Shopping: Glitzer-Blazer & Pailetten

Fashion Editor Madeleine hatte Pailletten abgeschworen. Doch dank eines funkelnden Chanel-Blazers begab sie sich online auf Glitzer-Suche …

Als Anfang Dezember Chanel die Métiers d’Art Kollektion in der Hamburger Elbphilharmonie präsentierte, zeigte sich Veronika für diesen Anlass von ihrer glitzernden Seite. Dafür kombinierte sie einen Blazer aus der Chanel Pre-Fall Kollektion, bestickt mit goldfarbenen Pailletten, zu einer schwarzen Hose und derben Schnürstiefeln. Abgerundet wurde der Look mit einer der Highlight-Taschen des Defilees. Guter Mix, schlaue Kombination, dachte ich, während meine Erinnerungen geweckt wurden.

Ich habe mit Pailletten schlechte Erfahrungen gemacht. Das ist bedauerlich, weil ich sie wirklich gerne tragen möchte. Meine Versuche sind zahlreich, mein Scheitern bewiesen. Seit meiner Kindheit bemühe ich mich, doch es will einfach nicht klappen.

Alles fing mit einem glitzernden Gel-Lidschatten an, den mir meine Klavierlehrerin schenkte. Sie war eine elegante Dame, die etwas von Mode und Musik verstand. Statt neue Stücke zu lernen, unterhielt ich mich lieber mit ihr. Mein Ziel war es, sie zumindest 45 von 60 Minuten in wichtige Gespräche zu verwickeln. An jenem Tag ging es also um Make-up und alles endete damit, dass sie diesen Lidschatten hervorzauberte. Ich probierte ihn aus, ich reifte vor meinen Augen von zehn auf 14 Jahre und ich war begeistert.

Zuhause löste ich bei meiner Mutter Verwirrung und Ärger aus. Das Zeug musste weg. Den nächsten Versuch startete ich mit 16 und es war die Phase der „Party-Tops“. Meins war todschick: trägerlos und schwarz, mit einem breiten Paillettenbund. Wenn ich das anzog, dann nicht nur für irgendeine Party, nein: Je wichtiger der Anlass, desto mehr musste ich funkeln. Aber leider jeder, wirklich jeder dieser Abende endet in einer absoluten Katastrophe. Mit 21 Jahren war ich der Meinung, dass ich für die Hochzeit meiner Cousine zu einem roten knallengen Satinkleid (!) auch noch eine üppige Paillettenjacke brauchte. Widerstand von Seiten der Familie ignorierte ich. Jahre später sah ich ein Video und zu viele Bilder und konnte sie verstehen.

Ich studierte Mode. Mit dem Gedanken, dass ich vielleicht einfach keine Pailletten tragen kann, dachte ich es wäre klug, die Kreationen an jemand anderem zu zeigen. Irgendwann kam der Moment: Ich schlug eine Produktion mit einem funkelnden Mix an Pailletten vor. Angetan von meiner Idee, ein Thema außerhalb meiner Komfortzone (reduziert, gedeckte Töne oder Knall- und dezente Farben), hob meine Chefin beide Daumen dafür. Während der Produktion fragte ich mich, was mich geritten hatte, auf so etwas Blödes zu kommen. Zu viel, alles war zu viel.

Mein vorerst letzter Versuch sollte Silvester 2016 werden. Kurz vor Ladenschluss am 31. Dezember verwarf ich mein Outfit und rannte durch ein sprudelndes Barcelona, um mir einen sogenannten “Partylook” zu besorgen. Ich fand ein kurzes, glitzerndes Oversize-Kleid in Silber. Erstaunt über meine originelle Wahl zeigte ich es meinem Freund, der sehr freundlich versuchte, mich zu überzeugen, dass es doch sehr hässlich sei. Ich lachte, er nicht, die Konsequenz war ein großer Streit. Kürzlich entdeckte ich das Kleid wieder und verstand – genau wie damals meine Familie – auch ihn. Was lerne ich daraus? Dass sich mein Gehirn bei Glitter und Pailletten ausschaltet, mein Einschätzungsvermögen auf null sinkt und meine Erwartungshaltung in schwindelerregende Höhen steigt.

Und nun erwische ich mich dabei, wie sehr ich mich plötzlich für Fall/Winter Kollektionen interessiere, in denen es funkelt: goldfarbene Trainingshosen mit Pailletten von Faith Connexion, lange Kleider mit Glitzersteinen von Dior, Chanels metallische Mantelvariationen und Saint Laurents fantastische Overknees, die komplett verziert sind. Was soll ich machen, Veronika ist schuld.

Madeleine ist Modejournalistin. Für Mode begeistert sie sich, seit sie denken kann – besonders für Kaschmirpullover und Schmuck. Nach fünf Jahren im Moderessort der deutschen Vogue in München beschloss sie, eine neue Herausforderung anzunehmen und nach Berlin zu ziehen. Als Fashion Editor bei hey woman! kann sie ihre Leidenschaften für Styling, Creative Direction und das Schreiben vereinen. Madeleine imitiert gerne Schweizer Akzente und versucht sich als Köchin.

©Phillip Schlegel