Women We Love: Sarah Andelman von Colette

©Collage / Oriane Baud

Der berühmte Pariser Concept-Store Colette schließt nach 20 Jahren. Christine Korte über das Gesicht des Unternehmens

„Alle guten Dinge müssen einmal enden. Nach zwanzig wundervollen Jahren, wird Colette seine Türen am 20. Dezember schließen.“

Mit diesem Post auf der Instagram-Seite des Pariser Concept-Store (@colette) versetzte Sarah Andelman am 13. Juli die gesamte Fashion-Industrie in eine Art Schockzustand, der sie kurz innehalten ließ. Und das will in einer Welt, die so schnelllebig geworden ist, dass sie kaum noch Zeit zum Durchatmen hat, etwas heißen.

Sarah Andelman, die gemeinsam mit ihrer Mutter Colette Roussaux vor genau 20 Jahren den Concept-Store in der 213 Rue Saint Honoré aufmachte, lässt sich ebenso wenig von der immer schneller rotierenden Modemaschinerie anstecken wie von den steigenden Verkaufszahlen.

„Colette Roussaux ist an einem Punkt in ihrem Leben angelangt, an dem sie sich Zeit für sich selbst nehmen möchte; und Colette ohne Colette funktioniert nicht,“ heißt es in dem Statement weiter.

Böse Zungen könnten das vielleicht als Marketing-Strategie interpretieren, um einen Misserfolg in ein gutes Licht zu rücken. Die Zahlen widerlegen diese Theorie. Laut der New York Times hat Colette, das komplett von Frau Roussaux und Frau Andelman geführt wird, 2016 einen Umsatz von 28 Millionen Euro gemacht – 25 Prozent davon sind auf den E-Commerce zurückzuführen.

Mutter und Tochter gingen damals ohne Marketingkonzept an den Start und hören jetzt auch ohne Marketingkonzept wieder auf. Der Grund für die Schließung des Ladens ist ebenso emotional gesteuert wie seine einstige Eröffnung. Eine Rarität in einer Zeit, in der die ständige Optimierung und vor allem Komprimierung von Arbeitszeit mit dem Fokus auf Umsatz zum höchsten Gut geworden zu sein scheint, in der es dem Anschein nach keinen Raum mehr für Experimente oder gar Fehler gibt.

Sarah Andelman, Einkäuferin, Kreativdirektorin, öffentliches Gesicht und Sprachrohr von Colette, hat mit ihrem ganz eigenen Blick auf die Branche maßgeblich zum Erfolg des Stores beigetragen. Während Colette Roussaux in der Szene groß geworden ist und bereits erfolgreich einen Laden im Quartier du Sentier betrieb, kam ihre Tochter frisch von der Universität.

Nach einem abgeschlossenen Kunststudium und einem Praktikum beim Purple Magazine, beschloss Andelman gemeinsam mit ihrer Mutter die knapp 800 Quadratmeter große Fläche in der 213 Rue Saint Honoré in einen Concept-Store zu verwandeln. Andelmans Herangehensweise war ebenso unerschrocken und uneingeschränkt wie sie selbst. Sie mixte frei von jeglichen Berührungsängsten Streetstyle mit Pret-à-Porter, Tech-Produkte mit kitschigen Souvenirs, zeitgenössische Kunst mit Büchern und Magazinen.

„Wir wollten all das unter dem Motto ‘Style, Design, Art, Food’ zusammenbringen ­– mit der Idee, einen Store, eine Galerie und ein Restaurant zu betreiben…,“ sagte Andelman in einem Interview mit dem Online-Magazin Business of Fashion.

Beim Shopping für den privaten Kleiderschrank zeigt sich die 41-Jährige mit dem Pixiekopf relativ einseitig – meistens bekommen die Streetstyle-Fotografen sie mit Slogan-T-Shirt, weitem Tellerrock und Sneakern vor die Linse. Beim Shopping für Colette hingegen lässt sich Andelman gehen, hier ist sie maßlos, vielfältig und abenteuerlich. Jede Woche ändern sich die Schaufenster und werden mit neuen Produkten ausstaffiert, auf der gesamten Fläche des Stores haben Kunden die Möglichkeit bis zu 20.000 unterschiedliche Teile zu entdecken.

Hier hängen japanische, französische, italienische und britische Designer Seite an Seite, darunter Sacai, Vetements und Erdem. Labels wie Comme des Garçons hält der Store seit seiner Eröffnung 1997 die Treue, ohne dabei den Nachwuchs zu vernachlässigen. Supreme, Undercover und Esteban Cortazar sind nur einige der jungen aufstrebenden Labels, die Colette als eine der ersten in ihr Sortiment aufgenommen hat.

Die Kooperationen mit großen Modehäusern wie Chanel, Balenciaga und Hermès suchen bis heute ihresgleichen. Ab dem 21. August wird das Ergebnis der Zusammenarbeit mit H&M Studio im Store und online bei Colette für zwei Wochen erhältlich sein.

Kühn ging Andelman auch auf die Großen der Popkultur zu. Pharrell Williams, Jay Z, Drake und Kanye West bekamen bei Colette eine Plattform für ihre Mode. Mit diesen bahnbrechenden Partnerschaften verhalf Andelman Streetstyle zum Einzug in die High Fashion. Eine Fusion, die aktuell einen regelrechten Hype erfährt.  

Karl Lagerfeld, treuester und bester Kunde des Stores, brachte den Erfolg von Colette auf den Punkt und lieferte damit gleichzeitig auch eine Erklärung, warum Andelman und Roussaux den Store und die Marke nicht einfach lukrativ verkaufen.  

„Sie haben eine Formel erfunden, die man nicht so leicht kopieren kann, da es nur eine Colette gibt. Sie und Sarah sind 200 Prozent Teil davon.“

Was nun aus Ladenflächen wird? Mutter und Tochter stehen gerade in Verhandlungen mit der Modemarke Saint Laurent. Ein Schlüsselpunkt bei den Gesprächen: Die Übernahme ihrer Mitarbeiter.

Was wir von Andelman für die Zukunft erwarten dürfen, wenn ihre Mutter sich Ende des Jahres in den verdienten Ruhestand verabschiedet hat?

„Ich werde das machen, was ich immer gemacht habe: Ideen kuratieren und mit Marken an unterschiedlichen Projekten arbeiten,“ sagte sie der New York Times. „Das Leben wird weitergehen. Wir erfreuen uns allerbester Gesundheit – und das ist doch das Wichtigste.“

 

Bis Dezember heißt es bei Colette aber immer noch: Business as usual. Oder in diesem Falle treffender: Business as unusual.

Weitere Inspirationen gibt es auf dem Instagram account (@colette) von Colette hier, auf Sarahs Instagram account (@sarahcolette) hier, sowie auf ihrer Webseite hier.

AUTORIN: CHRISTINE KORTE (CHEFREDAKTEURIN FLAIR MAGAZIN ONLINE)