Rückblick: Mailand Fashion Week Herbst / Winter 2017

©Collage / Oriane Baud

Die Mailand Fashion Week Herbst/Winter 2017 ist vorbei und Veronika Heilbrunner verrät uns ihre exklusiven Eindrücke bei Gucci, Prada und Dolce & Gabbana

Die Fashion Week in Mailand ist normalerweise das Reiseziel, bei dem ich zur Ruhe komme, bei dem ich es genieße, regelmäßig großartig essen zu gehen und das bei einem immergleichen Zeitplan. Dieses Mal war das jedoch nicht der Fall. Wenngleich viele Brands noch nicht den Sprung ins “New Age of Fashion” geschafft haben – ob das der kreativen Mission geschuldet ist oder der Tatsache, dass diese Firmen es gut finden, noch ein bisschen länger Dornröschen zu spielen – finden sich doch einige Labels, die nicht nur aus diesem Tiefschlaf erwacht sind, sondern den MFW Zeitplan gehörig durcheinander schütteln und Modeherzen zum Hüpfen bringen!
Hier sind meine gesammelten Eindrücke, das Beste vom Besten der MFW Herbst / Winter 2017.

Beste Show: Gucci

Noch niemals zuvor fühlte ich mich nach einer Show erschöpft. Und nicht nur ein bisschen – sondern wirklich, wirklich so überwältigt, dass ich das dringende Bedürfnis verspürte, mich sofort auf den Boden zu legen. In dem Augenblick habe ich gar nicht verstanden, was da mit mir passierte, aber jetzt, mit ein bisschen Abstand, ist mir klar, dass der Effekt, den diese Kollektion und alles um sie herum auf mich hatte, einfach ein bisschen viel war – oder mit anderen Worten, dass das alles schlichtweg zu gut ist, um wahr zu sein.

Aber fangen wir von vorne an. Diese Herbst / Winter 2017 Show von Gucci war die erste, bei der sich die Brand entschied, Männer und Frauen gemeinsam zu zeigen – und gleichzeitig war es die erste, für welche die Brand sich entschied, in sein Headquarter, ein wenig außerhalb von Milan gelegen, einzuladen. Und all dies schaffte natürlich Raum für große Erwartungen: Damit konnte Gucci sich seinen eigenen Fantasy Laufsteg erschaffen, der dank eines riesigen, dunkelvioletten Seidenvorhangs beim Seating noch nicht zu sehen war.

Als die Musik begann und der Vorhang sich hob, konnte ich gar nicht so schnell den Glaskasten in Augenschein nehmen, aus welchem der Runway bestand, weil die Models direkt anfingen loszuschreiten. Und nicht etwa schön brav einzeln, sondern in einer ganzen Parade von endloser Schönheit, Fantasie und Coolness. Mir blieb nicht eine Sekunde, um meine Kinnlade zu schließen – ernsthaft! Denn so viel gab es zu sehen. Neben dem unfassbaren Verlangen, fühlte ich mich mit den Kleidungsstücken direkt verbunden, und ich wünschte mir ebenfalls sehnsüchtig ein zweites Smartphone herbei, um das Spektakel zu filmen (so wie Digi-Profi Tina Leung, die neben mir saß), während das Licht permanent seine Farben wechselte: erst rot, dann lila, dann blau und wieder von vorne. Und das erlaubte es, die Kollektion in allen unterschiedlichen Schattierungen anzusehen.

Fantastische lange Seidenkleider, üppig bestickte Anzüge, Cordhosen mit weitem Beinabschluss, kurze T-Shirts, die in Zusammenarbeit mit Coco Capitán entstanden dazu, typisch Gucci, ganz viele Accessoires – und neue Teile wie ein mit wundervollen Ornamenten bestückter Spazierstock und übergroße Cocktailschirme.

Es war ein konstantes Hin und Her zwischen ultra glamourös und super entspannt, aber immer gab es von einer Sekunde auf die andere auch noch etwas zu entdecken, von dem man seine Augen partout nicht lösen konnte. Die Bodysuits bzw. Ganzkörperanzüge – entweder aus Wolle oder Kristall und mit Kapuzen – und der große Nasenring erinnerten ein bisschen an Alexander McQueens Kollektion für Herbst / Winter 2009, die er mit Horn of Plenty betitelte. Alessandro Micheles Signature Shirts, die Karohemden (er trägt sie wirklich jeden Tag), fügten dem Ganzen noch eine Prise schottisches Flair hinzu.

Und das ist noch nicht alles. Die Gäste schon bei der Show waren der perfekte Mix aus Hollywood, Coolness, Adel und Kunstwelt – und alle zeigten natürlich auch am eigenen ihre ganz persönliche Interpretation von Gucci.

Beste Party: Gucci

Die Hysterie ist an dieser Stelle noch nicht vorbei! Nachdem ich versuchte, mich mit einem guten italienischen Abendessen in meinem Lieblingsrestaurant Bice zu beruhigen, ging es weiter mit uns in das wunderschön kreierte Tollhaus aka Alessandro Micheles Partyeinladung in einem reinen Mädcheninternat. Glücklicherweise hieß es bald Schlafenszeit für die Schülerinnen (die sich nur ein Stockwerk höher betteten), also musste die Party ein frühes Ende nehmen und die Gäste das Geschehen bereits gegen ein Uhr verlassen.

Wir Gäste waren überwältigt von den Räumen des von hinten beleuchteten Palazzos, von Tori Amos, die live performte, und, ich muss es nochmal sagen, von all den jungen Leuten, die von Kopf bis Fuß in Gucci gekleidet waren. Und ich muss ebenfalls noch einmal festhalten, dass ich diese Freiheit und den Spaß sehr genieße, die jeder bei Gucci zu verspüren scheint. Ob man im Jogger oder im Abendkleid auftauchen wollte: beides war perfekt zu diesem Anlass.

Und verpasst bitte nicht den Sonnenbrillen-Film von Petra Collins für Gucci, er versprüht so viel Freude!

Bester Look: Prada

Inzwischen sollte ich es besser wissen und meine Lieblingskollektion nicht küren, bevor ich nicht Miuccias Vision dafür gesehen habe! Wie soll man diese Parade von dieser geerdeten-Surfer-Cord-Coolness nicht lieben – inklusive Strick-BHs, Fellgürtel und glamouröse, über den Boden schleifende Seidenabendkleider im Grungelook mit flachen Overknee-Stiefeln mit Schnallen, Lederhüten und mit Perlen versehenen Strickschals. Nun, um ehrlich zu sein, habe ich auch Großartiges erwartet nach ihrer Männershow im Januar – die Cordanzüge, Muschel-Halsketten und Fellmokassins läuteten diese neue Boho-Ära ein.

Die Kombination aus den wichtigsten Teilen des letzten Jahrzehnts – von nerdy und cool bis fancy und posh – hat für das Gerücht gesorgt, diese Kollektion sei Miuccia Pradas Autobiographie, gezeigt in ihren Looks. Das Showset (Prada hat in dieser Kategorie ebenfalls den ersten Preis verdient) hatte seinen Anteil an dieser Idee:  Die vielen Betten in allen verschiedenen Farbschattierungen der Kollektion, die aus den typischen Prada-Materialien gefertigt waren (inlusive der anrüchigen, unerwarteten und ungewöhnlichen wie Latex und Neon Fake Fur) bildeten eine Reminiszenz an Teenagerzimmer, inklusive Passfoto-Bildern und allen möglichen Postern und Notizzetteln, die an die Wände geklebt waren.

Ich muss nicht erwähnen, dass dies auch den Pokal für die Social-Media-freundlichsten Fotos bekommt – nicht nur während der Show, sondern auch bei den Re-sees für die komplette Publicity. Im besten nur erdenklichen Sinne. #movingintheshowset

Bester Cocktail: 032c Slam Jam

Es war die perfekte Gegenüberstellung von Glamour und Großartigkeit der italienischen Megabrands Valentino zeigte auch seine neue Sonnenbrillen-Kollektion in der fantastischen Umgebung eines indirekt beleuchteten Palazzos – dass dieser Event eigentlich zum Straßenfestival mutierte. Wie alle vielleicht wissen, sind wir bei hey woman! Fans und Follower von dem Magazin 032c aus Berlin, also lag mir sehr daran, Jörg und Maria Koch zu ihrer jüngsten Zusammenarbeit zu gratulieren: eine mega gute Capsule Kollektion für den Mailänder Shop von Slam Jam.

Next Level: Dolce & Gabbana

Traurigerweise konnte ich nicht persönlich bei diesem Happening dabei sein, aber dank der Instagram Live Stories und gefühlt einer Trillionen Posts , konnte ich ganz aufgeregt dabei zuschauen, wie das Duo die klassischen Rollen in der Mode auf den Kopf stellte.

Was mich am meisten an ihrer Entscheidung interessiert hat, anstatt professionelle Models Blogger, Influencer und Couture Kunden über den Laufsteg zu schicken, war die Tatsache, dass die Protagonisten ihre Outfits selbst auswählen sollten. Was das wohl für einen Einfluss auf die Mode insgesamt haben wird?

Auf jeden Fall hat sich Dolce & Gabbana damit praktischerweise natürlich die Berichterstattung auf allen relevanten Social Media Kanälen reserviert. Und zweitens war diese Entscheidung unfassbar gewieft, nein, geradezu genial – denn wie sollte man seine treuesten Kunden noch besser an sich binden, als mit diesem schlauen Move? Natürlich sorgte dies beim einen oder anderen für hochgezogene Augenbrauen, aber auch befeuert dies doch nur noch die Anzahl der Artikel, Posts und sogar, noch einfacher gedacht, die Unterhaltungen beim Abendessen im Business, oder vielleicht sogar darüber hinaus? Wie viele andere Brands werden ebenfalls diesen Weg einschlagen?

Weitere Favoriten:

Geboren und aufgewachsen in München begann Veronikas modische Laufbahn mit Modeljobs, bald wechselte sie auf die andere Seite der Kamera und wurde von der Modeassistentin zur Redakteurin, dann wieder ein Richtungswechsel ins Online-Luxury-Retailing, um bis vor Kurzem zurück beim Burda Verlag als Style Editor der deutschen Harpers Bazaar zu arbeiten. Im Moment lebt sie in Berlin, startete Anfang 2015 eine eigene Firma zusammen mit Julia Knolle, ihres Zeichens Ex-Editor-at-Large von Vogue Digital. Ach ja, ihre Leidenschaft sind Möpse.