Women We Love: Ida Tin

©Collage / Oriane Baud

Ida Tin hat weltweit Motorradtouren betreut, bevor sie mit ihrer App für den Zykluskalender durchstartete – die Frau hinter Clue

Stirnrunzelnd schaute mich mein Frauenarzt an, als ich ihm vor etwa zwei Jahren verkündete, ab jetzt nur noch auf dem natürlichen Wege zu verhüten. Die Pharma- und Ärztelobby hat hier aus Eigeninteresse natürlich ihre Zweifel, meine Freunde und Bekannte hingegen überhaupt nicht. Im Gegenteil: Ich fand mich mit der Zeit in einer Gruppe von vielen, die mit einem guten Gespür für den eigenen Körper und kleinen Helfern ohne künstliche Hormone oder sonstige permanente Eingriffe zurechtkommen.

Ein großer „Game Changer“ war für mich die App Clue, die mit den Daten, die ich stetig eingegeben hatte, von Monat zu Monat expliziter wurde. Es ist uns als eine große Freude, hier und heute die Gründerin Ida Tin zu sprechen, in der Hoffnung, die ein oder andere zum Nachdenken anzuregen und diesem komplett neuen freien Lebensgefühl eine Chance zu geben.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, eine App für den Zykluskalender zu entwickeln?

Als Twen habe ich mit der Antibabypille verhütet, jedoch mit einigen Nebenwirkungen darauf reagiert. Ich war überrascht, als mein Arzt mir daraufhin lediglich eine andere Antibabypille verschrieben hat. Ich dachte, da muss es doch mehr Optionen geben. Aber als ich dazu recherchierte, fiel mir auf, dass sich in dem Bereich der kontrollierten Familienplanung seit der Entwicklung der Pille nicht wirklich etwas getan hatte. Während sich die Technologie in den letzten Jahren stark weiterentwickelt hat, hat niemand sich daran gewagt, wie man Fruchtbarkeit besser verstehen und auf einer userfreundlichen und datenbasierten Grundlage handhaben kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass Technik in Verbindung mit einem Smartphone unsere zukünftige Form der Familienplanung darstellt.

Was war das Schwierigste am Entwicklungsprozess?

Die weibliche Gesundheit wurde seit jeher unterbedient, deshalb sind die Möglichkeiten endlos. Einen Fokus zu entwickeln und Prioritäten zu setzen war in diesem Bereich jeden Tag eine Herausforderung.

Clue kombiniert zwei derzeit wichtige Themen: die Periode der Frau und Datensätze. Was war für Dich wichtiger, als Du angefangen hast? Hat sich das im Laufe der Zeit verschoben?

Ich war motiviert, Clue zu starten und die Geschichte der weiblichen Gesundheit entscheidend zu beeinflussen – dabei ist die Periode und der Zyklus, natürlich, zentral. Wie auch immer, das Gesundheitswesen bewegt sich dahin, die Patienten zu ermutigen, Kontrolle über die eigene Gesundheit zu gewinnen und folglich diese auch im Auge zu behalten – und an dem Punkt kommen die Datensätze ins Spiel. Daten sind ultimativ das, was das weibliche Gesundheitswesen und die Forschung vorantreiben wird. Das ist ein Thema, mit dem ich mich gründlich auseinandergesetzt habe, die Verbindung zwischen Daten und weiblicher Gesundheit.

War es schwer, die richtigen Leute für dieses Projekt zu gewinnen? Schließlich musstest Du Tech-Expertise und medizinisches Wissen miteinander in Einklang bringen. Wie bist Du das angegangen?

Die richtigen Talente zu finden, stellt sich immer als schwierige Aufgabe, aber unsere Herangehensweise war, die unterschiedlichsten Leute aus aller Welt anzustellen. Wir haben 39 Mitarbeiter aus 19 verschiedenen Ländern. Aber natürlich suchen wir bei unserem rapiden Wachstum auch immer nach neuen und großartigen Leuten, um sie einzustellen.    

Warum hast Du Berlin als Sitz gewählt und nicht San Francisco, New York oder London?

Unsere Base ist in Berlin, weil es hier eine vitale Tech-Szene gibt: Es ist ziemlich aufregend, ein Teil davon zu sein. Eine Analogie, die ich bezüglich der Tech-Szene gerne ziehe, ist, das Silicon Valley mit einem Wald mit altem Baumstand zu vergleichen – und Berlin mit einem Wald mit jungem Baumbestand.

Wie wichtig ist Dir Internationalisierung? Was sind die Schlüsselmärkte für Dich und welchen möchtest Du als nächstes erobern? Wie viele User kannst Du weltweit verzeichnen?

Lokalisierung ist uns extrem wichtig, weil Clue Frauen dabei helfen kann, die Kontrolle über die reproduktiven Phasen ihres Lebens zu übernehmen. Wir haben mehr als 5 Millionen aktive User in über 190 Ländern. Clue ist insbesondere in den USA, Deutschland, Lateinamerika und Frankreich beliebt. Die App ist in elf Sprachen erhältlich und wir planen noch weitere Sprachen in der Zukunft. Zur Zeit konzentrieren wir uns auf diese Märkte.

Ihr sammelt weibliche Daten und seid auch mit Apple Health connectet. Kannst Du Dir vorstellen, Dein Angebot auch auf bestimmte Anliegen oder Bedürfnisse von Männern/Kindern/älteren Leuten zu erweitern oder wird Deine Zielgruppe immer Frauen im reproduktionsfähigen Alter sein?  

Ja, definitiv. Wir arbeiten derzeit an einem Feature, welches es den Leuten ermöglichen wird, Clue mit ihren Partnern, Eltern, Kindern und/oder Freunden zu connecten. Auch wenn nur 50% der Weltbevölkerung über einen Zyklus verfügt, ist dieser für jeden einzelnen Menschen wichtig.

Clue revolutioniert die Art, wie gut Frauen ihren Körper kennen und betrachten können. Wie wichtig war Dir dieser Faktor beim Entwickeln von Clue?

Ich glaube, der Informationsaspekt von Clue ist sehr wichtig, weil wir, wenn wir etwas über unseren Körper erfahren und lernen, ihn besser zu verstehen, wir für uns selbst gute Entscheidungen treffen können.

Würdest Du sagen, dass Du an diesem Punkt ein paar wichtige Hauptziele erreicht hast? Und wenn ja, welche schätzt Du für Dich am bedeutendsten ein?

User zu haben, die uns sagen, dass das, was wir aufgebaut haben, für sie von solchem Wert ist, ist für uns das Allerwichtigste. Viele Millionen zu haben, die das machen, sagt uns, dass wir eine wirkliches Bedürfnis bedient und eine Notwendigkeit entwickelt, und dass wir noch immer eine Menge zu tun haben. Als Editors’ Choice im Google Play Store ausgezeichnet worden zu sein, war eine große Errungenschaft für unsere Designer und Entwickler – nun, eigentlich das ganze Team – und dass wir unseren Job großartig machen.

Ida Tin sprach auf der diesjährigen TOA Konferenz in Berlin, sobald ihr Vortrag in der Mediathek verfügbar ist, wird er hier ergänzt.

Übersetzung: Nella Beljan

Julia hat 2007 einen der ersten Modeblogs in Deutschland mitgegründet und als Consultant für Digitale Strategien gearbeitet, nachdem 2010 ihr erstes Buch erschienen ist. Nach vier ereignisreichen Jahren bei Condé Nast, in denen sie hauptsächlich für den digitalen Bereich der deutschen Vogue verantwortlich war, entschloss sie sich, ihr eigenes Online Magazin zu gründen, gemeinsam mit der Partnerin ihrer Träume – mit Veronika Heilbrunner. Julia lebt und arbeitet in Berlin und liest gerne Bücher.