Stella McCartney

Women We Love: Mia Hansen-Løve

©Collage / Oriane Baud

Mia Hansen Love, die den silbernen Bären bei der Berlinale 2016 gewann, spricht über ihren Film „L’Avenir“

Mia Hansen-Løve schreibt auf den Färöer Inseln an ihrem neuen Drehbuch. Wovon das handeln wird, verrät das französische Multitalent noch nicht. In den letzten zwei Wochen hat sie dort oben im hohen Norden mehr geschafft als in einem ganzen Jahr in Paris – wo sie sich zwischen den Aufgaben als Mutter einer sechseinhalb Jahre alten Tochter und zahlreichen Verpflichtungen die Zeit fast stehlen muss.

Wir sprechen in erster Linie über ihren Film Alles was kommt (im Original: L’Avenir), aber auch über die Zukunft, wie relativ Erfolg ist und was van Gogh über Melancholie denkt. Bei der Berlinale 2016 hat Mia mit ihrem neuesten Film den silbernen Bären gewonnen. Zuvor hatte sie mit Der Vater meiner Kinder (in dem es um einen Filmproduzenten geht, der sich das Leben nimmt und Eden (ein Portrait der Musikband Daft Punk in den 1990ern dokumentiert) zwei einschlägige Projekte umgesetzt und für den relativ kurzen Zeitraum ihrer Karriere schon beeindruckend viele Auszeichnungen bekommen. Ein Blick auf ihren CV verrät: Jahrgang 1981. Chapeau!

Isabelle Huppert spielt in Alles was kommt die Philosophie-Professorin Nathalie, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, die von ihrem Mann für eine jüngere Frau verlassen wird. Dein Film (dt. Titel: Alles was kommt) heißt auf französisch L’avenir, was übersetzt ‘Die Zukunft’ heißt. Man weiß aber gerade nicht, wie die Zukunft von Nathalie aussehen wird. Du gibst keine Lösungen mit auf den Weg, die muss jeder für sich selbst finden.

Der Titel ist ein bisschen irreführend. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass dieses Wort ‘Zukunft’ immer wieder auftaucht, und dass gerade darin etwas Ironisches liegt, denn für Nathalie ist es schwierig, irgendetwas an der Zukunft festzumachen, oder sich daran zu klammern, in einem Moment, in dem sie auf einer Art Bewährungsprobe steht. Sie ist mit so vielen Unsicherheiten konfrontiert, dass es schwierig ist zu sagen, wie die Zukunft aussieht, geschweige denn an sie zu glauben. Der Film stellt eher genau diese Frage, die Frage nach der oder einer möglichen Zukunft.

Es geht mehr darum, eine oder seine eigene Zukunft selbst zu erschaffen…

Genau – oder sie neu zu erfinden. Und im selben Moment auch die Unsicherheit zu akzeptieren. Denn es handelt sich um eine fundamentale Unsicherheit. Eben nicht zu denken, dass irgendetwas diese Situation vollständig (auf)lösen wird, es gibt keine vorgefertigte Lösung.

Für mich besteht das Wesen des Films darin, dass Nathalie sich nicht wieder auf einen Mann einlässt. Der Film sagt nicht, dass es unmöglich sei, dass es nicht mehr passieren wird, aber er hört genau in dem Moment auf, bevor etwas Vergleichbares passiert. Er endet genau in dieser Unsicherheit.

Kann es auch sein, dass für Frauen in einem gewissen Alter um die Mitte fünfzig Bücher vielleicht nicht direkt Männer ersetzen können, aber dass an Stelle der emotionalen Sinnlichkeit irgendwann einfach die Bücher treten und dass das sogar ein Glück darstellen kann?

Bücher bedeuten keine Abwesenheit von Sexualität oder Sinnlichkeit. Man kann beides haben. Und man kann Bücher lieben und keinen Mann haben, aber trotzdem eine Beziehung zur Welt aufbauen.

Man kann also bis zu einem gewissen Grad auch ganz gut ohne Mann leben, ohne dass das eine absolute Tragödie darstellen muss. Wobei es auf der anderen Seite auch einen Teil gibt in dieser Nathalie, den sie verleugnet. Sie will ihren Verlust minimalisieren.

Jetzt könnte man sagen: Aber sie ist doch Professorin für Philosophie, in ihrem eigenen Leben scheint es ihr nichts zu nützen?

Philosophie, Liebe und Weisheit bedeuten nicht unbedingt, dass man glücklich ist, und sie sind auch nicht dazu da, alle Löcher zu stopfen. Sie helfen lediglich, unsere Begrenztheit und unsere Fehler zu akzeptieren, auch unsere Zerbrechlichkeit und damit zu leben.

Die Frage ist vielmehr: Wie mache ich aus meiner Situation etwas Gutes? Man kann das auch ‘tätige’ oder ‘aktive Melancholie’ nennen, einen Ausdruck, den ich sehr mag und den ich in den Briefen van Goghs gefunden habe.

Im Briefwechsel zwischen van Gogh und seinem Bruder Theo…

Er erklärt darin sehr oft, dass er sich melancholisch fühlt, sich davon aber nicht schwächen oder entkräften lassen will, sondern dass er dagegen an-arbeiten möchte – dass man eben noch mehr arbeiten muss. Van Gogh spricht viel über Melancholie, was mir sehr entspricht, und auch meinen Rollen. Das ist es, was mich mit ihnen verbindet und was sie untereinander verbindet.

Van Gogh hatte zu Lebzeiten keinen Erfolg. Du hattest von Anfang an Erfolg. Würdest Du auch weiterdrehen und Filme machen, wenn Du keinen Erfolg damit hättest, einfach nur aus Leidenschaft?

Ich habe gar nicht so einen riesigen Erfolg. Es ist immer sehr schön, das zu hören, aber seien wir ehrlich: Dieser Film lief zwar sehr gut, und ich glaube, ich habe ein unheimliches Glück, Filme machen zu dürfen. Es sind aber alles keine Filme, die viel Geld machen.

Ich bin nicht sehr publikumswirksam, damit tue ich mich eher schwer. Das relativiert die Dinge wieder. Wenn man Filme macht, wenn man versucht, seine Filme zu finanzieren, wird man daran immer wieder erinnert. Ich käme also nie auf die Idee, über mich selbst zu sagen, geschweige denn zu denken: Was habe ich doch für einen Erfolg! Gleichzeitig denke ich, dass das worauf es ankommt, doch die Hartnäckigkeit ist in der künstlerischen Suche.

Worauf kommt es Deiner Meinung nach noch an?

Auf Strenge, auf Geduld. Es braucht eine Fähigkeit, in sich zu gehen und den Mut, innere Türen, die geschlossen sind, zu öffnen. Das ist Arbeit. Es braucht eine Freiheit im Schreiben und im Umsetzen der eigenen Ideen. Diese beiden gehen Hand in Hand.

Es braucht eine enorme Stärke für Erfolg – in beide Richtungen: wenn man ihn hat, sich nicht darauf auszuruhen und in Selbstzufriedenheit zu baden, es kommt darauf an, stets auf die Arbeit konzentriert zu bleiben – wenn man wenig Erfolg hat, kommt es darauf an, die Niederlagen in etwas Produktives umzuwandeln. Ich habe genügend Filmemacher erlebt, die sich von schlechten Kritiken oder Misserfolgen entmutigen lassen. Das finde ich fatal.

Du bist Autodidaktin…

Ganz und gar. Mit 17 Jahren bin ich Olivier Assayas begegnet, wir sind durch den Film, in dem ich mitgespielt habe, Freunde, später ein Paar geworden. Er hat mir alles beigebracht. Von Anfang an hatten wir unzählige Gespräche, ich konnte und durfte ihn immer alles fragen, ihn um Rat bitten. Da ich nie eine Filmschule besucht habe, fehlten mir natürlich viele Basics. Er war meine Schule. Und dann habe ich auch viel selbst durchs Machen gelernt.

Wenn Du wählen müsstest: Würdest Du Dich für Filme oder Bücher entscheiden?

Ich würde mich für beides entscheiden und noch gleich die Kunst, die Malerei, miteinbeziehen, auch die Musik; alles, was einen berührt. Vieles davon ist unsichtbar und wird es immer bleiben.

Birte Carolin Sebastian hat an der Sorbonne in Paris Komparatistik und Philosophie studiert und in München über die Rezeption Goethes promoviert. Heute lebt sie in Berlin und London, wo sie als freie Autorin und Schauspielerin arbeitet. Sie publiziert bei Zeit, FAZ, Vogue, ICON Magazine. Als Schauspielerin hat sie gerade in der auf Arte ausgestrahlten Produktion Capitan Alatriste, die auf spanisch gedreht wurde, als einzige deutsche Schauspielerin mitgewirkt sowie im Kinofilm Lou Andreas Salomé.