Women We Love: Claire Dugan von Skateistan

©Collage / Oriane Baud

Claire Dugan ist Stellvertretende Geschäftsführerin der NGO Skateistan. Wir trafen die Neuseeländerin zum Interview

Im Sommer letzten Jahres habe ich Claire Dugan über Freunde im Tiergarten kennengelernt. Wir saßen auf einer Decke und erinnere mich noch zu gut daran. Ihr Chloë Sevigny Gesicht, die Bucket Bag von The Row und ein erstes Gespräch unter Fremden, das mir irgendwie noch lange durch den Kopf ging.

Die 31-jährige Neuseeländerin arbeitet bei der NGO Skateistan, einer Initiative, die Skateschulen in Afghanistan, Südafrika und Kambodscha für Jugendliche errichtet und leitet. Ein spannender Job, zu dem ich ein paar Fragen hatte und auf die ich gute Antworten bekam.

Warum es sich lohnt, flexibel zu bleiben, sich für eine Sache, an die man glaubt, bedingungslos einzusetzen und was es heißt, selbst vor Ort in weltpolitisch kritischen Gebieten im Einsatz zu sein, all das erzählt Claire Dugan hier.

Claire, wie erklärst Du anderen Deinen Job?

Ich bin Deputy Executive Director bei Skateistan, einer internationalen NGO, die Jugendliche übers Skateboarden an Bildung heranführt. Ursprünglich im afghanischen Kabul gegründet, leitet die Initiative nun auch Programme in seinen Skateschulen über Kabul hinaus – in Mazar-e-Sharif (Afghanistan), Johannesburg (Südafrika) und Phnom Penh (Kambodscha). Skateistan arbeitet mit Kindern und Jugendlichen im Alter von fünf bis 17 Jahren, mit einem besonderen Fokus auf Mädchen, auf Kinder aus Familien mit geringem Einkommen, mit Förderungsbedarf oder Migrationshintergrund.

Wie bist Du zu Skateistan gekommen?

Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Skateistan hat nach jemandem mit Erfahrung in der Wirtschaft gesucht, um ein Büro in Berlin aufzubauen. Ich war gerade in Berlin und suchte nach etwas anderem und kam aus einem Wirtschaftsjob. In einer sechsmonatigen beruflichen Pause genoss ich einfach nur die Stadt. Als ich wieder bereit war zu arbeiten, war der Job bei Skateistan einer der ersten, der mir ins Auge fiel; auch, weil diese Nichtregierungsorganisation so besonders ist.

Wo warst Du vor Skateistan?

Ich habe als Wirtschaftsprüferin in einer Unternehmensberatung in Auckland in Neuseeland gearbeitet. Ich wollte nie in der Buchhaltung landen, aber ich hatte das Gefühl, das wäre ein gutes Sprungbrett für andere Dinge – auch wenn ich keine Ahnung hatte, wohin die Reise gehen könnte.

Was macht Skateistan als NGO so besonders?

Skateistan bemüht sich um die Kinder, die am wenigsten zugänglich sind bzw. die am schwersten zu erreichen sind und in den weltweit prekärsten Verhältnissen leben. Es gibt kaum eine größere Herausforderung, als Mädchen in Afghanistan aufs Skateboard zu bekommen. Mittlerweile kann Afghanistan jedoch die höchste Rate an Skateboarderinnen weltweit vorweisen. Bei Skateistan können schutzlose, verletzliche Kinder spielen, lernen und kreativ sein. Durch das Skateboarden gewinnen sie an Selbstbewusstsein. Durch das Spielen erhöht sich ihr Verständnis für andere. Durch die Kunstprojekte lernen sie kreativ und kritisch zu denken.

Wir als Gesellschaft denken oft nicht an solche Dinge, da sie für viele von uns selbstverständlich sind. Aber Millionen von Kinder haben nur selten bis gar nicht die Möglichkeit, solcherlei Aktivitäten nachzugehen. Die Fähigkeiten, die man dabei erwirbt, sind jedoch essentiell für Kinder von heute, mit der sie die Gemeinden, aus denen sie stammen, in die Zukunft führen können.

Welchen Part magst Du an Deiner Arbeit am meisten?

Es ist ziemlich inspirierend Teil eines solch dynamischen Teams zu sein, mit solch einer ambitionierten Mission. Jeder bei Skateistan glaubt aus vollem Herzen an das, was wir machen und jeder von uns gibt sich die größte Mühe, damit alles besser wird. Das war und ist die treibende Kraft hinter dem Erfolg und dem Wachstum der NGO.

Magst Du etwas an Deinem Job nicht so sehr?

Unsere Internetverbindung in Berlin! Manchmal ist die schrecklich. Die Internetverbindungen in unseren afghanischen Schulen sind besser.

Was sind die lästigsten Hürden in Deiner täglichen Arbeit?

E-Mails! Es sind einfach zu viele.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Dir aus?

Meetings, Meetings, Meetings! Aber das macht Spaß. Ich bewundere die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, sehr und es ist immer fantastisch, ihre Ideen und Gedanken zu hören. Meist spreche ich mit den Angestellten in Afghanistan, Kambodscha und Südafrika.

Skateistan führt vier Skateschulen in drei Ländern. Diese werden pro Woche von 1.500 Kindern besucht, sie beschäftigen 80 Mitarbeiter und eine Menge Freiwilligenhelfer. Es gibt viele bewegliche Teile in so einer Organisation und ein großer Aspekt meines Jobs besteht darin sicherzustellen, dass sich alle diese Teile in dieselbe Richtung bewegen.   

In welche Richtung hat sich Dein Aufgabenbereich über die Jahre, die Du bei Skateistan beschäftigt bist, entwickelt?

Als ich 2012 bei Skateistan angefangen habe, habe ich die Finanzen geleitet. Wir hatten eine Schule in Kabul und veranstalteten Skatesessions in der Gegend um Phnom Penh in Kambodscha. Skateistan war immer noch stark eine Basisorganisation und ein wichtiger Teil meiner Aufgaben bestand darin, organisatorische Prozesse zu etablieren und rechtliche Strukturen zu formulieren bzw. hineinzubringen, damit die Organisation wachsen konnte. Und das tat sie; in den darauffolgenden vier Jahren konnten wir drei neue Skateschulen eröffnen.

Als Skateistan etablierter wurde, begann ich in anderen Teilen der Organisation auszuhelfen. Das war zwar offiziell nicht mein Job, aber es fühlte sich ganz natürlich an. Das beförderte mich zielsicher zu meiner derzeitigen Position als Stellvertretende Geschäftsführerin. Jetzt koordiniere ich alle unsere internen Abläufe und beaufsichtige spezielle Projekte und die Strategie-Implementierung.

Auf welchen Moment bist Du besonders stolz?

Auf meinen ersten Besuch in der Skateschule in Kabul. Ich begleitete eine unserer jungen Lehrerinnen zur Halfpipe – und das hat mich umgehauen. In Afghanistan zu sein und aus nächster Nähe mitzubekommen, was für eine kleine Rolle Frauen im öffentlichen Leben spielen; und dann zu sehen, wie ein junges, afghanisches Mädchen eine riesige Rampe hinunterfliegt, mit solch einem Selbstbewusstsein, das hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Jedes Mal, wenn ich einen Kurs für Mädchen in einer unserer Skateschulen besuche, bin ich stolz darauf, ein Teil dieser Organisation zu sein.

Wenn Du nicht im Büro bist, womit verbringst Du gerne Deine Freizeit?

Ich reise viel. Meine Familie ist über Neuseeland, Deutschland und den USA verstreut. Ich sehe meine Familie normalerweise einmal im Jahr – wir treffen uns irgendwo, um zu wandern. Letztes Jahr war das im Yosemite-Nationalpark, und das war unglaublich.

Ich besuche auch meine Freunde in den verschiedenen Teilen der Welt. Mein Partner verbringt die Hälfte seiner Zeit in Zürich, dementsprechend bin ich auch häufig dort. In Berlin treffe ich mich gern mit Freunden an meinen beiden, wenn auch sehr unterschiedlichen, Lieblingsorten: der Redwood Bar und der Kim Bar. Nebenbei versuche ich immer, etwas Neues zu lernen, mit unterschiedlichem Erfolg: Letztes Jahr waren das Tennis und Stricken.

South Africa, Warm-up ©Tim Moolman

Welche Rolle spielt Berlin als Stadt für Deinen Job? Gibt es eine andere Stadt, in der Du Dir vorstellen kannst zu leben?

Berlin passt wirklich gut – die Zeitzonen und Flugstunden nach Afghanistan, Kambodscha und Südafrika sind alle wunderbar miteinander vereinbar. Es ist auch ein exzellenter Ort, um ein Headoffice zu relativ geringen Kosten aufzubauen, mit einem großartigen Pool an jungen talentierten Leuten in der Stadt, die etwas verändern wollen. Über die Jahre hatten wir das große Glück, vom Deutschen Auswärtigen Amt unterstützt zu werden. Derzeit machen wir unser Fundraising hauptsächlich in den USA, Großbritannien und der Schweiz, die man alle von Berlin aus leicht erreichen kann.

Istanbul oder Dubai kämen als Standorte auch in Frage, geographisch gesehen. Von der Fundraising Seite her könnten Zürich, Genua oder London fruchtbar sein. Aber keiner dieser Orte lässt sich mit Berlin vergleichen – wir alle lieben es, hier zu leben. Unser ganzes Team wohnt nur einen kurzen Weg mit dem Rad vom Büro in Kreuzberg entfernt. Der Görlitzer Park liegt am Ende unserer Straße und wir haben endlos viele Sommerabende dort verbracht, die vorbeilaufenden, eigenwilligen Menschen dieser Stadt zu beobachten. 

Skateistan

Oppelner Straße 29
10997 Berlin
Deutschland
skateistan.org/donate
info@skateistan.org

Instagram: @skateistan

Julia hat 2007 einen der ersten Modeblogs in Deutschland mitgegründet und als Consultant für Digitale Strategien gearbeitet, nachdem 2010 ihr erstes Buch erschienen ist. Nach vier ereignisreichen Jahren bei Condé Nast, in denen sie hauptsächlich für den digitalen Bereich der deutschen Vogue verantwortlich war, entschloss sie sich, ihr eigenes Online Magazin zu gründen, gemeinsam mit der Partnerin ihrer Träume – mit Veronika Heilbrunner. Julia lebt und arbeitet in Berlin und liest gerne Bücher.