Kolumne: Die egoistische Seite der Dankbarkeit

©artwork by Charles Bals / Another Slang

Für eine kurze Pause von Laptop und Smartphone verschwinde ich manchmal aufs Laufband, tauche danach ab in die Sauna, gefolgt von friedlich duschen und ohne Zeitdruck die Haare föhnen. Praktischerweise liegen im Ruheraum des heiligen Ortes, an dem das oben genannte Prozedere stattfindet, auch noch Zeitungen aus (Print! Haptisch!), sodass ich je nach Tageslaune entweder die erste Seite der Süddeutschen Zeitung oder der New York Times überfliege.

Vor ein paar Tagen trat wieder einer dieser Momente ein, ich entschleunigte und las: „The Selfish Side of Gratitude. Letzteres ein Buzzword (schlimmer Ausdruck), das mich verfolgt: In meinem gleichnamigen Lieblingsrestaurant in Los Angeles fragt selbst die Bedienung beim Abräumen des Tellers: „So what are you grateful for today, Julia?“, was einen beim ersten Besuch kurz verwirrt und danach nicht mehr.

Im Trailer von Judd Apatows (Produzent von Girls) neuer Serie Love auf Netflix kommt der Begriff vor und nun noch einmal in aller Ausführlichkeit in diesem Artikel. Erneut geht es um Studien, die belegen, dass altruistisches Verhalten am Ende doch immer einem egoistischen Antrieb folgt: Man fühlt sich nicht nur besser, man lebt angeblich auch gesünder („stärkeres Immunsystem“) und im Einklang mit seinem sozialen Umfeld.

Doch was heißt das jetzt genau, was müssen wir tun? So oft es geht Danke sagen? Danke, liebe Veronika, dass du mir jeden Tag eine so tolle Partnerin bist. Danke, liebe Eltern, sowieso für alles. Danke, liebe Yogalehrerin, für diese tolle Unterrichtsstunde. Danke, liebes Laufband, für das Runner’s High. Danke, liebe Mitmenschen, für inspirierende Gespräche, für das Einspringen in brenzligen Situationen, den guten Freunden fürs Zuhören und Quatschmachen, danke, lieber Kater, dass du meinen Kopf einen Tag auf Stand-by gesetzt hast.

Man käme ja streng genommen aus dem Dankesagen gar nicht mehr heraus und wäre den ganzen Tag über eigentlich wunderbar beschäftigt. Doch meint es das wirklich? Wann empfindet man denn richtigen Dank, aus tiefstem Herzen? Sagt man es dann nicht sowieso? Oder vergisst man es etwa ab und an? Das Prinzip ist ja ersichtlich: In dem Moment, in dem man sich über sein Gegenüber Gedanken macht, rückt die Selbstzentrierung in den Hintergrund. „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann. Frag lieber, was du für dein Land tun kannst“, warf schon US-Präsident John F. Kennedy zu seiner Amtsantrittsrede in den Raum und war damit näher am aktuellen Zeitgeschehen, als er sich wohl je hat träumen lassen.

Prinzipiell habe ich nichts dagegen, dankbar zu sein. Aber der Vorschlag vom Harvard Mental Health Letter, pro Monat einmal schriftlich seinen Dank zu bekunden, scheint mir zu systematisch. Ja, natürlich bin ich dankbar für ein warmes Zuhause, mein bisher gutes Leben und alle Möglich- und Nettigkeiten darin, die Rückschläge eingeschlossen, aus denen ich wachsen konnte. Doch diese Feststellung reicht mir, wenn sie mich in unkontrollierten Momenten überkommt und ich mich den Rest des Tages komplett mit dem Jetzt auseinander setzen kann und mich den pragmatischen Dingen des Lebens widmen darf. Und am allerliebsten ohne, dass mir jemand ein schlechtes Gewissen einreden möchte, heute noch nicht dankbar gewesen zu sein. Ob das egoistisch ist? Nicht egoistischer als sich nur zu bedanken, weil man sich davon etwas verspricht.

LIEBSTEN DANK AN CHARLES BALS VON ANOTHER SLANG FÜR DIE WUNDERSCHÖNE COLLAGE

Julia hat 2007 einen der ersten Modeblogs in Deutschland mitgegründet und als Consultant für Digitale Strategien gearbeitet, nachdem 2010 ihr erstes Buch erschienen ist. Nach vier ereignisreichen Jahren bei Condé Nast, in denen sie hauptsächlich für den digitalen Bereich der deutschen Vogue verantwortlich war, entschloss sie sich, ihr eigenes Online Magazin zu gründen, gemeinsam mit der Partnerin ihrer Träume – mit Veronika Heilbrunner. Julia lebt und arbeitet in Berlin und liest gerne Bücher.

Updates über ihre beruflichen nächsten Schritte gibt es via https://www.linkedin.com/in/juliaknolle/