Stella McCartney

Women We Love: Peggy Guggenheim

©Collage/Julia Zierer

Peggy Guggenheim, die exzentrische Mäzenin aus der Guggenheim Dynastie, scheint diesen Frühling in aller Munde zu sein. Gerade diese Woche kommt der Dokumentarfilm Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst über sie in die deutschen Kinos. Montblanc hat ihr drei aufwändige, streng limitierte Füllfederhalter-Editionen gewidmet. Eine spektakulärer als die andere. Genug gute Gründe (mindestens zwei) also, um einmal genauer hinzusehen. Wer genau war Peggy Guggenheim?

Peggy Guggenheim, geboren am 26. August 1898 in New York, war die mittlere von drei Töchtern. Ihr Vater entstammte einer der reichsten Industriellenfamilien aus New York und sollte später auf der Titanic ums Leben kommen, als Peggy gerade 13 Jahre alt war. Ihr Onkel war Solomon R. Guggenheim, Industrieller und Kunstsammler, der die Solomon R. Guggenheim Foundation gegründet hat.

Mit ihrer Volljährigkeit erhielt Peggy Guggenheim ein vergleichsweise geringes Erbe (sie entstammte dem weniger vermögenden Zweig der Familendynastie), das ihr dennoch ihre finanzielle Unabhängigkeit ermöglichte, die sie fortan zu bewahren wusste. Sie zog von New York nach Paris, wo sie sich mitten ins Leben stürzte und schnell Freundschaften mit Künstlern wie Djuna Barnes, Man Ray, Giacometti, Miró, Marcel Duchamp schloss. Letzterer war derjenige, der sie in die avantgardistische Kunstszene einführte.

Im Alter von 24 Jahren heiratete sie den Bildhauer Laurence Vail, mit dem sie zwei Kinder bekam. Nach acht Jahren waren die beiden bereits wieder getrennt. Sie verliebte sich in den Autor John Holms, der schon bald völlig überraschend bei einer harmlosen Operation starb. Er war es, den sie rückblickend stets als die Liebe ihres Lebens bezeichnen würde.

Ihre Affairen, darunter die mit Samuel Beckett, wurden legendär, ihr Freigeist auch. Erst mit Ende dreißig begann sie, gezielt Kunst zu sammeln und damit die Person zu werden, die wir mit ihrem Namen assoziieren und die uns bis heute in ihrem Bann hält, atemlos.

Sie fing nicht nur an Kunst von Brâncuși, Braque, Chagall, Kandinsky und Mondrian zu kaufen, um nur wenige zu nennen, sondern vor allem erkannte sie viele Künstler überhaupt erst als solche an. Meist interessierte sie sich dabei zunächst mehr für deren Persönlichkeit, erst dann beschäftigte sie sich mit den jeweiligen Werken. Jackson Pollock beispielsweise lernte sie im Museum ihres Onkels kennen, wo er als Tischler arbeitete. Sie ‘rettete ihn also’, um es in ihren eigenen Worten auszudrücken, aus seinem bis dato gelebten Dasein hinein in eine andere Welt. Sie unterstützte ihn und weitere von ihr ausgewählte Künstler finanziell auch mit Farbe und anderen Materialien, so dass diese sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren konnten. Sie kaufte deren Werke und stellte sie aus. In den genannten Fällen spielte sie somit eine entscheidende Rolle auf dem Weg zu deren Durchbruch als anerkannte Künstler. Gleichzeitig gelang es ihr, eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt zusammenzustellen. Ihre große Leidenschaft galt dabei im Wesentlichen der surrealistischen und abstrakten Kunst sowie dem Kubismus.

Ihre erste Galerie eröffnete sie (erst) im Alter von neununddreißig Jahren in London, Guggenheim Jeune, mit einer Ausstellung von Jean Cocteaus’ Zeichnungen nackter Männer. Es folgten Ausstellungen von Wassily Kandinsky, Yves Tanguy, nicht zu vergessen die von ihr initiierten Gruppen-Ausstellungen mit Skulpturen und Collagen. Auch Lucian Freud hatte bei Guggenheim Jeune seine erste Ausstellung. Obwohl ihre Galerie sich großer Beliebtheit erfreute, war sie finanziell nicht tragfähig. Das führte dazu, dass Peggy sich entschloss, nach Paris zurückzugehen.

Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange. Peggy Guggenheim floh, in Paris angekommen, erst nach Südfrankreich, dann zurück in die USA. Wobei das Wort ‘floh’ nicht ganz zu passen scheint, denn fliehen setzt oft Angst voraus. Peggy Guggenheim sagte jedoch immer wieder über sich, dass Angst ihr fremd sei. Insofern muss es vielleicht eher heißen: Sie entschloss sich aufgrund der Verfolgung von Juden in Europa bzw. ihrer jüdischen Abstammung, 1941 nach New York zu emigrieren.Doch zuvor verhalf sie gefährdeten jüdischen oder aus anderen Gründen verfolgten und diffamierten Künstlern und deren Familien zur Ausreise aus Europa, darunter Marc Chagall, André Breton und Max Ernst.. Zurück in New York heiratete sie Max Ernst und gründete wieder eine Galerie, die diesmal zugleich als Museum konzipiert war, ausgestattet von dem Architekten Friedrich Kiesler. Die Ehe mit Max Ernst war nur von kurzer Dauer, da er sich ausgerechnet bei einer von Peggy Guggenheim organisierten Ausstellung (Exhibition by 31 women) in die amerikanische Künstlerin Dorothea Tanning verliebte – was Peggy Guggenheim mit gefasstem Humor kommentierte: “Ich hätte einfach nur eine Ausstellung mit 30 Frauen machen sollen.”

Nach der Scheidung von Max Ernst entschied sie, nach Europa zurückzukehren, und sich in Venedig niederzulassen, wo sie 1948 eingeladen wurde, ihre Kunstsammlung auf der Biennale auszustellen. Sie erwarb einen einstöckigen, nicht fertig gestellten Palazzo direkt am Canale Grande, das heutige Peggy Guggenheim Museum, in dem sie selbst bis zu ihren Tode 1979 wohnen sollte und wo sie zusammen mit ihren beiden Hunden beerdigt wurde. Schon als sie diesen ungewöhnlichen Palazzo bezog, nutze sie ihn zur Ausstellung ihrer beeindruckenden Sammlung. Wichtig war ihr dabei stets, keiner institutionellen Idee zu folgen, sondern ‘persönlich’ zu bleiben – in der Auswahl der Kunst, aber auch in ihrer Herangehensweise. Sie hielt sich an keine Regeln, lebte ein turbulentes, vollkommen unkonventionelles Leben und blieb sich darin bis zuletzt treu.

Auch hat sie es verstanden, sich mit Menschen zu umgeben, die ihren Horizont in alle erdenklichen Richtungen erweitert haben. So wählte sie keinen geringeren als Marcel Duchamp zu ihrem Mentor und engsten Berater. Ihre Bereitschaft und ihr unbedingter Wille, sich weiterzuentwickeln, dazu zu lernen, sich beraten zu lassen, sich einzulassen sind nicht nur bemerkenswert, sondern auch bewundernswert und bilden einen Teil ihres Erfolgs. Ihr Freigeist, ihre unkonventionelle Art zu denken und danach selbstbestimmt zu handeln, ihre eigenen Regeln aufzustellen und diese immer wieder selbst zu durchbrechen und sich bei alldem immer auch persönlich mit in die Waagschale zu werfen, macht sie nicht nur zu einer Rebellin ihrer Zeit, sondern auch zu einer Frau, die und wie wir sie lieben.

Birte Carolin Sebastian hat an der Sorbonne in Paris Komparatistik und Philosophie studiert und in München über die Rezeption Goethes promoviert. Heute lebt sie in Berlin und London, wo sie als freie Autorin und Schauspielerin arbeitet. Sie publiziert bei Zeit, FAZ, Vogue, ICON Magazine. Als Schauspielerin hat sie gerade in der auf Arte ausgestrahlten Produktion Capitan Alatriste, die auf spanisch gedreht wurde, als einzige deutsche Schauspielerin mitgewirkt sowie im Kinofilm Lou Andreas Salomé.