Tailor made: Hinter den Kulissen bei KPM

Die Königliche Porzellan Manufaktur ist der erste von vier Stopps unserer neuen Serie „Reveal the iconic you“, die in Zusammenarbeit mit smart entstanden ist

Für jemanden, dessen “Lieblingsaufklärer” aus der Kindheit Christoph von der Sendung mit der Maus war, der in der Schule mit dem Slogan “Vroni Frage, Anna Plage” getriezt wurde und auch heute nicht vom genervten Augenrollen überrascht ist, wenn die investigative Fragestunde in privater Runde gerade erst startet. Für so jemanden ist es glasklar, dass mit dieser Serie ein Lebenstraum in Erfüllung geht. Und ja, genau richtig erkannt, ich spreche hier von mir selbst.

Das übergeordnete Thema dieser Interviewreihe beschäftigt sich damit, was „tailor made“ heute eigentlich bedeutet. Und wie unterschiedlich diese Frage aufgenommen (und noch wichtiger: beantwortet) wird, durfte ich dank unseres Kooperationspartners smart exklusiv für hey woman! herausfinden. Parallel zu den vier wichtigsten Features des smart BRABUS tailor made Individualisierungsprogramms werde ich in der ersten Episode die Expertise in der Kategorie “Verarbeitung” hinterfragen. “Farbe”, “Form” und “Material” werden in den nächsten Wochen folgen.

Begonnen hat diese spannende Kooperation mit einem Besuch in Bottrop, quasi der Geburtsort der Luxuskarossen. Denn dort befindet sich das Headquarter des Autoveredlers BRABUS mit dessen Hilfe ich meinen eigenen smart zusammenstellen durfte. Und meine Ideenliste für mein persönliches Mobil der Extraklasse war dank dieser vierteiligen Inspirationsreise ellenlang.

So besuchte ich diverse Unternehmen mit meinem Team, bestehend aus Produktionschefin Julia Knolle, der sagenhaften Julia Zierer, die mit ihrer Kamera bewaffnet für den gesamten Augenschmaus und Edit zuständig ist, und unserer dritten im Bunde: Catarina Marques Teles, die mit dem Mikro in der Hand die gesamte Organisation im Griff hat.

Beim Thema Verarbeitung ging es in erster Linie um besondere Extras wie Ziernähte, Stitchings und Griffverkleidungen. Und daher war meine erste Station naheliegenderweise die im Jahr 1763 von Friedrich dem Großen gegründete KPM (kurz für: Königliche Porzellan Manufaktur) in Berlin. Besonders spannend daran ist, dass dieses Traditionsunternehmen mit Hauptsitz im Herzen von Berlin (unweit der Straße des 17. Juni) auch heute noch alle Porzellane, Service und figürliche Porzellane fast ausschließlich in Handarbeit fertigt und die Dekore in Freihandmalerei herstellt.

Moodboard KPM

Vor ein paar Wochen hatte ich die große Freude, den Unternehmer und Bankier Jörg Woltmann samt Ehefrau bei einem Abendessen mit meiner ehemaligen Chefredakteurin Margit J. Mayer von der deutschen Harper’s Bazaar kennenzulernen. Hier muss ich ein bisschen ausholen. Zuvor hatte MJM in den Store von Gucci geladen, um mit Freunden Alessandro Micheles neue Gucci-Vision aus der Nähe (und bei Tee und Scones) zu begutachten. So war eines unserer Gesprächsthemen ebenjener von allen Seiten bewunderter Tausendsassa Michele, welcher zuvor (noch unter Frida Giannini, der vormaligen Kreativdirektorin von Gucci) der Creative Director der italienischen Porzellanmanufaktur Richard Ginori war. Eine Information, die mich als großer Fan dieses traditionellen Handwerks absolut begeistert hat.

Und nun erzählte mir endlich Jörg Woltmann von seinem sehr erfolgreich umgesetzten Vorhaben, aus der vormals staatlich betriebenen KPM ein wirtschaftlich funktionierendes Unternehmen zu formen, das sich selbst refinanzieren kann. Denn vor zehn Jahren erwarb der Bankier mit KPM eine der letzten Luxusmarken, die weltweit verfügbar sind, zudem ein Kulturgut darstellt und nun dank dieser Umstrukturierungen von Jörg Woltmann auch für die nächsten 200 Jahre bestehen bleiben wird. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wie begeistert ich auch von dieser uneigennützigen Leidenschaft bin. Denn hier geht es weder um Profit noch um Marktübernahme, sondern um den Erhalt von Traditionen, schönen Künsten und, natürlich, Geschichte.

Jörg Woltmanns Einladung zu einer persönlichen Führung durch die Porzellanmanufaktur nahm ich überglücklich an und mein ehrfürchtiges Kopfschütteln im Video lässt, glaube ich, meine glückliche Aufgeregtheit gut durchscheinen.

Veronika Heilbrunner: Die Manufaktur gibt es seit 250 Jahren. Was waren die signifikantesten Veränderungen in dieser langen Zeit?

Jörg Woltmann: Die Manufaktur steht seit jeher für Veränderung. Denn wir stehen für Designkompetenz, insofern haben wir immer vorgegeben und waren Vorreiter und haben insofern Innovation vorangetrieben. Während die anderen uns nachgemacht haben, haben wir stets die Akzente gesetzt dafür, was „in“ ist.Zunächst war natürlich der Rokoko am wichtigsten. Der große Wandel setzte Anfang des 20. Jahrhunderts ein, etwa 1920, als Neue Sachlichkeit und das Bauhaus sehr präsent waren und die Gesellschaft sich entschleunigte. Das stellte auch in der Manufaktur eine ziemliche Zäsur dar.

Ich habe gelesen, dass mit dem Bauhaus auch die ersten Frauen für Sie entworfen haben?

JW: Genau, das ist richtig, Trude Petri zum Beispiel hat für uns entworfen. Urbino, ein 1931 von Petri konzipiertes Service, ist eines meiner Lieblinge aus unserem Sortiment.

Und nun ein paar harte Fakten

Was waren die “Goldenen Zeiten” der Manufaktur und was heißt das in Mitarbeiter- und Produktionszahlen?

JW: Früher waren die Manufakturen natürlich wesentlich größer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sehr viel produziert, denn alles war zerbombt, vieles zerstört. Es kam das Wirtschaftswunder. Die Haushalte mussten sich wieder eindecken und das große Service für zwölf Personen war da gefragt. Das ist natürlich heute nicht mehr so.

Damals haben wir auch Porzellan für die Industrie gefertigt. Der Berliner Funkturm steht auf KPM Porzellan (für die Standfüße des Funkturm wurden etwa Porzellan-Isolatoren von KPM benutzt, Anm. d. Red.). Das war eine wichtige Arbeit. Als das Unternehmen noch dem Senator von Berlin gehörte, fiel der Entschluss, das technische Porzellan zu verkaufen, das stellen wir auch nicht mehr her. Heute fokussieren wir uns auf die Herstellung von Kunstporzellan: also das, was Sie hier sehen, handbemaltes, hochwertigstes Porzellan.

Das heißt, vor dem Krieg haben hier wie viele Mitarbeiter genau gearbeitet?

JW: Also, das kann ich gar nicht mehr sagen, aber ich schätze, es waren etwa 600 bis 800 Mitarbeiter. Heute sind ungefähr 160-180 Mitarbeiter bei der KPM beschäftigt.

Und nun ein paar Fragen, die mir persönlich quasi unter den Fingernägeln „brannten“

Friedrich der Große, der die KPM kaufte, hat viel für sich produzieren lassen und auch für Staatsgeschenke mit diplomatischem Zweck verwendet. Später wurde Haben Sie auch heute noch solche Aufträge?

JW: Ja, es war damals üblich, große Staatsgeschenke zu überreichen und wenn man von Preußens Glanz und Gloria spricht, dann hat die KPM großen Anteil daran. Wie gesagt, das waren Staatsgeschenke und die Beschenkten waren der Auffassung, wenn ein Staat Preußen so eine Manufaktur hat, dann muss es ein starker Staat sein. So war es damals.

Heute ist es leider ein bisschen anders. Diese preußische Kultur ist leider verloren gegangen. Es wird darauf geachtet, dass die Staatsgeschenke nicht zu üppig ausfallen. Für besondere Staatsbesuche fertigen wir jedoch auch besondere Geschenke an, wie etwa für den Papst oder wenn Barack Obama Berlin besucht. Das fertigen wir dann hier in unserer Manufaktur.

Super – und dann kommt eine Anfrage von…

JW: Vom Bundespräsidentenamt oder von der Bundeskanzlerin. Die  Bundeskanzlerin war auch vor einem Jahr mit dem chinesischen Ministerpräsidenten hier und dann fertigen wir natürlich besondere Teile in der Manufaktur an.

Was wird bei solchen Staatsbesuchen verschenkt?

JW: Entweder das Brandenburger Tor oder zum Beispiel eine Bürotasse mit den Initialen des Gastes, so etwas wird gerne verschenkt. Alles wie gesagt in einem bestimmten Rahmen und nicht so üppig wie früher, das 24-teilige Service wird also nicht mehr überreicht.

Ich komme aus der Mode und was mich immer fasziniert, ist die Couture, bei der es um Maßanfertigungen geht. Gibt es so etwas auch bei Ihnen? Kunden, die sagen: ‘Ich möchte etwas ganz Besonderes, das nur ich dann besitze’?

JW: Ja, selbstverständlich. Wir sind eine Manufaktur, die auf Bestellung arbeitet und wir haben tolle Anfragen. Zum Beispiel haben wir für Paul Allen, den Geschäftspartner von Bill Gates, eine Yacht ausgestattet mit einem speziellen Service, das nur er besitzt und nur er oder seine Söhne dürfen es nachbestellen. Wir haben natürlich diverse Kunden, die speziell etwas anfertigen lassen: für Botschaften, Privatkunden, die etwas Besonderes haben wollen, das Familienwappen oder spezielle Formen. Das machen wir, dafür sind wir Manufaktur und dafür stehen wir.

 

Und jetzt kommt mein absoluter Lieblingsteil des Gesprächs

Was bedeutet denn für Sie persönlich ‘maßgeschneidert’?

JW: Das bedeutet, sich Dinge machen zu lassen, die entweder limitiert oder ganz besonders hergestellt wurden, eben nicht “von der Stange” sind. Ich habe Luxus immer schon immer geliebt. Mit 28 Jahren habe ich mein erstes Unternehmen verkauft und da habe ich an einem Tag ein bisschen Geld auf dem Konto gehabt und mir drei Dinge gekauft: ein schönes Auto, eine schöne Uhr und mein KPM Porzellan.

Heute besitze ich eine Autosammlung, eine Uhrensammlung und das KPM Porzellan ist immer noch das Erste. Das ist das Problem der KPM. Wer ein Service davon besitzt, kann kein besseres haben. Das ist gut für den Verbraucher, nicht so gut für die Manufaktur. Für mich ist es wichtig, etwas ganz Besonderes zu haben und vor allen Dingen etwas, woran Menschen gearbeitet haben. Das finde ich ganz besonders toll, denn ich liebe Handwerkskunst. Ich liebe Manufaktur und das war auch ein Grund, weshalb ich vor zehn Jahren die Manufaktur innerhalb von einer Woche gekauft habe. Ich finde es ganz besonders zu sehen, was Menschen machen. Entschleunigung, Handwerkskunst, das ist für mich sehr sehr wichtig, das liebe ich einfach.

Sie haben offensichtlich eine besondere Bindung zum “weißen Gold”?

JW: Ich bin mit KPM Porzellan groß geworden und wusste schon immer, dass es etwas Besonderes ist. Als ich ein kleiner Junge war, mussten wir sonntags nicht den Tisch decken oder abdecken und vor allem nicht abwaschen oder abtrocknen, weil dann “das gute Geschirr” benutzt wurde. Mir gefiel das KPM Geschirr also schon immer und ich habe mir dann mit 28 mein eigenes KPM gekauft. Ich war jedoch “reiner Nutzer”. Ich hatte das Service namens Kurland gekauft plus die Vasen, weil mir die Vasen von ihrer Form her immer schon gefielen.

Und als das Unternehmen dann 2004 privatisiert wurde, ging es schief. Ich wollte jedoch nicht zulassen, dass das Unternehmen untergeht, das war 2006 – und dann habe ich es gekauft. Es war natürlich auch der Reiz, eine der letzten Luxusmarken, die weltweit verfügbar sind, zu kaufen.

Es stellt eine Bereicherung meines Lebens dar, solch ein Unternehmen wieder nach vorne zu bringen. Ich bin von Beruf Bankier und ich bin als solcher noch tätig. Ich bin alleiniger Aktionär der Allgemeinen Beamten Bank (kurz: ABK), wo ich auch im Vorstand aktiv bin. Meine Arbeitszeit teile ich mir auf: Vormittags sitze ich in der KPM und nachmittags in der Bank.

Zum Abschluss möchte ich noch ein paar O-Töne vom Produktentwickler Thomas Wenzel mit Euch teilen. Das Spannende am Gespräch mit dem Chefdesigner der Manufaktur ist, dass es einerseits um die Wahrung und Pflege von Handwerkskunst geht, andererseits lebt ein Unternehmen wie die KPM auch davon, Trends vorherzusehen und aufzuspüren, Neues auf den Markt zu bringen, schlicht: innovativ zu sein.

Erstmal ein paar spannende Zahlen zum aufwändigsten Produkt

Welches ist das aufwändigste von den historischen Stücken? Die Produktion welches Stückes benötigt am meisten Zeit?

Thomas Wenzel: Ich denke, dass die Herstellung der Prinzessinnengruppe am aufwändigsten ist. Die besteht aus etwa 90 Einzelteilen und sie muss “zusammengarniert” werden. Es ist immer eine Überraschung, wenn diese dann aus dem Ofen kommen. Denn überall an den Nahtstellen können Risse auftreten, weshalb wir ca. zehn Prinzessinnengruppen herstellen, um am Ende eine vollkommene, also in wirklich erster Wahl, hergestellt zu haben. Sie ist natürlich relativ teuer, weil der Aufwand so groß ist.

Nun noch kurz zum aktuellen, preisgekrönten Teil der Manufaktur

Mir ist jetzt schon einige Male der KPM Kaffeefilter untergekommen. Wie kamen Sie denn auf diese Idee?

TW: Wir haben überlegt, welcher Thematik wir uns als nächstes widmen können. Und mir kam es gerade so vor, dass der Filterkaffee mitsamt der Entschleunigung wieder im Kommen ist. Und dieses “von Hand filtern”, das passt natürlich wunderbar in unsere Markenphilosophie und zu unserem Wunsch, Traditionen wiederzubeleben. Der nächste Schritt war dann zu überlegen, wie der Kaffeefilter aussehen könnte und ich wollte eben nicht, dass er formal so zurückhaltend ist wie ein normaler Kaffeefilter, sodass man ihn am Ende gar nicht so richtig wahrnimmt.

Ich habe mir überlegt, mich dem Thema über Filter und Filterpapier (es gibt ja auch Filterpapier-Sorten in Wellenform bzw. in dieser Falttechnik) zu nähern und dadurch ist dann diese Facettenform des KPM Kaffeefilters entstanden. Der Vorteil liegt darin, dass das Design aus der Funktion heraus entstanden ist. Durch die Facetten entstehen Kammern, in denen der Filter, wenn man diesen dort hineingibt und anfeuchtet, nicht anklebt. Damit entsteht also kein Stau beim Aufbrühen. Man kennt das ja: Wenn man immer wieder Wasser nachgießt und dann das Wasser stehenbleibt und nicht mehr abläuft – das passiert bei diesem Filter überhaupt nicht.

Unnötig hinzuzufügen, dass wir anschließend sofort in die Cafeteria der KPM gegangen sind, um diese spannende Überinformation auf uns wirken zu lassen!!!

 

Ein besonderes Dankeschön an die Königliche Porzellan Manufaktur für die freundliche Zusammenarbeit.

Fotos & Video: Julia Zierer
Reporterin/ produktionsmanager: Veronika Heilbrunner
Produktionsmanager: Julia Knolle
Produktionsassistenz: Catarina Marques Teles

Geboren und aufgewachsen in München begann Veronikas modische Laufbahn mit Modeljobs, bald wechselte sie auf die andere Seite der Kamera und wurde von der Modeassistentin zur Redakteurin, dann wieder ein Richtungswechsel ins Online-Luxury-Retailing, um bis vor Kurzem zurück beim Burda Verlag als Style Editor der deutschen Harpers Bazaar zu arbeiten. Im Moment lebt sie in Berlin, startete Anfang 2015 eine eigene Firma zusammen mit Julia Knolle, ihres Zeichens Ex-Editor-at-Large von Vogue Digital. Ach ja, ihre Leidenschaft sind Möpse.