Anne Philippi trifft Erica Jong

©Collage / Julia Zierer

Sie sitzt dort vor einem Teller mit Keksen und Wasser und trägt eine ockerfarbene-blaue Bluse. Ihre Augen stechen heraus, wie neue Diamanten, ihr Blick ist konzentriert. Ihre Aura ist die einer “No Kidding” New Yorkerin. Wohl immer gewesen.

Erica Jong, 73, hat nichts von der älteren, netten Tante, die einem alle möglichen Unsinnsfragen der Welt beantworten. Erstmal nur eine. “Welche Ehe ist die beste? Die vierte Ehe ist die beste”, sagt Erica Jong und macht eine Art Kussmund. Die Frau ist Schriftstellerin und hat die wichtigsten Dinge in ihrem Leben geregelt. Erstens: Ihr Mann, der aus der vierten Ehe, hat ihr bei einem Essen damals auf eine Serviette geschrieben, sie könne über alles in ihrem Leben schreiben und er wäre “OK” damit. Für immer. Er hat die Serviette Ernst gemeint. Die beiden sind über 20 Jahre verheiratet. Zweitens: Ericas Tochter Molly liest die Bücher von Jong nicht und wird aber seit ihrer Jugend auf die Bücher ihrer Mutter angesprochen und schreibt darüber, sehr amüsant, wie sie darauf angesprochen wird, wie sie damit lebt. Das hat aus ihr eine Schriftstellerin gemacht. Zum Beispiel auf “Lenny”, der Online Plattform von Lena Dunham.

1973 wird Jong zu einer Ikone, zu einer Autorin, die Frauen aus einer neuen Seele zu sprechen scheint, die sie zu dieser Zeit entwickeln. Ihr Roman Fear of Flying erzählt von einer solchen Frau, die aus einer Ehe ausbricht. Erica erfindet und prägt im Roman den Begriff  “Zipless Fuck”, eine Technik, die ihre Heldin praktiziert. Sex ohne Bindung, ohne Ehering. Zu dieser Zeit ist das kein Tinder Sex, sondern ein Skandal. Das Buch wird ein Bestseller, Frauen verlassen ihre Männer und ungeliebte Ehen. “Viele sagten mir damals, ich fühle mich nicht mehr als Freak. Sie verstehen mich.”

Ericas neues Buch heißt jetzt Fear of Dying und damit möchte sie eigentlich ihr “eigener Philip Roth sein.” Heißt: Sie will genauso über eine Frau in ihren Sechzigern schreiben, wie sie es im neuen Buch macht. Ohne Umschweife. Und mit Humor. “Mir geht es darum, jede Stufe in einem Frauenleben zu beschreiben.” Diese Stufe ist mit Sicherheit die riskanteste. Wie beschreibt man Sex und Angst vor dem Tod, wenn man nicht mehr 30 ist und alle dich cool finden? So, dass man darüber lachen muss. Die Gesichtszüge der Hauptfigur sind andere, als in Fear of Flying, aber ihr Herz, ihr Kopf ist derselbe. Man wird in dem Sinne nicht alt. Das sagt Jong und man glaubt ihr.

Das Schöne an Erica ist: Man stellt sich die Frage nach dem Altern in Jongs Gegenwart nicht wirklich. Erica hat beschlossen, möglichst lange schön und glatt zu bleiben. “Wir brauchen heute keine Schönheitsoperationen mehr, es gibt ja andere Mittel, die wir anwenden können. Filler und Botox, es gibt viele neue Techniken. Wir brauchen allerdings auch keine Frauen, die sich über die Schönheitsbehandlungen von anderen Frauen lustig machen. Das ist für mich ein neuer Sexismus. Und eigentlich der Schlimmste von allen.” Aber Erica möchte darüber gar nicht so viel sprechen, denn es stehen noch ein Ausflug in den Berliner Concept Store The Corner an und Erica sucht dezidiert erstmal keine deutsche Mode. “Die Mode hier ist etwas unchic. Das mag ich nicht so. Wir wollen doch nicht auseinanderfallen.”