Women We Love: Stella McCartney

©Stella McCartney

Wir haben die Schirmherrin des Designer for Tomorrow Award 2017 von Peek & Cloppenburg und Fashion ID, Stella McCartney, zum Interview in Berlin getroffen

Denkt man an Luxusmode und vegane Materialien, landet man automatisch bei Stella McCartney. Denn die Tochter von Ex-Beatle Paul McCartney hat weit mehr zu bieten als ihre berühmte Familie: Seit 2001 führt sie mit ziemlichen Erfolg ihr eigenes Unternehmen, wobei sie ihre Brand von Null aufgebaut hat, während sie mit gutem Beispiel für andere Unternehmen vorangeht, die ebenfalls ihre Produktion und Unternehmensführung nachhaltiger gestalten wollen.

Sie zu treffen, übertraf jede normale Interviewsituation: Wenn man wie ich vegan lebt und Mode liebt, kann man den Anspruch dieser außergewöhnlichen Frau nur bewundern. Ja, nachhaltige, vegane Mode kann ethisch vertretbar und gleichzeitig luxuriös sein.

'Designer for Tomorrow Award – (F.l.t.r.) Lisa Haas, Fatima Danielson, Stella McCartney, Marcella Lobo, Laura Krude and Fanni Varga | ©Andreas Rentz/Getty Images for P&C

1. Wolltest Du immer schon Modedesignerin werden und Kleidung für Frauen kreieren?

Ich denke schon. Alle meine frühen Erinnerungen außerhalb des familiären Rahmens kreisen um Mode. Ich war ziemlich daran interessiert, wie Mode grundsätzlich aussieht und wie man, hoffentlich, das Leben der Menschen besser machen kann, indem man ihnen die Möglichkeiten, die sich richtig für sie anfühlen, zur Verfügung stellt.

2. Was war Deine Motivation ein Label zu gründen und nachhaltige und vor allem vegane Mode zu produzieren?

Ich habe das Central Saint Martins College of Art and Design in London besucht und Modedesign studiert. Ich hatte gar nicht vor, ein eigenes Label zu gründen, aber es ergab sich so und ich hatte wirklich Glück, dass mir das direkt passierte, denn so tauchte ich da richtig ein. Bei meinen Arbeiten  – jetzt meinem Modehaus –  wollte ich einen holistischen, ganzheitlichen Ansatz verfolgen und verantwortungsbewusst, achtsam und nachhaltig sowohl in geschäftlicher Hinsicht als auch bei den Produkten agieren.

Da ich so aufgewachsen bin, sah mein ganzes Leben außerhalb des Colleges bereits so aus. Ich wollte nie irgendwem, irgendetwas vorheucheln – aber warum sollte ich nicht meine persönlichen Ansichten und Herangehensweisen auch in meinem Arbeitsleben verfolgen?

Glücklicherweise befand ich mich in der Situation, in der ich es mir leisten konnte, ein Beispiel zu setzen und den Weg für andere Leute und Brands vorzugeben – ich realisierte, dass mir mein familiärer Hintergrund das Privileg einbrachte, immer auf sie zurückfallen zu können. Diese Sicherheit im Hinterkopf erlaubte es mir, keine Kompromisse einzugehen.   

3. Eine vegane Tasche ist genauso teuer wie eine Ledertasche – wie kann man diese Botschaft leichter zugänglich machen?

Indem wir diese Botschaft und was wir machen weiter in die Welt hinaustragen, kommt bei den Leuten auch die Einsicht und das Verständnis. Und wenn sich die Menschen über den Prozess informieren und weiter dafür interessieren – denn tatsächlich ist es doppelt so teuer, eine vegane Tasche herzustellen – werden sie merken, worum es geht.

Woher sollten Menschen, die nicht aus der Industrie kommen, dieses Wissen besitzen? Ein Beispiel: Wenn ich meine nicht-lederhaltigen Produkte in die USA einführe, zahle ich eine Steuer – und diese Steuer fällt 30% höher aus als bei Produkten aus echtem Leder!

Diese Dinge weiß man einfach nicht, wenn man nicht sein eigenes Unternehmen gründet. Um diese Verteuerung aber nicht auf dem Rücken meiner Kunden auszutragen und den Preis anzuheben, verringern wir die Marge. Viele Konsumenten kennen die Kosten nicht, die sich auftun, wenn man ein nachhaltiges Modelabel ist und wie viele Hürden man auf diesem Weg nehmen muss. Ich denke, es gibt ziemlich viele Informationen, welche der interessierten Zielgruppe zugänglich gemacht werden sollten. Und glücklicherweise verändert sich die Modeindustrie gerade in die richtige Richtung.  

4. Investierst Du in Technologien für unweltfreundliche und vegane Materialien? Oder arbeitest Du selbst an der Entwicklung neuer Materialien?

Wir haben eine ganze Abteilung, die sich nur auf neue Technologien, Entwicklungen und Materialien konzentriert. An erster und wichtigster Stelle bin ich Modedesignerin. Es macht mir wirklich sehr viel Freude und ich liebe es, schöne Dinge herzustellen oder etwas zu verschönern. Aber gleichzeitig finde ich es ziemlich aufregend, auf neue Techniken und Materialien zu stoßen. Moderner als das, was wir machen, geht es nicht, denke ich, und es führt dazu, dass wir tatsächlich von Bedeutung bleiben und auch, das wir uns von allen anderen abheben.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mit Adidas an Sportbekleidung arbeite, um Zugang zu den Technologien zu haben, Zero-Waste Technologien nutzen zu können, und bei Prozessen zuzusehen, bei denen die Farbe in die Fasern injiziert wird, und zwar ohne die Verwendung von Wasser.

Aber wir verwenden auch viel Zeit darauf, uns verschiedene Technologien und Materialien anzusehen, die bereits entwickelt wurden. Unsere Taschen etwa werden aus recycelten Plastikflaschen hergestellt.

Darüber hinaus haben wir gerade erst an einem Projekt mit Sea Shepherd gearbeitet, bei dem es um Polyester aus recycelten Flaschen geht. Wir haben auch gerade drei Jahre an der Entwicklung von Viskose gearbeitet, die nicht auf Ressourcen aus dem Urwald zurückgreift – sie besteht bei uns aus Ressourcen, die auf nachhaltigem Grund wachsen. Das war eine Investition, die wir getragen haben, wir haben es selbst entwickelt und wir sind das weltweit einzige Modeunternehmen, das es verwendet. Ich denke, die meisten Menschen wissen auch gar nicht, dass so viel Viskose für die Mode genutzt und woraus sie gemacht wird.

5. Was müsste sich verändern, damit mehr große Labels ihre Produktionsstrukturen umweltfreundlicher gestalten?

Die Politik muss sich ändern. Wir brauchen Gesetze, welche die Brands zu konkreten Maßnahmen bewegen. Die Modeindustrie schadet unserem Planeten gewaltig und die Menschen denken darüber überhaupt nicht nach. Und es ist nicht wie bei der Lebensmittel- oder Autoindustrie – bei denen gibt es Kontrollmaßnahmen und Regularien.

Ich denke, die Mode hat es geschafft, damit durchzukommen, seltsamerweise.  Ich weiß nicht wirklich, warum. Und weder die Massentötung von Tieren für Modezwecke ist gut für die Erde noch der ineffiziente Gebrauch von Wasser und Land oder die Verwendung von Chemikalien, um Leder zu färben – wir töten unschuldige Wesen. Und dennoch hält das weiter an. Ich bin davon überzeugt, dass wir ein paar Schutzrichtlinien benötigen.

Auf der anderen Seite braucht es auch die Menschen, die das angehen wollen. Wenn es sie auf persönlicher Ebene nicht berührt, dann hat es keinen Sinn, weil die Menschen, die in der Position sind, einen Wandel herbeizuführen, müssen sich wirklich darum kümmern und das Bedürfnis haben, das Ganze auch umzusetzen.

Ich denke, man braucht auch einfach eine Erfolgsgeschichte, die beweist, dass es Alternativen gibt. Die Mehrheit der Leute aus der Modewelt wollen nur ihre Arbeit machen und wenn die bemerken, dass es auch anders geht und dass diese Methoden sogar noch erfolgreicher sind, werden die Konsumenten diese auch einfordern, und dann muss es Veränderung geben. Es geht um etwas ganz Klassisches, um die Aspekte von Angebot und Nachfrage.

Als ich mich erstmals dazu entschloss, Interviews zu geben, fragten mich alle Leute nach meinem Papa. Und jetzt wollen sie über Themen wie Nachhaltigkeit sprechen. Der Wandlungsprozess ist bereits im vollen Gange. Er kann aber erst mit der nächsten Generation vollzogen werden.

6. Wir freuen uns, Dich als Schirmherrin für den Designer for Tomorrow Award zurück in Berlin zu begrüßen. Wie kam es zu dem Entschluss?

Ich habe diese Erfahrung beim letzten Mal ganz besonders genossen, eine neue Generation an Designern kennenzulernen, Unterhaltungen zu führen. Ich habe großes Glück und weiß, dass ich sehr privilegiert bin, als Frau diese Art von Plattformen unterstützen zu können, um mit der nächsten Generation an Designern zu sprechen und vielleicht oder gegebenfalls ein paar Ratschläge zu erteilen. Wenn ich mir die Industrie so anschaue, ist es ziemlich wichtig, Leute zu unterstützen und ihnen ein paar Innenansichten zu vermitteln.

“Last but not least: Dürfen wir ein Foto machen?”

Editor Catie with Stella McCartney | ©Catarina Marques Teles

Der Designer for Tomorrow Award wird alljährlich von Peek & Cloppenburg und Fashion ID veranstaltet, um junge Talente zu unterstützen. Weitere Informationen gibt es hier.

Mehr Inspiration zu Stella McCartney über ihren Instagram Account (@stellamccartney) hier oder auf ihrer Website hier.

Stella McCartneys Kollektion für Adidas gibt es hier und ihr Design für den neuen Schuh von Adidas, Parley, gibt es hier hier.

Übersetzung: Nella Beljan