Anne Philippi trifft Judd Apatow

© Collage / Julia Zierer

Vierzig Minuten sind in Presse-Junkett-Zeitrechnung ungefähr ein Jahr, also sehr, sehr lang. Vor ein paar Jahren verbrachte ich ein Jahr, also 40 Minuten, mit Judd Apatow um damals über den Film “This is 40” zu sprechen. Ich mochte den Film nicht, aber ich vergaß das nach einer Minute. Judd Apatow ging gleich ans Eingemachte. Apatow sagte er habe vor kurzem genug von Peniswitzen, die in einen früheren Filmen wie “Funny People” oder “Knocked Up” vorkamen, er habe aber noch nicht genug von Hämmoriden-Witzen. “Ich folge einer einfachen Regel. Ich mache Witze über die Dinge, die ich kenne. Da kenne ich keine Grenze. Hämmoriden und der Alltag in einer Ehe gehören dazu.” Also Grundkurs Philosophie. Sprich über die Dinge, die du kennst und wühle gleichzeitig in einem Papierstapel, wenn du du das tust.

Vor ein paar Stunden traf ich Judd Apatow wieder. Diesmal hatten wir kein ganzes Jahr, sondern nur wenig Zeit in einem sehr großen Hotel in Pasadena. Eines dieser Hotels, die auf der Website sehr luxuriös aussehen, aber eben nur dort.  Netflix hatte eingeladen und in all den Zimmer fanden Interviews für die neuen Serien statt, auch für “Love” von Apatow. Er kam ein paar Minuten zu früh und stellte sich vor den Tisch. Vor ihm lag ein Zettel “Talent, please introduce yourself”.  Der Zettel sagte dem Star, er solle selbst sagen wer er ist, falls die Menschen am Interview-Tisch das nicht wissen, was sehr unwahrscheinlich ist. Apatow stellte sich nicht vor, vielleicht hatte er heute keine Ahnung, wer er genau um diese Uhrzeit am frühen morgen denn sein sollte.

Apatow trug das, was er vor drei Jahren getragen hatte. Einen unidentifierzbaren Anzug, also markenmäßig. Er hatte ihn vielleicht bei einem No-Name-Italiener auf La Brea in Los Angeles gekauft. Das Muster seines Hemdes hatte ich nach drei Minuten vergessen. Judds Augen glänzten, er war müde und daher sympathisierte er mit der Person im Raum, die am größten Jetlag litt und nicht mehr klar denken konnte “You look fried!” sagte er zu der übermüdesten, unkonzentriertesten Journalistin.  Der Mann schaute selbst ein bischen “fried“, hatte in der letzen Zeit eine Menge um die Ohren, arbeitete mit Lena Dunham an “Girls”, mit Amy Schumer brachte er letze Jahr “Trainwreck” raus, und jetzt produzierte er diese Show für Netflix. Da  geht um ein Mädchen (Mickey) und einen Jungen (Gus), Kinder aus Los Angeles, die sich von Textmessages und Facebook-Updates durchs Leben führen lassen.  Wir sprachen nur kurz über Gus und Mickey, denn falls man Judd Apatow schonmal da sitzen hat, geht es doch immer nur um die eine Frage: wie macht er das mit dem Leben in Hollywood und gleichzeitig außerhalb Hollywoods und wie findet er all diese Menschen, die wir in Filmen oder Serien von Judd sehen wollten, bis der Arzt kommt?  Die Antwort lag in einem Foto von 1975, auf dem Judd Apatow an Halloween als Harpo Marx verkleidet war. Sein Geburtsfoto, wenn man so will. Es ist die Stunde, in der Judd Apatow ein Kinder-Stand-Up-Comedian wurde.  Ein Foto, das Apatow als Cover für sein Buch “Sick in the Head: Conversations About Life and Comedy” ausgewählt hatte, denn seit diesem Foto hatte Apatow als Nerd-Kind andere Comedians bis aufs Blut mit Fragen gequält, um zu erfahren, wie sein eigenes Leben aussehen konnte. Auf diesem Foto ist Judd acht Jahre alt und im Prinzip unterschied der Blick auf diesem Foto sich keine Sekunde von den Mann mit diesem undefinierbaren Anzug in Pasadena. Als Achtjähriger wußte Judd Apatow alles, was es über das Leben zu wissen gab und damit waren wir an diesem Morgen bei Philosophie für Fortgeschrittene.