Kolumne: Über das Schlussmachen

©Collage / Oriane Baud

In ihrer neuen Kolumne beschäftigt sich Paulina Czienskowski mit der Liebe und dem Schluss Machen

Es gibt verschiedene Arten, Schluss zu machen. Und doch sind Trennungen immer irgendwie widerlich. Ob man geht oder verlassen wird, völlig egal. Wie es gemacht wird, völlig egal. Fakt ist der Fakt: Man ist wieder alleine. Und nur mit der Zeit verschwindet die Trauer. Aber die Zeit muss eben erst einmal vergehen.

Wieder ist da jemand draußen, mit dem man – mal kürzer, mal länger – sein Leben geteilt, dem man Dinge anvertraut hat. Der glaubt zu wissen, wie und wer man ist. Mit all dem schwirrt dieser jemand nun von einem losgelöst irgendwie zurück in die Freiheit. Und jeder für sich sucht irgendwann nach dem, nach seinem Nächsten. Einem, dem man wieder zeigt, wie schön das Leben auch zusammen sein kann.

Verrückt, wie austauschbar das Konzept der Liebe damit wird. Der Philosoph Alain de Botton hat das längst benannt. Nüchtern erklärt er in seinem Buch The Course Of Love (auf deutsch: Der Lauf der Liebe), dass man sich theoretisch in jeden verlieben könne. Das gibt Hoffnung. Und er sagt übrigens auch, dass wir alle nicht verstehen würden, dass Beziehungen nicht durch den romantisch aufgeladenen Anfang definiert werden.

Nein, liebe noch hoffnungsvollen und schon hoffnungslosen Liebenden! Liebesgeschichten beginnen erst da, wo man das alles lange hinter sich gelassen hat, sagt de Botton. Dann, wenn Alltag und Probleme, Kinder und Affären zur Realität werden. Nur scheint das nicht jeder zu erkennen. Der Fluchtreflex vor Verantwortung für ein Wir ist bei vielen größer als die Kraft, für dieses Wir gemeinsam zu kämpfen. Mein Gott, diese verdammte Leichtfüßigkeit.

De Botton sagt auch, dass Liebesbeziehungen natürlicherweise Phasen unterliegen. Was uns einerseits am Leben erhält, immerhin wird es so nie langweilig. Andererseits bedeutet das Arbeit. Und zwar gewaltige. Die miteinander und die an sich selbst. Eigene Muster erkennen, mit ihnen umzugehen, sie irgendwann gehen zu lassen. Liebe ist Arbeit – zugegeben, das klingt wie ein plumper Kalenderspruch und ist dabei so wahr.

Aber zurück zur Trennung, die widerliche, in der jeder seine ganz eigenen Mechanismen entwickelt, um sich aus dem Elend zu hieven. Gut so! Weiter so! Aber, und das ist eine Ansage, Trennungen sind zwar in aller Regel schmerzhaft, nur hilft es oft nicht, den Schmerz durch Hass gegen den Ex-Partner zu ersetzen, wie man oft glaubt. Wenn man betrogen, belogen, körperlich nicht gut behandelt wurde, dann bitte unbedingt! Ansonsten aber wird aus widerlich schnell auch hässlich.

Der Klügere also bleibt liebend und geht gedanklich vielleicht sogar zurück zu dem Anfang, den de Botton als irgendwie realitätsfern beschreibt, und macht sich diesen kurzerhand wieder zur Realität. Sich zu erinnern, wieso man mit jenem Menschen seine Zeit eigentlich verbracht hat, tut zwar weh, kann aber auch erleichtern.

All die negative Energie, die man ansonsten in einem hörbar von Groll erfüllten Miteinander nach jenem ‘Wir’ versprüht, schlaucht viel zu sehr. Aber genau diese vergeudete Kraft braucht man doch in dieser Zeit mehr als sonst. Also besser Milde walten lassen und das aus eigentlich egoistischen Gründen – in unserem ewigen Streben nach Achtsamkeit sollte das doch der beste Weg sein, die Zeit nach dem Ende endlich, endlich vergehen zu sehen.

Paulina Czienskowski ist freie Journalistin. Sie lebt in Berlin, dort ist sie auch geboren und aufgewachsen. Darüberhinaus hat sie in den USA gelebt, in einer kleinen Stadt in Deutschland sowie in Paris, bevor sie zurück in ihre Heimat kehrte, mit neuem Blick auf die Dinge. In ihrer Arbeit versucht Paulina das Unaussprechliche zu verstehen – inklusive des Bedeutungsvollen und Authentischen in Geschichten und gesellschaftlichen Konstruktionen. Sie arbeitet als Contributor für Die Zeit, Berliner Morgenpost und L’Officiel als auch für Indie Magazine wie Sofa und Das Wetter.