Interview: Ricarda Messner über die “Talk To You Later Library”

Ricarda Messner durchstöbert gern die Bücherregale ihrer Bekannten. Im Interview geht es um ihr neues Projekt, die Talk To You Later Library

Ricarda Messner ist für mich immer das Vorzeigebeispiel für einen wachen Geist, der nicht still steht und permanent auf der Suche nach Antworten auf Fragen ist, die in ihrem schlauen Kopf auftauchen. Statt sich der Gefahr hinzugeben, in Träumereien zu versinken, MACHT sie vor allem auch und setzt ihre Ideen um. Dabei lässt sie oft Projekte entstehen, die es so noch nicht gab. Und sobald diese dann auf die Beine gestellt worden sind, rufen sie die Feststellung hervor, dass es so etwas unbedingt geben musste, und man wundert sich, warum es noch niemandem vorher eingefallen ist.

 

Opening Event der „Talk To You Later Library“

Mittlerweile fasst Ricarda Messner all ihre Projekte unter dem Titel Publishing Dreams zusammen. Dazu gehört unter anderem auch ihr 2013 gegründetes Magazin Flaneur, das sich mit jeweils einem Straßenzug einer Stadt auseinandersetzt. Momentan ist sie Teil des Teams vom großartigen Newsletter des Zeitmagazins und jetzt, vom 12. bis 14. Januar, veranstaltet sie zusammen mit Grisebach die Talk To You Later Library. Was es damit auf sich hat, erzählt sie uns hier:

Wie kam es zu der Idee?

Für mich ist es einer der schönsten Momente, sich das Bücherregal anzuschauen, wenn man zu Besuch bei Freunden oder Bekannten ist. Welche gemeinsamen Bücher hat man? Welche Bücher könnte man als nächstes lesen? Dann auch noch einen Schritt weiterzugehen und zu erfahren, welche Geschichte Einfluss auf den anderen hatte, finde ich viel inspirierender und wertvoller als jegliche Literaturkritik. Daraus entstand die Idee, aus dem privaten Bücherregal ein öffentliches zu gestalten.

Was ist das besondere an dem Projekt?

Die “Library” assoziiere ich primär mit meiner Abitur- und Studentenzeit. Es war der Ort, an dem man sich für Wochen von der Außenwelt abgeschottet hat, um in Ruhe lernen zu können. Ich glaube, für viele könnte die Library ein toller Ort der Ruhe und Stille im Alltag sein, aber es wäre auch toll, wenn die Auswahl zeitgenössischer, beziehungsweise weniger fachspezifisch wäre. Durch das Projekt kann also vielleicht mit dem Wort “Bücherei“ gespielt werden. Außerdem ist die kollektive Kuration der Leseauswahl besonders, das “wir-legen-Bücher-gemeinsam-ins-Regal-Moment”, und auch einfach mal zu überlegen: Welche Wörter haben denn etwas mit mir gemacht?

Warum braucht es das in Zeiten wie diesen?

Ich nenne es ja charmant “die Buch-Tinder-Version”: Swipe the pages und mal schauen, welcher Dialog zwischen zwei Menschen durch ein Buch entstehen kann. Es übt uns außerdem in Geduld, in Zeiten wo alles so “instant“ passiert, zwei Monate zu warten, bis der andere das Buch gelesen hat und seine Gefühle und Reaktionen mit einem teilt.

Welches Buch bringst du selbst mit und warum?

Man kann auch mehrere Bücher ins Regal stellen, ich denke das wird bei mir der Fall sein. Die Pest von Camus, er war mein erster großer Philosoph, den ich mit 19 Jahren gelesen habe. Ich erinnere mich noch sehr stark an das Gefühl der damaligen emotionalen Desorientierung, ich habe es während des Studiums gelesen mit Fragen im Kopf wie: Was soll das eigentlich alles, wer bin ich?! Das große Thema der Absurdität, dass das Buch so fantastisch und auch einfach beschreibt, hat mir damals ein unglaubliches Gefühl der Ruhe gegeben – und ich glaube, auch viele Therapie-Jahre effektiv ersetzt (lacht). Und dann wäre da noch We Love Lucy von Badlands Unlimited. Es ist für mich der ultimative Beweis, dass Erotik und Sex großartig ohne Bilder in der heutigen Zeit funktionieren können.

Wie könnte es in Zukunft mit dem Projekt weitergehen?

Nach zwei Monaten gibt es wieder ein Event, an dem die Bücher zurückgebracht werden. Dann kann jeder sein Buch abholen. Wenn es logistisch gut klappt, würde ich das Projekt gern öfter realisieren, vielleicht auch eine fixe Talk To You Later Library ins Leben rufen. Spannend finde ich es – trotz der Analogie – das Konzept ins Digitale zu übersetzen: eine Art “Facebook” (“book”, get it?), durch das wir nur durch das, was wir lesen, verbunden sind … Das kann dann auch um Artikel, Magazine, etc. erweitert werden.

Flyer "Talk To You Later Library"

Die “Talk To You Later Library” kann von Freitag bis Sonntag, 12. bis 14. Januar 2018, besucht werden. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite der Villa Grisebach hier sowie auf der Webseite von Ricarda Messner hier. Wer mehr über ihre Projekte erfahren möchte, kann ihr außerdem auf Instagram (@ricardamessner) folgen.

 

Talk To You Later Library
Fasanenstraße 27
10719 Berlin

Eventbilder: Valentina von Klencke

Julia hat 2007 einen der ersten Modeblogs in Deutschland mitgegründet und als Consultant für Digitale Strategien gearbeitet, nachdem 2010 ihr erstes Buch erschienen ist. Nach vier ereignisreichen Jahren bei Condé Nast, in denen sie hauptsächlich für den digitalen Bereich der deutschen Vogue verantwortlich war, entschloss sie sich, ihr eigenes Online Magazin zu gründen, gemeinsam mit der Partnerin ihrer Träume – mit Veronika Heilbrunner. Julia lebt und arbeitet in Berlin und liest gerne Bücher.