Kolumne: Über innere Prioritäten

©Collage / Oriane Baud

Für eine Work/Life-Balance muss man Prioritäten setzen, die dem Körper gut tun, bevor der große Knall kommt. Von der Überwindung des inneren Schweinehundes

Die These ist nicht neu, dass es den berühmten Knall braucht, um etwas zu verändern. Um sich in seinem Verhalten wirklich grundlegend zu wandeln, brauchen wir oft sogenannte ‘äußere Faktoren’, die uns wachrütteln. Mich fasziniert es dabei immer wieder, wie das Unterbewusstsein jeden Tag aufs Neue gegen das gewinnt, was eigentlich die bessere Option ist. Und obwohl man sich im Moment des Machens, im Moment der Entscheidung, komplett im Klaren darüber ist, dass es falsch ist, wie man es macht und weiß, wie man es besser machen sollte – muss man sich gleichzeitig eingestehen, einfach nicht anders zu können. Und ob!

Das “Problem” liegt, denke ich, tatsächlich in der fehlenden Willensstärke – jene Willensstärke, die für Veränderungen so notwendig ist, hat man eben anscheinend nur dann, wenn die Kapazitäten da sind, den inneren Schweinehund (vielleicht ist es am Ende nicht mal der?) oder sonstige Hürden zu überwinden, die einen davon abhalten, die richtige Wahl zu treffen.

Das ist alles recht abstrakt. Bei mir ertönte der Knall auch im wirklichen Leben, und das geschah nicht etwa überraschend, sondern das Ganze hatte sich schon eine Weile abgezeichnet: Die Aufträge, die wir uns seit Gründung der Firma wünschten, trudelten nur so ein. Unsere Arbeitsstrategie passten wir darauf an – aka wir erhöhten unser Pensum. Weil es nun an der Zeit war, ein kleines Experiment zu wagen: mehr und mehr und noch ein bisschen mehr!

Noch ein Meeting und noch ein Termin, den man nicht absagen wollte! Und huch, es ist nun doch schon so spät, jetzt noch Laufen gehen? Ah nein, viel zu kaputt und lieber noch aufholen, was heute bei den Modewochen in Paris, London, Mailand und New York so passiert ist. Und noch ein bisschen mehr am Computer sitzen und gucken, was da alles Aufregendes passiert.

Die Standleitung zum eigenen Körper ist stillgelegt – da meldet sich ohnehin schon niemand mehr. Eines dienstagmittags dann macht es quasi “Knacks” und da ist er, er der erste Hexenschuss meines Lebens. Ein paar Ibuprofen hier und ein starker Wille, trotzdem weiter aufzustehen, sich hinzusetzen und die To-do-Liste abzuarbeiten. Dennoch bringt das alles nichts. Denn a. wirkt das Schmerzmittel nicht mehr und b. wird jetzt deutlich, dass hier einmal kurz Ruhe benötigt wird.

Trotz des guten Ansatzes ist es dann nun so, dass man Abstand nimmt von dem, was einem wirklich guttut. Weil andere Dinge scheinbar so viel wichtiger erscheinen. Sich selbst an die erste Stelle zu setzen, damit scheinen selbstgefällige Schriftsteller wie Maxim Biller (kürzlich mit Coverstory im Zeitmagazin) oder der jetzt bald 90-Jährige Martin Walser (wunderbarer Artikel dazu von Julia Encke in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 12.3.2017) kein Problem zu haben.

Nicht, dass wir uns hiermit in Geschlechter-Debatten tummeln wollen – es mag sicher auch unter männlichen Zeitgenossen welche geben, die sich schwer damit tun, ihre Prioritäten richtig zu setzen. Was zu meinem Lieblingsthema führt, der Überforderungsgefahr im Alltag, IMMER genau zu wissen, was nun richtig ist. Manchmal ist das spielend einfach, aber manchmal eben auch ein großes Mysterium.

Vor allem, wenn man zu gerne immer alles richtig und perfekt machen möchte. Vielleicht ist das auch schon das Dilemma. Oder wo ist der rettende Hebel, der einen sehen lässt, dass “kurz” gerade gut ist, dass die heilenden Kräfte der Yogaprediger keine Lüge sind und es manchmal schier am besten ist, zuhause zu bleiben.

Warum vergisst man denn immer, dass bei der Joggingrunde im Wald die besten Ideen kommen – die man, während man stundenlang im Büro sitzt (jetzt neu gelernt, gar nicht gut für das sensible Kreuz des Menschen), nicht bekommt. Und man erhält im Büro auch nicht den nötigen Abstand zu den unlösbaren Konflikten. Woher nehmen als von den Dingen, die uns zur Ruhe kommen lassen: die Geduld zu warten, bis sich das ein oder andere eventuell ganz von selbst ergibt? Ja, wieso vergisst man das eigentlich immer?

Was mich am Ende am meisten freut, ist, dass mein Körper gewonnen hat. Gegen mich und meinen unruhigen Geist, der nicht in der Lage war, die Dinge in den Griff zu bekommen. Und so bekam er, was er wollte: meine Einsicht – verbunden mit täglichen Turn- und Yogaübungen, viel Zuwendung sowie täglich schonend zubereitetes organisches Essen, grüne Smoothies und selbst gemachten Kombucha (dazu später mehr). Ein Happy End sozusagen.

P.S.: Mal sehen, wie lange das anhält. Ooohm!

Julia hat 2007 einen der ersten Modeblogs in Deutschland mitgegründet und als Consultant für Digitale Strategien gearbeitet, nachdem 2010 ihr erstes Buch erschienen ist. Nach vier ereignisreichen Jahren bei Condé Nast, in denen sie hauptsächlich für den digitalen Bereich der deutschen Vogue verantwortlich war, entschloss sie sich, ihr eigenes Online Magazin zu gründen, gemeinsam mit der Partnerin ihrer Träume – mit Veronika Heilbrunner. Julia lebt und arbeitet in Berlin und liest gerne Bücher.