Kolumne: Das Chaos akzeptieren

© Franziska Steinle

Julia Knolle hat sich vorgenommen nicht mehr so streng mit sich zu sein, auch wenn das heißt ein wenig Chaos in den sonst so geregelten Alltag zu lassen

Ordnung und Struktur: Nichts liebe ich mehr als das. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, ein geregelter Wochenablauf hilft, zielgerichtet – ohne groß nachzudenken und immer alles in Frage zu stellen – Entscheidungen zu treffen. Das ist kein Wunderwerk, sondern einfach nur ein Konzept, das aufgeht, sich bewährt hat.

Nun ist es aber auch so, dass der eigene Ehrgeiz ein willkommener Antrieb dafür ist, Dinge abzuarbeiten. Diese Freude, Punkte von der To-do-Liste endlich streichen zu können: Man sehnt sich förmlich nach diesem Blatt voller abgearbeiteter Stichpunkte (und strengt sich dafür an wie ein kleiner Hamster in seinem Laufrad), am liebsten schon freitags um 11.30h – kurz vor der Mittagspause. Das Nichtvorhandensein von Pflichten scheint also die Garantie, vielleicht sogar die Bedingung, für einen Zustand der Entspannung zu sein.

Denn hat man erst einmal alles erledigt, kann man sich getrost auf die mindestens genauso schönen Dinge des Lebens konzentrieren. Mal keine Pläne machen, sondern stundenlang einfach “nur” lesen oder zum Sport gehen, ohne auf die Uhr zu achten. Letzte Woche, als ich nach einem langen Tag im Büro in der Kälte unterwegs war (Erledigungen über Erledigungen), kam mir jedoch ein Gedanke: Was mache ich hier eigentlich? Gehöre ich nicht aufs Sofa? Um genau mal NICHTS zu tun? Mein Körper lechzte nach Ruhe, der Kopf war unruhig. Kurz fragte ich mich: Ist das hier schon neurotisch, dieser Erledigungsdrang?

Ich bewundere Menschen, die sich davon befreien können. “Ach, das mache ich morgen” – und zack!, den Kopf ausschalten und nicht nervös werden, weil das Auto nicht gewaschen ist oder die Wäsche nicht zusammen gelegt. Je weiter man sich erlaubt, akribisch und perfektionistisch immer alles sofort zu erledigen, desto unfähiger wird man, so meine steile These, so eine Art von Chaos zu akzeptieren.

Die letzten Wochen und Monate standen bei hey woman! im Zeichen der Veränderungen. Tief in mir drin sagte eine Stimme: “Mensch großartig, endlich passiert mal etwas.” Eine neue Herausforderung, die ein wenig Action in festgefahrene Strukturen und Tagesabläufe bringt. Lösungen finden (übrigens ein weiteres Hobby von mir)! Es gibt kein Problem, das mir über den Kopf wächst… Falsch gedacht!

Was mir relativ schnell auffiel: Um irgendwie ans Ziel zu kommen, musste ich lernen, umzudenken. Uff, mit 35 nochmal ran ans Eingemachte: Wo reagiere ich vielleicht nicht richtig? Welche Denkansätze brauchen einen neuen Anstrich, ohne dabei die Grundsätze meines Charakters in Frage zu stellen oder gar komplett umzukrempeln? Wie meistert man diesen Prozess souverän, ohne zwischendurch eigentlich nicht die leiseste Ahnung gehabt zu haben, was man eigentlich macht?

Und ja, wie gerne würde ich zum Beispiel weiterhin wie gewollt (und geplant), fünfmal die Woche zum Sport gehen – weiß aber nicht, wie das nach einem 14-stündigen Arbeitstag noch gehen soll. Wie werde ich morgens innerhalb kürzester Zeit wach, um nicht später als 8.30h im Büro zu sein, OHNE Kaffee zu trinken? Oder wie gerne wüsste ich immer ganz genau, welche Ansagen das Team jetzt braucht. Oder wie kriege ich es hin, wirklich JEDE E-Mail des Tages bis Feierabend nett, freundlich und professionell beantwortet zu haben? Was bringt es, meine Energien auch noch damit zu verschwenden, mich sogar noch in das “Nicht-Perfekte” hineinzusteigern, statt es einfach gut sein zu lassen und darauf zu vertrauen, dass wieder Zeiten kommen, in denen man sein Leben scheinbar besser im Griff hat?

Im Idealfall gelingt es nach einem kurzen Austausch mit der besten Freundin, nach einem liebevollen und achtsamen In-sich-Gehen, sogar am nächsten Morgen darüber zu lachen, dass es eine Weile etwas anders läuft als sonst. Welche Pfeiler gibt es, die mir Stabilität bieten, um für den restlichen Part des Abenteuers gestärkt zu sein? Das “Nicht-so-streng-mit-sich-Sein” ist wahrscheinlich jetzt schon mein größtes Learning der kommenden (356 minus 40) Tage. Mal sehen, was die kommenden Monate noch so für mich in petto haben. Vielleicht drucke ich mir wirklich das heilige Jahreshoroskop von Alex Kruse aus und hänge es an die Wand. Bring it on, neues, dynamisches Jahr 2018.

Julia hat 2007 einen der ersten Modeblogs in Deutschland mitgegründet und als Consultant für Digitale Strategien gearbeitet, nachdem 2010 ihr erstes Buch erschienen ist. Nach vier ereignisreichen Jahren bei Condé Nast, in denen sie hauptsächlich für den digitalen Bereich der deutschen Vogue verantwortlich war, entschloss sie sich, ihr eigenes Online Magazin zu gründen, gemeinsam mit der Partnerin ihrer Träume – mit Veronika Heilbrunner. Julia lebt und arbeitet in Berlin und liest gerne Bücher.