work better? von Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss entführt mich für eine Stunde in eine komplett andere Welt. Die beiden Videos Der Lauf der Dinge und The Point of Least Resistance hatte ich vorher schonmal gesehen, doch hier in Museumsatmosphäre wirken sie doch noch viel beeindruckender. Auch die Serie der fotografierten, zusammengesteckten Küchengegenstände Equilibriums / Quiet Afternoon (1984 – 86), die auf die potenziell entstehende Langeweile im Künstlerleben anspielen sowie die Skulpturen aus Ton Suddenly this overview (1981 bis heute) brachten mich zum Schmunzeln, die Fotografien der Flughäfen (Airports 1987 – 2012) zum Nachdenken und die Sausage Series (1979) zum Umdenken.


Beste ÜberraschungDie Designerin Misha Nonoo lud zusammen mit RewardStyle zu sich nach Hause ein und gab das Vorzeigebeispiel der perfekten Gastgeberin. Den Geladenen sollte es tatsächlich an nichts fehlen und so saß eine Handleserin mit Taschenlampe bewaffnet neben der Bar. Wir ließen uns diese Möglichkeit nicht entgehen und sind jetzt schlauer als zuvor. 2016, bring it on.

Julia hat 2007 einen der ersten Modeblogs in Deutschland mitgegründet und als Consultant für Digitale Strategien gearbeitet, nachdem 2010 ihr erstes Buch erschienen ist. Nach vier ereignisreichen Jahren bei Condé Nast, in denen sie hauptsächlich für den digitalen Bereich der deutschen Vogue verantwortlich war, entschloss sie sich, ihr eigenes Online Magazin zu gründen, gemeinsam mit der Partnerin ihrer Träume – mit Veronika Heilbrunner. Julia lebt und arbeitet in Berlin und liest gerne Bücher.