Women We Love: Aino Laberenz

Veronika Heilbrunner & Aino Laberenz

Aino Laberenz ist Kostümbildnerin und Geschäftsführerin des Operndorf Afrika. Wir trafen sie zum Interview bei ihr zu Hause und im Büro der Stiftung

Als Kind schnappte ich mal die Theorie auf, dass jeder Mensch sieben Doppelgänger hat, die sogar eine ziemlich große Übereinstimmung der DNA aufweisen können. Noch heute denke ich manchmal an diese “Twin Strangers”. Denn es gibt diese Situation, da ist völlig klar, dass eine solche große äußerliche wie innerliche Übereinstimmung nicht bloß als das Ergebnis gemeinsamer Interessen bzw. sozialer Faktoren ausgelegt werden kann. Und diese Situation heißt für mich Aino. Aino Laberenz!

Zierlich, nein, sehr zierlich in ihrer Erscheinung, (fast) immer ungeschminkt und mit dem genau richtig, scheinbar nachlässig, gekämmten Haar, wirkt sie auf den ersten Blick fast kindlich. Elfenhaft. Wenn ich Aino sehe, erlebe ich permanent diese besonderen Momente der Übereinstimmung. Ich denke oder wünsche mir dann sogar, dass ich sie bin oder sie ich – wäre da nicht dieser Größenunterschied, also unsere unterschiedliche Körperlänge ;-). Das ging mir schon so, bevor ich sie persönlich kennengelernt habe. Zunächst rein vom Äußerlichen her (weil ich sie ja nur von Fotos kannte), dachte ich oftmals: “Das gibt es nicht, genau das Gleiche habe ich doch auch gerade an.”

Mittlerweile wissen wir dank modernster Technik  – aka SMS schreiben ;-) – auch, dass wir trotz unterschiedlicher Aufenthaltsorte das immergleiche Morgenritual zelebrieren: Grüner-Tee-zum-Kaffee-und-am-besten-noch-einen-Green-Juice-dazu-trinken. Und wenn ich ein paar Turnschuhe von Acne Studios erspähe und auf meine To-do-Liste schreibe: ‘Morgen in der Potsdamer Straße die Schuhe für New York kaufen’, dann trägt Aino garantiert dieses Modell gerade schon andernorts. Auch sind wir sehr gesellig und verlieren in der Runde unserer gemeinsamen Freunde gerne mal das Gefühl für Raum und Zeit. Man könnten sagen, wir genießen unsere wenige Freizeit ebenso exzessiv mit Nichtstun und Quatschen, wie wir es lieben, hart zu arbeiten. Das klingt für manche vielleicht total banal, aber ich kriege immer wieder einen Adrenalinstoß ob dieser Ähnlichkeiten.

Ebenso hätte ich meine Hand dafür ins Feuer legen können, dass gewisse Schwere-Boots-mit-superromatischem-Tüllblumentraumkleidern-Outfits eher an großen Personen funktionieren. Aino ist der Beweis, dass das nicht stimmt. Sie kann all das wie keine andere! Ist jetzt nicht überraschend, könnte man sagen, schließlich arbeitet Aino als Bühnen- und Kostümbildnerin an zahlreichen Opern- und Theaterproduktionen. Und was für einen guten Job sie macht! Ihre Engagements sind eine nicht enden wollende Zugfahrt von Wien nach Hamburg, dann wieder Zürich, Hannover und natürlich zwischendurch – wann immer es geht – wieder zurück nach Berlin, ihrer Wahlheimat seit vielen Jahren.

Aino hat die Kostüme für die begehbare Installation Kaprow City in 2007 an der Volksbühne Berlin konzipiert sowie für Stücke wie Mea Culpa im Burgtheater Wien 2010; Denn sie wissen nicht was wir tun, 2014 im Schauspiel Stuttgart oder Wut von Elfriede Jelinek am Deutschen Theater Berlin. Mit dem Regisseur und natürlich den Darstellern arbeitet sie an den Ideen, welche sie dann mit der jeweiligen internen Opern- oder Theaterwerkstatt umsetzt. Wenn der Vorhang fällt und das Publikum applaudiert, ist Aino schon längst wieder unterwegs zur nächsten Herausforderung.

Eine ganz besondere Herausforderung ist das Operndorf in Burkina Faso, welches 2008 von Christoph Schlingensief ins Leben gerufen wurde. 2010, nach dem Tod ihres Mannes, hat Aino die Geschäftsführung übernommen. Christoph hatte die Grundsteinlegung erlebt und die ersten Fundamente sehen können, wo nun über 20 Gebäude stehen, inklusive einer Grundschule, in der 300 Kinder unterrichtet werden. Aino ist bis zu viermal pro Jahr in Afrika.

Ich finde es unsagbar beeindruckend und tapfer, dass Aino dieses fantastische, unfassbare, wundervolle Projekt weitergeführt, geleitet und zum Blühen gebracht hat. Nun lasse ich aber endlich Aino Superstar zu Wort kommen. Et voilà – Auszüge aus unserem Gespräch von Anfang August.

Veronika Heilbrunner: Wie lange dauert es, bis ein Kostüm fertiggestellt ist? Ein bis zwei Tage?

Aino Laberenz: Naja, es braucht schon etwas länger. Es ist vergleichbar damit, einen Maßanzug anzufertigen. Vor allem bei historischen Kostümen muss man sich die Schnitte genauer ansehen. Ich mag es zum Beispiel, Materialien zu zweckentfremden. Ich durchsuche dann nicht nur die klassischen Stoffläden, sondern auch mal die Baumärkte.

VH: Bewahrst Du die Lieblingsstücke der von Dir angefertigten Kostüme in einem Archiv auf?

AL: Leider nein. Man gibt die Kostüme im Prinzip ab. Auch wenn das Stück irgendwann abgespielt ist, landen sie dann im Regal des jeweiligen Theater- oder Opernhauses.

VH: Aber gibt es ein Kostüm, das Du total gerne für Dich selber hättest?

AL: Joa. Einiges. Ein Kostüm sah aus wie eine Seegurke, das fand ich schon ganz gut. Ich mag immer die Dinge, die nicht normal sind, sondern die ich irgendwie erfunden habe. Ich wollte zum Beispiel immer schon einen Stern haben – wie diese Aufziehsterne, die Spieluhren für Babys: eine Art Kissen, das Musik macht. So etwas habe ich auch mal für ein Stück angefertigt. Das hätte ich gerne.

VH: Gerade weil Dein Leben sehr aufregend ist und nach acht Wochen meist schon die nächste tolle Produktion für Dich beginnt, gibt es trotzdem so etwas wie Routine in Deinem Leben?

AL: Ja, auf jeden Fall. Ich bin wirklich froh, dass ich heute nicht nur im Theater arbeite. Ich mache das jetzt schon seit etwa 16 Jahren und habe zuvor quasi immer im Theater gearbeitet. Aber ich brauche zusätzlich auch etwas anderes, denn das Theater (selbst als Kunstform betrachtet) ist doch sehr hermetisch. Deshalb freue ich mich, auch im Bereich Bildende Kunst zu arbeiten.

Mit dem Operndorf bin ich sicherlich nochmal viel übergreifender beschäftigt. Da kommt es vor, dass man sich mit Filmemachern und Direktoren austauscht, über Projekte spricht, obwohl ich nicht aktiv in dieser Position arbeite. Aber wie sehr ich das für mich brauche, um den Kopf frei und offen zu halten, merke ich immer wieder. Es war ja auch eine bewusste Wahl, dass ich mit meinem Team das Operndorf übernehme. Ich verlasse dafür auf keinen Fall das Theater, aber ich habe mich klar dafür entschieden, das Operndorf weiterzuführen.

VH: Wie lange gibt es das Operndorf schon?

AL: Die Grundsteinlegung der ersten Gebäude in Burkina Faso war zwar vor 7 Jahren, aber vor 17 Jahren hatte Christoph Schlingensief die Idee dazu. Er hatte eine GmbH gegründet und sich auf die Suche nach dem richtigen Land begeben. Da war immer der Gedanke, diese Plattform zu bauen oder entstehen zu lassen, bei der sich Künstler unterschiedlicher Herkunft an einem konkreten Ort miteinander austauschen. Und dieser Austausch funktioniert zum Beispiel in der Schule oder im Krankenhaus, doch der Kern des Ganzen ist der künstlerische Input, ob in den Workshops in der Schule oder über die Residency-Programme. Wichtig ist neben dem konkreten Ort, dass man vielleicht auch die Sichtweise des Künstlers über den afrikanischen Kontinent hinterfragt. Entscheidend war dementsprechend immer auch, dass man eine Plattform entstehen lässt und eine Diskussion am Laufen hält.

VH: Was hast Du persönlich in und von Afrika gelernt?

AL: Was ich mit dem Operndorf auf jeden Fall gelernt habe ist, wie schlecht man zuhören kann. Zuhören im Sinne von “sich auf etwas einzulassen”. Man hat natürlich immer bestimmte Bilder, die man mit sich trägt oder (Vor-)Urteile im Kopf; man agiert aus seinem eigenen Kontext heraus und erst dann merkt man, wie schwierig es ist, das alles beiseite zu schieben, um auf etwas zu reagieren, das anders funktioniert.

Wir stecken als Europäer in unserer eigenen Logik und ihrer Tradition, aber in Burkina Faso und auch in anderen afrikanischen Ländern gibt es noch weitere Ebenen, die zum Tragen kommen und die ebenfalls sehr spannend sind; wenn es nicht nur darum geht, sich alles nach europäischen logischen Prinzipen zu erklären – es muss nicht einmal mystisch sein, denn es gibt noch ganz andere Ebenen, wie man auf die die Welt blickt.

Wenn ich etwa, Stichwort “Deutsche kommt nach Afrika”, merke, dass man ganz schnell sein ‘eigenes’ Werte- oder Bewertungsprinzip anwendet, und erlebe, da gibt es noch viele andere Sichtweisen. Ich weiß noch, als Christoph gestorben ist, haben viele Menschen vor Ort gesagt: “Vielleicht ist er noch in Form von Wind oder als Kopierer anwesend.” Ich meine damit, dass nicht nur spirituelle Ansätze dabei waren, in Afrika mit seinem Tod ‘umzugehen’, sondern auch materielle – und das finde ich einen sehr, sehr schönen Gedanken. Das heißt, dass man auch mit Menschen anders umgeht. Dass, ob es nun Verstorbene sind oder nicht, Menschen einfach um einen herum sind und dass man das zulässt. Dass man so denken darf und es nicht lächerlich ist. Diese Überlegungen finde ich wahnsinnig schön.

VH: Eine große Rolle spielen im Operndorf Kunstauktionen. Ihr macht da ganz tolle Sachen. Jetzt findet bald die dritte Auktion statt. Erzähl doch bitte, was da passiert und wann.

AL: Zum größten Teil organisieren wir uns über Spenden. Natürlich müssen wir uns darum kümmern, wie wir die Projekte finanzieren können. Hierfür gibt es die üblichen Modelle, die auch viele andere Organisationen nutzen, darunter finden sich Kunstauktionen. Unsere erste Auktion fand, glaube ich, 2011 statt und bildete sozusagen den Auftakt für uns, um den Bau des Operndorfs zu starten. Wir haben Bilder und Kunstwerke verkauft, es ist irrsinnig gut gelaufen.

Aber man kann nicht immer nur das gleiche machen, denn wir sind natürlich kein Auktionshaus. So kam die Überlegung mit der T-Shirt-Auktion. Künstler bekamen weiße T-Shirts von uns und durften damit anstellen, was sie wollen. Ich dachte zunächst, das wird auf jeden Fall super, aber da kommt nichts Tragbares bei herum. Lustigerweise sind viele der Resultate jedoch tatsächlich tragbar – nur, dass man die T-Shirts eben nicht waschen kann. Eine Gratwanderung zwischen “es ist ein Kunstwerk, aber es ist ein tragbares Kunstwerk”.

Bei Johann König in der Galerie zeigen wir die dabei enstandenen Kunstwerke. Die Idee, die T-Shirts bei einer Modenschau zu zeigen, haben wir verworfen, weil wir dachten, dass es schöner ist, wenn wir Installationen daraus machen: dass wir einfach auch mal gucken und uns ins Gesehene vertiefen können. Und im Anschluss findet die klassische Auktion statt.

Produkte der Benefiz-Auktion für das Operndorf Afrika:

Vielen Dank an das großartige Team und die tolle Unterstützung vom Operndorf Afrika.

Mehr Informationen zum Wann und Wo für alle, die wie wir bei hey woman! Lust haben, bei der nächsten Kunstauktion mitzubieten:

22. September 2017, 20 Uhr

König Galerie Berlin
Alexandrinenstraße 118-121
10969 Berlin

Webseite: operndorf-afrika.com oder artnet.com
Facebook: facebook.com/OperndorfAfrika
Instagram: @ainokristina, @operndorfafrika

Fotografin: Silvia Conde
Produktionsmanagerin: Julia Knolle
Video und Edit: Sabrina Hubert
produktionsAssistentin: Catarina Marques Teles

Geboren und aufgewachsen in München begann Veronikas modische Laufbahn mit Modeljobs, bald wechselte sie auf die andere Seite der Kamera und wurde von der Modeassistentin zur Redakteurin, dann wieder ein Richtungswechsel ins Online-Luxury-Retailing, um bis vor Kurzem zurück beim Burda Verlag als Style Editor der deutschen Harpers Bazaar zu arbeiten. Im Moment lebt sie in Berlin, startete Anfang 2015 eine eigene Firma zusammen mit Julia Knolle, ihres Zeichens Ex-Editor-at-Large von Vogue Digital. Ach ja, ihre Leidenschaft sind Möpse.