Interview: Olafur Eliasson

©Collage / Julia ZIerer, Portrait "The Guardian"

Olafur Eliasson wird in der Thyssen-Bornemisza-Stiftung in Wien bis zum 20. März 2016 seinen “Green light”- Workshop für Geflüchtete abhalten, bei dem es auch darum gehen soll, wie man sich in dieser turbulenten Welt überhaupt noch zurecht finden kann.

Diese ‘Little Suns’, die kleinen aufladbaren Sonnen, die über Leuchtioden, also LED, Helligkeit spenden, hat der Künstler Aiweiwei gerade an die Kinder von Geflüchteten auf Lesbos und in Idomeni verteilt.

Am 18. März eröffnet darüber hinaus im Kupferstichkabinett Berlin die Ausstellung “Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson”.

Wir haben mit Olafur Eliasson über sein Schaffen, über die Angst vor Fremden, die De-Emotionalisierung der Gesellschaft und die Verantwortung von Kultur und Kunst gerade in Zeiten wie diesen gesprochen.

 

Welche Rolle spielt die Kultur in Zeiten wie diesen?

Olafur Eliasson: Kultur ist wie eine zusätzliche Lunge unserer Gesellschaft, durch die sehr viel Luft geatmet wird. Im Moment findet in Europa eine stark fremdenfeindliche und defensive Polarisierung statt. Das Verhalten wird in hohem Maße egoistisch. Ich glaube, wir sollten nicht unterschätzen, dass im Kultursektor in Europa mehr Menschen arbeiten als in der Autoindustrie zum Beispiel. Der kulturelle Sektor ist als Teil der europäischen Ökonomie ein sehr robuster und beitragender struktureller Teil.

In jedem kleinen Dorf gibt es ein kleines Theater. Der Schullehrer, der Polizist, der Pfarrer, alle üben zusammen jeden Winter ein Theaterstück ein. Sie kennen sich untereinander. Das heißt: Kultur hat ihre Füße auf dem Boden und dadurch genießt sie ein gesellschaftliches Vertrauen. Dieses Vertrauen hat sehr viel mit Verantwortung zu tun.

Es geht also im weitesten Sinne um Vertrauen…

Dem Finanzsektor traut man natürlich nicht mehr, nachdem der alles mit dem gierigen und irrationalen Verhalten aus den Fugen gebracht hat. Andererseits zeigen sich die populistischen Tendenzen auch stark in der Politik, weshalb man ihr nicht mehr richtig vertrauen kann. Man kann also niemandem mehr trauen außer der Kultur, und damit meine ich noch nicht einmal die Kunst. Das finde ich zivilgesellschaftlich betrachtet interessant. Auch ohne es besser zu machen, sieht der kulturelle Sektor, unter anderem die Kunst, gar nicht so schlecht aus. Weil alle anderen das alles so dämlich machen.

Welchen Stellenwert hat die Kunst für Sie im Hinblick auf die Gesellschaft?

Ich sehe Kunst als Teil der gesellschaftlichen Struktur. Ich halte es für sehr wichtig, dass Kultur als ein Zentralelement in der gesellschaftlichen Maschinerie wahrgenommen wird. Und so sehe ich mich als Teilnehmer. Nicht wichtiger als jeder andere, aber grundsätzlich sehe ich mich als aktiven Teilnehmer der Gesellschaft.

Was macht gute Kunst mit der Gesellschaft?

Unsere Gesellschaft leidet an einem emotionalen Defizit. Es gibt eine sinnliche Armut. Das hat nicht nur mit unserer Selbstauffassung zu tun, sondern auch stark mit unserer Angst vor Fremdem. Außerdem hat es damit zu tun, wie ich mich in der Welt sehe: als Produkt oder als Produzent. Da bietet die Kunst natürlich eine Möglichkeit, sich seiner eigenen De-Emotionalisierung bewusst zu werden. Natürlich kann Kunst selten die alleinige und allgemeingültige Lösung sein. Sich aber grundsätzlich mit etwas Abstraktem zu beschäftigen, ist unglaublich reizvoll und für Mensch und Gesellschaft geradezu ‘gesund’. Allerdings ist es auch schwierig.

Inwiefern ist Kunst schwer?

Man konsumiert ein Kunstwerk ja nicht. Sich von einem Kunstwerk begeistern zu lassen, heißt auf eine Art, dass man ‘produziert’. Als Betrachter produziert man ein Erlebnis davon. Wenn es jemandem gerade schlecht geht, und derjenige schaut sich in diesem Moment Bilder an, dann wird er genau das sehen, was er in das Bild hineinprojiziert und damit für sich ‘produziert’. Und so wird man auf einmal vom Konsumenten zum Produzenten.

Wenn ich der Gesellschaft ihre De-Emotionalisierung vorwerfe, hat es oft mit dem fehlenden Vertrauen zu tun, sich der Kunst so zu widmen oder sich ihr gegenüber so zu öffnen, dass man sich auch zutraut oder bereit dazu ist, sich selbst darin zu sehen oder zu begegnen.

Welche Rollen spielen Museen bei der De-Emotionalisierung?

Die Menschen gehen heutzutage mit der Erwartungshaltung in Museen, etwas ‚geliefert’ zu bekommen – als sei es ein Filmpalast. Sie bekommen aber nichts mit dazugehörigem Popcorn ‚geliefert’, sondern müssen sich pro-aktiv in die Welt hineinbewegen und sich darin aktivieren. Das halte ich für sehr interessant. Wenn sich die Museen das auch zutrauen würden, kein leicht konsumierbares Programm zur Freude der Politiker zu liefern, wäre viel erreicht.

Wie würden Sie Ihren ganz persönlichen Prozess von einer Idee zur Umsetzung eines Werkes beschreiben?

Der Abstand zwischen Idee und Aktion ist viel größer als man denkt. Das, was den künstlerischen Prozess interessant macht, ist Folgendes: Man hat eine Idee, die zunächst in vielen Fällen kaum in Worte zu fassen ist. Vielleicht gibt es die Idee nur als Instinkt oder Intuition oder als einen leichten Stress. Ideen können auch unangenehm sein. Der erste Schritt ist getan, wenn sich diese Idee in eine Skizzenphase hineinbewegt.

Man denkt immer, man müsse von der Idee aus vorwärts weiterdenken, aber manchmal lohnt es sich auch anzuschauen, woher die Idee kam. Dann hat man plötzlich eine Idee nicht mehr als einen Punkt gedacht, sondern als eine Linie. Sie hat eine Vergangenheit. Man hat auf einmal einen sichtbaren Weg. Der Weg geht dann von der Skizze in ein Modell über. Auf einmal spürt man, wie die Idee einen Körper bekommt.

Manchmal ist sehr viel Zeit dazwischen, manchmal geht es ganz schnell. Manchmal kann ein Körper aus Worten bestehen, manchmal aus Theater oder Tanz oder aus einer Situation. Jedenfalls ist das der entscheidende Moment, in dem die Idee in den Körper hineingreift, denn wenn sie einen Körper hat, dann nimmt sie Raum ein, und wird damit Teil der Welt.

Wie fühlt sich das an, mittels der Kunst Teil der Welt zu werden?

Für mich ist das mit einer großen Befriedigung verbunden, wenn ich denke, dass das, was ich mache, Konsequenzen hat. Vielleicht nicht gerade große und in unserer Gesellschaft marginalisierte oder kaum wahrnehmbare, aber immerhin fühlt man sich nicht von der Gesellschaft getrennt. Man ist nicht in einer Ist-mir-egal-Haltung.

Für mich macht das gerade die Kunst so interessant: dieser Umsetzungsprozess und die Beeinflussung nicht nur von Raum und Gesellschaft, sondern auch von Zeit. Nach der Fertigstellung des Kunstwerks, nach einem solchen Prozess und das kann eine Woche, Monate oder sogar Jahre dauern,  ist der Prozess noch immer nicht abgeschlossen oder es beginnt ein neuer Prozess: der Prozess des Rezipienten. Der Besucher eines Museums beispielsweise betrachtet das Werk und nimmt es in besonderen Fällen in seine Erinnerung auf und damit mit.

Wie begeistern Sie Menschen für Kunst?

Sich von Kunst über sein eigenes Engagement begeistern zu lassen, halte ich für sehr wichtig. Das ist für mich stark damit verbunden, dass man ein Gespür in sich und für sich entwickelt, womit man sich beschäftigt, vielleicht auch sogar unbewusst. Ich glaube mit dem Potenzial der Kunst kann man viel erreichen, mit Kreativität kann man etwas bewegen. Das kann wirklich jeder, oft fehlt nur das Vertrauen.

Wie gehen Sie mit Zweifeln um?

Zweifel sind wie ein Werkzeug. Ich weiß, dass in jedem Bord von Direktoren und in jeder Definition von ökonomischer Bildung Zweifel ein kontraproduktives Wort ist. Man ist dann unentschieden und das wird gesellschaftlich tabuisiert. Niemand traut sich zu sagen, dass er zweifelt. Außer es geht um etwas Protektives. Oft wird ja Konservatismus als Zweifel verpackt: Ich bezweifle, dass das die richtige Entscheidung ist. Das heißt ja nur, ich finde, es ist nicht die richtige Entscheidung.

Aber richtige Zweifel haben auch damit zu tun, dass man seinen emotionalen Zustand noch nicht in Worte fassen kann und dadurch noch nicht so genau weiß, wie sich die Dinge anfühlen. Das zu äußern, ist eine Exponierung deiner selbst, die einen sehr verletzbar sein lässt und zeigt. Wenn man sich das aber zutraut, sich verletzbar zu zeigen, dann ist man richtig stark. Das traut sich, so wie ich es sehe, niemand zu.

 

Little Sun

Olafur Eliasson hat ‘Little Sun’ gemeinsam mit dem Ingenieur Frederik Ottesen entwickelt. Seit drei Jahren geht die Lichtquelle und damit ein soziales Unternehmen um die Welt. ‘Little Sun’ ist eine Solar-LED Lampe in Form einer kleinen Sonnenblume. ‘Little Sun’ ist bereits in zwölf Ländern in Afrika erfolgreich. “Wir arbeiten hauptsächlich in Gebieten, die keinen Zugang zu elektrischer Energie haben.” Jetzt gibt es ein neues Projekt: das ‘Little Sun’ Aufladegerät für Mobiltelefone, das auf ähnliche Weise über eine kleine Solarpanele die Sonnenenergie einfängt.

Aiweiwei verteilt die ‚Little Sun‘ an Kinder von Geflüchteten auf Lesbos und in Idomeni