Top 10: Bücher des Jahres 2017

Bücher kann man für die Feiertage nie genug bereitlegen. Pünktlich zum Jahresende präsentiert Lola ihre Lese-Highlights aus 2017

Man könnte sagen, jedes Jahr hat seine ganz eigene Färbung. Gewissermaßen einen eigenen Swing. Rückblickend betrachtet geben vor allem die Bücher, die auf den Nachttisch wanderten oder zum täglichen Begleiter wurden, Aufschluss darüber, was uns beschäftigt hat. Worüber wir uns Gedanken gemacht haben, was uns wichtig war. Die zuletzt gelesenen Bücher Revue passieren zu lassen, heißt im Grunde also, dem Jahr auf den Zahn zu fühlen.

Nun verhält es sich so, dass Julia und ich eine so auffallende wie verlässliche Fähigkeit entwickelt haben, uns für die exakt gleichen Bücher zu begeistern. Damit ist noch kein Beweis erbracht, dass ein ähnliches Jahr hinter uns liegt. Allenfalls, dass bei hey woman! wahrliche Büchernarren am Werk sind, die keine Ausgabe des Literarischen Quartetts verpassen. Hi Freaks! Abgesehen von den Klassikern wie Joan Didion, Paul Auster und Wolfgang Herrndorf, über die stille Zustimmung herrscht, waren da natürlich noch zahlreiche großartige Neuerscheinungen, die wir in diesem Jahr verschlungen haben.

Das Ergebnis ist nun die folgende liebevoll zusammengestellte Bücherliste mit den schönsten Büchern zum Verschenken oder selber Lesen über die Feiertage. Über die Wartezeit bis zur Gründung unseres digitalen Buchclubs hilft sie allemal hinweg!

1. Didier Eribon, Rückkehr nach Reims

Das literarische Jahr 2017 gehörte den Franzosen, nicht nur dank der Frankfurter Buchmesse. Rückkehr nach Reims erschien streng genommen schon 2016, bleibt aber hochaktuell, nicht nur dank der gelungenen Adaption der Berliner Schaubühne. In seiner autobiografischen Analyse skizziert Eribon, wie eine einst links wählende Arbeiterschicht zu Anhängern des Front National werden konnte. Auch die soziale Herkunft und ihre Auswirkung darauf, wie wir uns in der Gesellschaft verhalten, ist eines der zentralen Themen. Der Klassenbegriff bleibt aktuell und Rückkehr nach Reims hat auf mich absolut augenöffnend gewirkt. Eribons neues Buch Gesellschaft als Urteil liefert übrigens eine überaus empfehlenswerte Fortsetzung.

2. Annie Ernaux, Die Jahre

Die Jahre schließt ideal an Rückkehr nach Reims an, weil es das gesellschaftliche Porträt Frankreichs ergänzt und in einer Fülle an Farben koloriert. In ihrer Anti-Autobiografie, in der es kein „Ich“, sondern nur „Wir“ und „Man“ gibt, wechselt Ernaux zwischen persönlichen Erinnerungen und Beschreibungen über das typisch französische Leben zwischen 1945 und 2007. Mit ihren so unglaublich pointierten Schilderungen von Politik, Fortschritt und Werbung, aus der Welt der Dinge und des Films, zieht Ernaux den Leser direkt in ihre Zeit hinein. Mein Exemplar ist inzwischen mit all den unterstrichenen Passagen nicht mehr wirklich vorzeigbar, weil man Die Jahre tatsächlich wieder und wieder lesen möchte.

3. Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben

Wie konnte dieser Roman nur an mir vorbeigehen? Auf stürmisches Anraten von Julia hin habe ich erst vor zwei Tagen mit dem Lesen des Buchs begonnen. Seitdem kann ich es nicht mehr weglegen. Eine Geschichte über die Freundschaft von vier Männern, die „dich verrückt machen, verschlingen und von deinem Leben Besitz ergreifen kann”, schrieb der New Yorker. Und wirklich, dieses Buch ist derart intensiv, dass es unbedingt auf diese Liste gehört. Dieses Buch kriegt seine Leser mit Haut und Haar. So sehr, dass einige nachts nicht mehr schlafen konnten – und jedes danach kommende Buch mit anderen Augen lesen, in leiser Hoffnung, dass es dem Leseerlebnis von Ein wenig Leben nur nahekommen möge.

4. Elif Batuman, Die Idiotin

Mit Die Idiotin hat Elif Batuman einen erfrischenden Coming-of-Age-Roman geschrieben und ihn mitten im Amerika der Neunziger platziert. Selin ist neu an Harvard und lernt Ivan kennen. Die Anziehung von beiden Seiten ist nicht zu verleugnen und doch ist das erst der Beginn einer abenteuerlichen On- und Off-Freundschaft. Selins ausdauernde Naivität, fehlende Selbstüberzeugung und Verlorenheit in der Erwachsenenwelt erinnern an die eigenen ersten Jahre nach der Schulzeit. Nicht nur deswegen ist der Roman mit dem nötigen Abstand zur eigenen Adoleszenz ein kleines Vergnügen. Ein bisschen Gilmore Girls im wahren Leben.

5. Anna-Lisa Dieter & Silvia Tiedtke (Hg.), Radikales Denken. Zur Aktualität Susan Sontags

An Susan Sontag führt als viel lesende und kritisch denkende Person früher oder später kein Weg vorbei, ohne Frage. Als das „moralische Gewissen Amerikas“ reichte ihr Spektrum über Politik, Ethik und Psychoanalyse bis hin zu Kunst und Literatur. Mit Radikales Denken. Zur Aktualität Susan Sontags ist ein so aktuelles wie faszinierendes Buch erschienen, das sich in zahlreichen Texten mit dem Erbe Sontags auseinandersetzt. Sontag verstand Denken als Leidenschaft und Möglichkeit der Selbstfindung – nicht nur deswegen ist es so wertvoll, sich mit ihrem literarischen Werk zu beschäftigen. Den Herausgeberinnen gelingt es hier auf ausgesprochen stimulierende Weise.

6. Sarah Bakewell, Das Café der Existentialisten

Eine sehr gute Freundin sagte kürzlich zu mir, dass ich den Existentialismus wirklich leben würde. Für all jene, denen es ähnlich geht – aber auch solche, die mit der Materie weniger vertraut sind – liefert dieses Buch ein tolles Panorama des existentialistischen Lebensverständnisses. „Wenn man liest, was Sartre über Freiheit, Beauvoir über die subtilen Mechanismen der Unterdrückung, Kierkegaard über Angst, Albert Camus über die Revolte, Heidegger über die Technik und Merleau-Ponty über Kognitionswissenschaften zu sagen hat, beschleicht einen oft das Gefühl, die neuesten Nachrichten zu lesen“, so Bakewell. Ein Stück gelebte, individuelle und menschliche Erfahrung, die Perspektiven verschiebt.

7. Sonja Heiss, Rimini

Rimini lesen, heißt einmal Achterbahn und zurück. Mit ihrem Romandebüt erschafft die Berliner Filmemacherin Sonja Heiss eine schonungslos radikale Lektüre rund um die Familie Armin. Die möchte zwar gerne als solche funktionieren und propagiert besessen Eitel Sonnenschein, nur geht die Rechnung leider nie wirklich auf. Vielmehr ist es ein mitreißendes und urkomisches Auf und Ab, das die ohnehin zermürbten Seelen der Protagonisten bis zur Zerreißprobe strapaziert. Tatsächlich ist Rimini wie ein Kurzurlaub, führt er schließlich vor Augen, wie beruhigend normal und liebreizend die eigene Familie dagegen doch ist.

8. Virginie Despentes, Das Leben des Vernon Subutex

Selbstenttäuschung und Verwahrlosung als Prinzip, so könnte man Das Leben des Vernon Subutex umschreiben. Denkt man bereits am Anfang, dass es nicht viel schlimmer kommen kann, wird man schnell eines Besseren belehrt. So einige Weggefährten wird es dahinraffen und auch bei Vernon selbst, der dank der Digitalisierung und dem wirtschaftlichen Niedergang Frankreichs seinen Plattenladen schließen musste, geht es stetig bergab. Despentes widmet sich in ihrem Buch mit Hingabe den Abgehängten, die so voller Wut stecken, dass ihr Leben nicht so funktioniert, wie sie es sich ausgemalt hatten. Mal ehrlich, ein vertrautes Gefühl, das in seiner Tragik alle Lebensgeister anrührt.

9. Mohsin Hamid, Exit West

Ein durch und durch kraftvolles Buch, dem es gelingt, die Flüchtlingskrise sowie die täglichen, hierzulande so abstrakten Sorgen von Migranten überaus plastisch darzustellen. Mohsin Hamid erzählt in Exit West die Geschichte von Nadia und Saeed, die sich in einer namenlosen, vom Bürgerkrieg erschütterten Stadt in Nahost kennen- und lieben lernen. Bald wird die Lage ernster denn je und beiden gelingt die Flucht nach Westen durch eine der mysteriösen schwarzen Türen, die auf der ganzen Welt plötzlich auftauchen. Von all dem berichtet Hamid mit bildhafter Poesie und hüllt die Begebenheiten in einen Schleier vollkommener Sprache, die den Roman so merkwürdig wie eindringlich machen.

10. Siri Husvedt, Was ich liebte

Vielmehr Klassiker als Neuerscheinung und doch gehört dieser Roman außer Frage hierher. Als bloße Urlaubslektüre gedacht, stellte sich Was ich liebte für mich schnell als das anrührendste Buch seit Langem heraus. Der Roman erzählt von der Freundschaft des Kunsthistorikers Leo Hertzberg und des Künstlers Bill Wechsler, die zu einer ungleich engen Verbindung ihrer beider Familien heranwächst. Über 50 Jahre spannt sich die Geschichte über Kunst, Liebe, Ehe, Trennung, Verlust, Verzweiflung, Hysterie und Verrat. Im Grunde ganz alltägliche Dinge, die passieren, wenn das Leben passiert. Husvedt allerdings erzählt so präzise und emotional anschaulich, dass ich das Buch gerne als episch bezeichnen möchte.

Mode, Kunst und Pop-Kultur bilden den Kosmos; das geschriebene Wort die Materie, in der sie alles zusammenbringt. Nach ihrem Studium zieht sie 2014 von Leipzig nach Berlin. Dort arbeitet Lola seitdem als PR Consultant und freie Journalistin für Publikationen wie L'Officiel, i-D und Material Magazine.