KW Institute for Contemporary Art: Krist Gruijthuijsen & Hanne Lippard

Krist Gruijthuijsen / ©Robbie Lawrence | Hanne Lippard / ©Felix Brüggemann

Das KW Institute for Contemporary Art stellt das Programm des neuen Direktors Krist Gruijthuijsen vor

Als Klaus Biesenbach vor 25 Jahren das KW Institute for Contemporary Art  in der Berliner Auguststraße ins Leben rief, herrschte ein Klima des politischen Umbruchs und der Ungewissheit – zwei Jahre zuvor war die Berliner Mauer gefallen, mit dem die Ära des wiedervereinigten Deutschlands begann. Und wie so oft in der sich scheinbar wiederholenden Geschichte befand sich der jüngst ernannte Direktor und Chefkurator der KW, Krist Gruijthuijsen, in einer ähnlichen Situation, als er im Frühjahr 2016 (inmitten eines ebenfalls äußerst ereignisreichen Politjahres) den Posten übernahm. Und auch wenn das KW Institute for Contemporary Art bereits vor der Jahrtausendwende eine feste Größe im Berliner Kunstbetrieb darstellten, konnte eine klare Ausrichtung und eine Abgrenzung von der Berlin Biennale nicht schaden.  

Nach einer mehrmonatigen Pause samt aufwendiger Sanierungsarbeiten feierte das KW (mit einer ausladenden Agenda im Schlepptau) die Wiedereröffnung. Am 19. Januar wurden Presse und Öffentlichkeit zur Vorstellung des neuen Programms geladen. Die Früchte der Renovierungsarbeiten des Architekturbüros Kuehn Malvezzi können sich sehen lassen: Der Haupteingang wurde an den Seitenflügel verlegt, der Eingangsbereich wurde um eine neue Rezeption erweitert, nun gibt es eine Sitzecke, einen kuratierten Buchstand sowie die lang ersehnten Schließfächer. Im Ausstellungsbereich wichen nicht nur Wände, auch die Ziegelsteine an der Decke der ehemaligen Margarinefabrik wurden freigelegt. Dafür versprechen die lichtdurchfluteten Räumlichkeiten nun eine ganz neue Ausstellungs-Choreographie in industriellem Flair.

Den Hauptbezugspunkt der neuen Ausstellung bildet der südafrikanische Konzeptkünstler Ian Wilson, dessen Wirken bis weit in die 1960er zurückreicht, während sein Werk sich am besten über das beschreiben lässt, was nicht da ist; zum Beispiel in Arbeiten wie Circle on the floor (1968) oder der Serie The Discussions. Mit den Mitteln von Reduktion und Weglassen und mit Hilfe seines Lieblingssymbols, des Kreises, untersucht Wilson in seinem Œuvre das zwiespältige Verhältnis von Kunst und Sprache. Im Verlauf der nächsten vier Monate wird Wilsons immaterielles und dennoch wesentliches Werk in den Einzelausstellungen von Hanne Lippard, Paul Elliman und Adam Pendleton reflektiert.

Den Anfang macht dabei die norwegische Künstlerin Hanne Lippard, deren Arbeiten sich von Soundinstallationen bis hin zu Lesungen und Performances um experimentelle Formen von Sprache drehen. Als künstlerisches Medium dient ihre eigene Stimme, sie kehrt dabei die Diskrepanz zwischen Form und Inhalt hervor. Geboren ist Lippard im britischen Milton Keynes, aufgewachsen ist sie bilingual in Norwegen. Damit sieht sie sich zwischen zwei Welten platziert – vielleicht einer der Gründe, warum das gesprochene Wort in ihrem Schaffen eine Kernrolle einnimmt. Ihre Arbeit im KW trägt den Titel Flesh und nimmt die gesamte Halle des Erdgeschosses ein. Inmitten des Raumes prangt die Wendeltreppe, die aus 29 Stufen an einer einzigen lasttragenden Mittelsäule montiert sind. Das beigefarben lackierte Metallgeländer führt den Betrachter, oder vielmehr den Teilnehmer, in eine andere Dimension.

Der Oberraum, ein lichtdurchfluteter Kubus mit Blick auf die Gartenterrasse und die umliegenden Dachgipfel, misst kaum anderthalb Meter an Höhe. Der Teppichboden darin ist mit in einem bräunlichen Pinkton gehalten, die Farbe “einer offenen Wunde”, wie Lippard selbst es beschreibt. Dort oben gibt es nichts außer Lippards Stimme, die aus den Lautsprechern schallt. Ihre Sprache ist voll von stechenden Konsonanten und weichen Vokalen; ein Zusammenspiel aus Rhythmus und Melodie. “Mir scheint der Titel beinahe lautmalerisch. Wenn man das Wort ‘flesh’ ausspricht, dann spürt man es förmlich”, so Lippard. In ihrem künstlerischen Schaffen erkennt sie sowohl persönliche Züge als auch Momente einer öffentlichen Persona: “Ich denke, man kann kaum als Künstler arbeiten, ohne in irgendeiner Weise politisch zu sein. Insbesondere wenn man Sprache, und vor allem die weibliche Stimme, als Mittel nutzt.”

Angesichts des Booms sozialer Medien scheint Kommunikation gegenwärtiger zu sein als je zuvor. Darum “kann Sprache ein gefährliches, wenn gleich auch notwendiges Werkzeug sein”, gibt Lippard zu bedenken. Reaktionäre Politik, wachsendes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft und die ungehemmte Verzerrung von Tatsachen (wie erst kürzlich in den Vereinigten Staaten erlebt, als Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway Falschmeldungen als ‘alternative Fakten’ schönredete) stehen an der Tagesordnung. Lebten wir wirklich in einem ‘post-faktischen’ Zeitalter, dann wäre Kommunikation wohl eine bloße Einbahnstraße. Doch wissen wir es nicht besser?

Tatsächlich ist es jetzt an der Zeit, um gut zuzuhören; einen ausgiebigen Dialog brauchen wir nun mehr denn je zuvor. Die positive Seite dieses geopolitischen Durcheinanders ist die Wiedergeburt der Protestkultur – wie vor einigen Tagen der Women’s March on Washington und die weltweiten Solidaritätsdemonstrationen bewiesen haben. Es gibt Hoffnung, wenn man den Mut und die Stimme dazu findet.

Lippards Vorstellung von Sprache als Politikum korrespondiert bestens mit dem neuen Programm des KW. Sei es die Rückkehr der legendären Pogo Bar (jetzt: Bob’s Pogo Bar) oder die neu lancierte Veranstaltungsreihe The Weekends: Krist Gruijthuijsen versteht den Kunstraum als einen Gemeinschaftsort, der den gegenseitigen Austausch zwischen Künstler und Publikum ermöglicht. Kunstdiskurs als neue Form des politischen Dialogs? Im Jahr 2017 könnte das KW Institute for Contemporary Art der Ort für eine solche Debatte werden.

Aktuelle Ausstellungen:
Ian Wilson, 20. Januar – 14. Mai 2017
Hanne Lippard, Flesh, 20. Januar – 9. April 2017

 

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Nach einem Auslandsaufenthalt in Paris ließ sich Jessica Aimufua 2012 in Berlin nieder, um dort ihr Studium der Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft aufzunehmen. Als präzise Beobachterin und nachdenkliche Seele entwickelte sie von klein auf das Bedürfnis sich kreativ auszudrücken. Heute schreibt sie zweisprachig über Kulturphänomene und Gegenwartsästhetik mit Fokus auf die Bereiche Film, Mode und Kunst. Bei hey woman! ist Jessica für Textarbeit, Editing und Übersetzungen verantwortlich.