Tailor made: Hinter den Kulissen bei Delfina Delettrez

Den vierten und letzten Stopp unserer Serie “Reveal the Iconic You” haben wir im Londoner Store von Delfina Delettrez gefilmt – und produziert in Zusammenarbeit mit smart. Hier die Schmuckdesignerin im Interview

Mit der vierten und letzten Ausgabe unserer Inspirationsreise zusammen mit smart BRABUS tailor made haben wir unter dem Thema „Farben“ einer ganz besonderen Frau, die ich schon seit vielen Jahren bewundere, einen Besuch abgestattet.

Delfina Delettrez hat mich zu einer privaten Führung in ihr wunderschönes Londoner Ladenatelier auf der Mount Street eingeladen. Dort durfte ich die wunderbaren und gleichzeitig surrealen Phantasien der italienischen Schmuckdesignerin erkunden. Und habe dabei erfahren, woher sie die Inspiration für ihre Arbeit schöpft – und wofür ihr Markenzeichen, die diversen Symbole (angefangen bei Lippen und Augen), die sie für ihre Schmuckstücke verwendet, stehen. Das besondere Talent scheint ihr in die Wiege gelegt: Delfina entstammt in vierter Generation der Dynastie des italienischen Modehauses Fendi; so hat ihre Mutter Silvia Venturini Fendi etwa die berühmte Baguette Bag erfunden.

Die mystisch schönen, malachitgrünen Trompe-l’œil-Wände ihres Londoner Stores springen einem sofort ins Auge – und ich konnte in Erfahrung bringen, was es mit ihnen auf sich hat: Sie sollen ganz bewusst den Eindruck vermitteln, dass man eine Art organischen Raum der Natur betritt, “eine moderne Höhle”, wie Delfina es beschreibt. Sie liebt es, Farben eine neue Bedeutung zu verleihen und in diesem Fall steht das Grün für Gastfreundschaft, um den Besucher darin zu bekräftigen, dass er herzlich willkommen ist.

Ich freue mich auch ganz besonders über Delfinas Talent, mich und das Team von hey woman! sofort zu bezaubern. Gerade ihre Eigenschaft, meine Fragen zu erspüren, noch bevor ich sie gestellt habe – dies ist etwas, was auch ihren Schmuck auszeichnet und wovon noch ausführlicher zu erfahren sein wird. Sogar noch beeindruckender ist, dass sich Delfinas künstlerisches Schaffen nicht ‘nur’ in jenen feinen und erlesenen Schmuckstücken zeigt, die sie zu kreieren vermag, sondern auch in den Objekten, auf denen und mit denen diese präsentiert werden – denn auch diese designt Delfina selbst.

Zu jenen unglaublichen Erfindungen, die daraus hervorgegangen sind und die Delfina im Rahmen der Präsentation ihrer Kollektion auf der Pariser Fashion Week eingesetzt hat, gehört insbesondere das letzte Wunderwerk: eine fantastische silberne Maschine, die mich tief beeindruckt und für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt hat. Nur warum die durststillende Flüssigkeit in Tropfenform hinaufsteigt statt hinabzusteigen und den Gesetzen der Schwerkraft zu gehorchen, das scheint mir ein großes Rätsel. Selbstverständlich möchte ich so ein Ding auf jeden Fall für unser hey woman! Büro bestellen (vielleicht ersetzen wir nur den Martini durch Matcha-Tee).

Und dann liegen hier natürlich all die Porzellanhände, die Nasen und Ohren, die in den Schaukästen in Delfinas Laden wunderschön zur Geltung kommen.

Moodboard Delfina Delettrez

Delfina Delettrez: Weißt Du, dass diese Hände von meinen eigenen Händen inspiriert sind? Obwohl ich die Finger ein bisschen verlängert habe… Das Ohr haben wir aus meinem Ohr gegossen und die Nase ist ein Mix aus meiner Nase und der von Nicole Kidman (lacht).

Mein liebster Teil in dem Laden von Delfina Delettrez ist die “Verlobungsecke”, in die sie mich weiter führte.

DD: Hier haben wir einen Verlobungs-Nasenring, einen Verlobungs-Ohrring und einen Verlobungs-Armreifen. Ich wollte die Tradition ein bisschen durcheinander bringen und sie auf diese Art den unterschiedlichsten Frauen etwas zugänglicher machen.

Veronika Heilbrunner: Die Frau, die Verlobungs-Nasenringe kauft, würde ich furchtbar gern kennenlernen.

DD: Ich hatte an meiner Großmutter beobachtet, dass ihr Verlobungsring an einer Goldkette befestigt war, weil sie Ringe nicht so gern am Finger hatte, sie war einfach keine Ringträgerin. Also wollte ich mir dafür eine Lösung überlegen. Ich meine, wir verweigern uns der konventionellen Liebe und dann begnügen wir uns mit konventionellen Ringen. Daran wollte ich rütteln.

VH: Gibt es einen Grund dafür, dass Du die klassischen Symbole wie Bienen, Lippen und Augen verwendest?

DD: Zu dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, gehörte ein Garten voller Bienen. Es war ein sehr altes Anwesen, in dem früher eine adlige Familie gelebt hatte. Ich glaube, ich habe mich ganz einfach zu den Bienen hingezogen gefühlt. Auch, weil es hart arbeitende Wesen sind: Sie stellen ihren Honig in unfassbarem Fleiß her. Ich vermute, ich sah mich darin gespiegelt. Ich stelle zwar keinen Honig her, aber ich mache Schmuck, das Sinnbild für Süße, für das süße Leben, für etwas, das die Menschen glücklich macht. Ich bewundere übrigens auch die ‘Soldatenhaftigkeit’ der Bienen.

Lippen und Augen zählen zu den eher klassischen Stücken. Ich hatte das Auge von Anbeginn dabei. Mein Auge ist kein böses Auge oder soll einen bösen Blick abwehren. Im Gegenteil, es bezieht sich auf das Auge des Geliebten und es gibt eine ganz bestimmte Tradition des aufmerksamen, behütenden Auges, das in der Kleidung der Männer versteckt wurde, wenn diese etwa in den Krieg zogen. Es bedeutet: “Ich behalte Dich im Auge! Betrüge mich nicht!” Natürlich ist dies auch ein Symbol für Romantik und Schutzbedarf.

Mit den Lippen ist es anders. Ich spiele einfach gern mit der Anatomie. Wenn man an all die Körperteile denkt, die heute oft mit Schmuck bedacht werden, wie zum Beispiel Finger und Ohren, habe ich das Bedürfnis, das Gegenteil zu machen: ganz andere Körperteile zu schmücken.

VH: Wo wir gerade davon sprechen, bestimmte Teile des Körpers zu schmücken: Ich liebe die Perle in Deinem Ohr.

DD: Ich mag das Veränderungspotential der Dinge. Ich muss ein Stück untersuchen, ich will es nicht nur anschauen. Schmuckstücke sollen als eine Art Eisbrecher dienen – sie müssen für Dich sprechen, noch bevor Du selbst etwas gesagt hast.  

VH: Kannst Du mir mehr von Deinem Designansatz erzählen?

DD: Von Anfang an wollte ich mein eigenes Atelier eröffnen, denn damit kann ich das klassische, altehrwürdige Ritual der Kommunikation mit den Kunsthandwerkern fortführen. Sie erhalten keine technischen Zeichnungen oder Anweisungen, sondern ich teile ihnen meine Entwürfe mündlich mit, sie erhalten also meine Worte stattdessen.

Alles wird in-house hergestellt, in Italien – in Rom, um genau zu sein. Und das ist sehr wichtig für mich. Alle Installationen und Schaukästen werden ebenfalls in Rom in einem kleinen Labor hergestellt. Die Hand ist dementsprechend auch von einer lebensechten Hand geschnitzt worden. Das ist etwas, was ich niemals verändern möchte.  

VH: Bei Deinen Präsentationen habe ich immer das Gefühl, dass es nicht nur darum geht, was Du zeigst, sondern auch wie Du es zeigst.

DD: Ja. Ich möchte wirklich meiner künstlerischen Vision Rechnung tragen und ich habe diesen eher theatralischen Ansatz, weil ich aus der Modewelt komme. Ich behalte immer Folgendes im Hinterkopf: “Arbeite hart, um einen Event, eine Show auf die Beine zu stellen!” Irgendwie scheint es immer um Bewegung zu gehen.

VH: Wie beginnst Du eine Kollektion?

DD: Ich habe keinen bestimmten Weg, den ich einschlage, weil ich einen solchen nicht erlernt habe. Jedes Mal erwische ich mich dabei, wie ich neue Methoden ausprobiere. Manchmal arbeite ich nach Konzepten, manchmal arbeite ich danach, dass ich eine schöne Vase entdeckt habe, deren Stil und Technik mich fasziniert und ich bringe die Vase mit in mein Atelier.

Manchmal bereite ich eine Collage als Moodboard vor, um mich inspirieren zu lassen – ich kann nämlich nicht konkret zeichnen. Meine Zeichnungen sind ziemlich abstrakt. Ich arbeite stark mit schriftlichen Notizen zur Erinnerung und ich spreche auch viel mit meinem Team, um zu erläutern, was mir vorschwebt. Aber manchmal merke ich, wie ich in meinem Atelier sitze und mit Steinen spiele – ich habe auch immer diesen Golddraht, mit dem ich spielen und um meine Finger oder wie eine Spur um mein Ohr wickeln kann.  

VH: So wie eine Skulptur um Deinen Körper. Ich mag die Vorstellung.

DD: Ja, ich habe mein Mannequin oder versuche es an meinem eigenen Leib, so wie Du das gerade erwähnt hast. Du solltest mich besuchen kommen.

VH: Was sind Deine Lieblingsfarben?

DD: Meine Lieblingsfarbe ist grün. Aber nicht an mir. An mir mag ich schwarz, grau und blau – typische Schuluniform-Farben.

VH: Also kannst Du über Deiner “Uniform” ganz viel mit Deinem Schmuck herumprobieren?

DD: Definitiv. Insbesondere bei der Arbeit gefällt mir die Vorstellung, eine Uniform zu tragen und nicht darüber nachdenken zu müssen, wie ich gerade aussehe. Es ist wie ein Gewand. Eine Art Arbeitsgewand, gemischt mit eklektischen Elementen, weil meine Gewänder in einer Boutique in Rom hergestellt werden, die sich auf einfache und bequeme Kleidung spezialisiert hat. Dort lassen auch die Nonnen ihre Roben herstellen. Eines meiner liebsten Roben ist jene, welche die Nonnen für die Gartenarbeit und das Kochen verwenden. Und eigentlich ist diese Robe auch ziemlich sexy …

VH: Kommen wir nochmal auf Deinen Schmuck zu sprechen: Haben die Farben der von Dir gewählten Steine eine bestimmte Bedeutung?

DD: Ja, aber ich will gar nicht, dass das zu so etwas wie einer ayurvedisch inspirierten Wahl gerät. Ich mag es, ihnen meine eigene Bedeutung zu verleihen. Und manchmal interessiert es mich, dem realen Gehalt dieser Bedeutungen nachzuspüren. Es ist also eine Mischung aus allem.

VH: Welche Bedeutung hat “tailor made” für Dich?

DD: Es bedeutet, Kontrolle über die Qualität und Ergebnisse Deines Produktes inne zu haben. Und es steht auch für die pure Schönheit, auf etwas zu warten. Es liegt eine eigentümliche Schönheit darin, auf etwas zu warten, das eigens und nur für Dich angefertigt wurde.

Beim Schmuck ist es ziemlich schwierig, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann etwas fertig ist. Du kannst immer weitermachen mit dem Hinzufügen oder Entfernen von Teilen. Es ist endlos. Weil meine Stücke tailor made sind und insbesondere in Rom handgefertigt werden, habe ich die Zeit, um zu verarbeiten, zu reflektieren und zu verstehen, was ich da eigentlich mache; Zeit, um das jeweilige Stück zu verstehen und zu verändern.

Mein ganzes Leben lang bin ich schon umgeben von tailor made Design, also von Maßanfertigungen. Aus diesem Grund weiß ich es vielleicht ganz besonders zu schätzen.  

VH: Denkst Du beim Designen auch an Verkaufsaspekte?

DD: Ich sehe mich mehr beeinflusst durch meine Kunden als vom Markt an sich. Mit meinen eigenen Boutiquen verstehe ich viel besser, was meine Kunden wollen. Als ich meine erste Boutique in Rom eröffnete, hatte ich die Angewohnheit, mich hinter dem Verkaufstresen zu verstecken, um meinen Kunden in Ruhe zuhören zu können. Das war ziemlich hilfreich. So wurden meine Stücke stärker. Es hat ihre Farbe, das Gewicht und den Tragekomfort beeinflusst. Ich habe den Rat meiner Kunden immer berücksichtigt. Vielleicht nicht direkt am nächsten Tag; aber ich behalte ihre Kommentare immer im Hinterkopf.

VH: Was ist Dein Bestseller?

DD: Ich würde sagen, das ist immer noch die Form unseres Modells Piercing. Wir haben noch so viele Variationen davon. Und der zweite Bestseller ist, glaube ich, unser Ring namens Dots.

VH: Welches ist Dein erstes selbstgefertigtes Schmuckstück?

DD: Das war ein Stück für mich selbst. Ich war schwanger und wollte die italienische Tradition fortführen, das Neugeborene mit Schmuck zu beschenken. Weil meine Tochter das erste Mädchen der fünften Generation sein würde, fiel es mir wirklich schwer, ein Schmuckstück auszusuchen, das sich richtig für mich anfühlte. Jedesmal, wenn ich einen antiken Ring trug, fühlte ich mich direkt älter. Also schien ich nicht richtig auf meine Bedürfnisse und Wünsche einzugehen.

Und das wiederum führte mich zu einem Goldschmied – ich hatte zwar keine Ahnung, wie man tatsächlich Schmuck anfertigt, dafür hatte ich aber eine sehr klare Vorstellung davon, was ich wollte. Es war wie ein kleines Wunder, dass ich gerade in jener Zeit alle Kraft in dieses kleine toughe Projekt steckte, in der ich gleichzeitig keine Macht darüber hatte, was in oder mit meinem Körper geschah.

Ich ließ von jenem Goldschmied einen Ring anfertigen, der komplett vom Tod handelte – denn ich war dabei, Leben zu schenken, also wollte ich wohl diesen Kontrast aufzeigen. Der Ring bestand aus zwei Skeletthänden, die einen Rubin halten und jede Skeletthand trug zudem ein Armband und einen Rubinring. Ich bemerkte, wie ich begann, mich für die kleinsten Details zu interessieren und von diesem Punkt nahm alles seinen Lauf.

VH: Deine Familie hat das italienische Modehaus Fendi gegründet, Du gehörst zur vierten Generation, Deine Mutter Silvia Venturini Fendi hat die berühmte ‘Baguette Bag’ erfunden. Wie hat Deine Herkunft Deinen persönlichen Stil beeinflusst?

DD: Ich wurde mit Milch und Mode großgezogen. Aber ich habe mich nie irgendwie besonders gefühlt. Alles fühlte sich so normal an. Ganz egal, wie alt wir waren, wir konnten an allen Versammlungen teilnehmen und wir hatten freien Zutritt zu auch jedem noch so kleinen Raum im Palazzo.

Meine Herkunft hat mich darauf vorbereitet, dass man seiner Leidenschaft folgen muss, aber egal, was man macht, es bedeutet harte Arbeit. Als ich mein Label startete, tat ich dies mit einer gewissen Leichtfüßigkeit. Aber ich wusste, dass ich noch vieles würde dafür opfern müssen.

VH: Welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Dir und Fendi?

DD: Zunächst stehe ich als Mensch und Person für mich allein. Ich hätte nur zu gern meine ganze Familie hinter mir gehabt und um mich herum, weil es heißt, die fünf Fendi Schwestern (eine davon meine Großmutter) seien wie die fünf Finger einer Hand. Natürlich waren sie miteinander vereint im Unternehmen, aber jede von ihnen hatte eine unterschiedliche Aufgabe.

Also bin ich irgendwie mein eigener CEO, mein eigener Designer und alle meine Bewegungen führe ich intuitiv aus und nicht aufgrund von Zahlen und Überlegungen zur Brand. Also, das dürfte wohl der wichtigste Unterschied zum Unternehmen Fendi sein (lacht).

Ein besonderes Dankeschön an Delfina Delettrez für die freundliche Zusammenarbeit.

FOTOS & VIDEO: Pascal Rohé& Julia zierer
REPORTERIN / PRODUKTIONSMANAGER: VERONIKA HEILBRUNNER
PRODUKTIONSMANAGER: JULIA KNOLLE
PRODUKTIONSASSISTENZ: CATARINA MARQUES TELES
MUSIK / VIDEO: THE LAST ROSE BY STAROVER BLUE
ÜBERSETZUNG: NELLA BELJAN
©Vera Comploj

Geboren und aufgewachsen in München begann Veronikas modische Laufbahn mit Modeljobs, bald wechselte sie auf die andere Seite der Kamera und wurde von der Modeassistentin zur Redakteurin, dann wieder ein Richtungswechsel ins Online-Luxury-Retailing, um bis vor Kurzem zurück beim Burda Verlag als Style Editor der deutschen Harpers Bazaar zu arbeiten. Im Moment lebt sie in Berlin, startete Anfang 2015 eine eigene Firma zusammen mit Julia Knolle, ihres Zeichens Ex-Editor-at-Large von Vogue Digital. Ach ja, ihre Leidenschaft sind Möpse.