Women We Love: Julia Grosse & Yvette Mutumba

©Collage / Julia Zierer

Afrika ist ein Erdteil, um den sich zahlreiche Mythen und Vorurteile ranken. Und ganz entgegen der medialen Berichterstattung umfasst der Kontinent sehr viel mehr als Safaris in atemberaubender Landschaft. Oder Bürgerkriege und Hungerkatastrophen. Geht es um Afrika, scheint der Sinn für Vielschichtigkeit und kulturelle Feinheiten leider allzu oft nachzulassen. In der Kunstszene ist dies nicht anders. Denn Arbeiten aus dem afrikanischen Kontext werden noch immer stiefmütterlich behandelt; in der Kunstgeschichte dominieren die europäischen Klassiker das Feld und auch die Gegenwartskunst ist bis auf einige Ausnahmen stark auf den Westen konzentriert. Wieso eigentlich?

Genau diese Frage müssen sich Julia Grosse und Yvette Mutumba gestellt haben, als sie 2013 ihre Website “Contemporary And ins Leben riefen. Auf C& geht es um Gegenwartskunst aus afrikanischer Perspektive sowie um Kunst der Black Diaspora, das heißt, von Künstlern mit afrikanischem Hintergrund aus aus der Karibik, aus Südamerika, Europa und den USA. Gemeinsam ist ihnen die Reflexion der kolonialen Vergangenheit und gegenwärtiger sozialer Ungleichheiten in ihrem Schaffen.

Trotzdem sind ihre Werke mehr als nur politisches Sprachrohr, denn sie präsentieren in erster Linie selbstbestimmte Individuen mit persönlichen Geschichten. C& stellt aktuelle Informationen zu Biennalen und Ausstellungen zur Verfügung sowie Interviews und Features, in denen es Künstlern, Kuratoren, Kritikern und Kulturschaffenden der Diaspora eine Plattform bietet. C& publiziert auf englisch, deutsch und französisch. Und dabei wird nicht bloß informiert, sondern auch untereinander vernetzt.

Die Gründerinnen Julia Grosse und Yvette Mutumba teilen kunsthistorisches Know-how und ein breit gefächertes Interesse an internationaler Gegenwartskunst. Julia hat in Bochum Kunstgeschichte sowie Literatur- und Filmwissenschaften studiert und arbeitet heute als Journalistin, u.a. für Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Süddeutsche Zeitung, Zeit Online. Yvette, die in Berlin Kunstgeschichte studiert und ihren Doktortitel an der Londoner Birkbeck University erlangt hat, ist seit März 2012 Kuratorin und Forschungskustodin am Frankfurter Weltkulturen Museum.

Der Fokus liegt für die beiden auf “Contemporary” statt auf “African”, denn nicht Kategorien wie Nation oder Hautfarbe stehen im Vordergrund, sondern (so banal es auch klingt, so notwendig ist leider der Hinweis): die zeitgenössische Kunstproduktion. Die Künstler stammen dabei eben aus Johannesburg, Kairo, Addis Abeba oder Lagos, also aus dem afrikanischen Raum, ihr Werk zeichnet sich durch Komplexität und Individualität aus und lässt sich nicht verallgemeinern – wie das ihrer Kollegen aus europäischen Metropolen wie Paris, London oder Berlin. Gerade aufgrund ihrer Komplexität lassen sich die Werke nicht bloß als “afrikanische Kunst” abstempeln. Hinzu kommt, dass sich die fragwürdige Einteilung in Nationalitäten in einer Welt, in der die Ländergrenzen zumindest für Privilegierte zu verschwinden scheinen und in der alle von Globalisierung sprechen, kaum aufrecht erhalten lässt. Das Institut für Auslandsbeziehungen gibt dieses Projekt aus diesen Gründen heraus und auch deshalb unterstützt es das Auswärtige Amt.

Und diese Genauigkeit und Liebe zur Kunst zahlt sich aus. Seit der Gründung hagelt es Lob aus internationalen Kunstkreisen, der stetige Erfolg wurde mit einer Teilnahme an der prestigereichen The Armory Show belohnt – sie gilt als eine der führenden Messen für zeitgenössische Kunst. Dieses Jahr richtet sich die Sektion “Focus” auf Kunst mit afrikanischen Perspektiven und die Messeleitung hat Julia Grosse und Yvette Mutumba als Kuratorinnen ans Haus berufen. Die teilnehmenden Galerien trumpfen auf mit spannenden Einzelpositionen, darunter: Namsa Leuba, ruby onyinyechi amanze, Francisco Vidal und unser Highlight, die multimediale Performance Künstlerin Kapwani Kiwanga.

 

 

Weitere Bilder von Julia Grosse und Yvette Mutumba gibt es auch auf ihrem Instagram Account.

Jessica-AImufua-Contributor-Profil

Nach einem Auslandsaufenthalt in Paris ließ sich Jessica Aimufua 2012 in Berlin nieder, um dort ihr Studium der Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft aufzunehmen. Als präzise Beobachterin und nachdenkliche Seele entwickelte sie von klein auf das Bedürfnis sich kreativ auszudrücken. Heute schreibt sie zweisprachig über Kulturphänomene und Gegenwartsästhetik mit Fokus auf die Bereiche Film, Mode und Kunst. Bei hey woman! ist Jessica für Textarbeit, Editing und Übersetzungen verantwortlich.