Selfmade Experts: Mario Lombardo über Duftkerzen

©Collage Julia Zierer

Im Interview erzählt Geschäftsführer Mario Lombardo, wie es zu seinem Duftkerzen Label Atelier Oblique kam

Mario Lombardo ist Grafikdesigner und kreiert Gestaltungskonzepte für verschiedene Magazine, Kaufhäuser wie das KaDeWe oder Kunden wie Louis Vuitton. Mit Atelier Oblique hat er nun eine lang gehegte Idee in die Tat umgesetzt: Im Interview erzählt er mehr über seine Kollektion von Duftkerzen, die es in seinem mit viel Liebe gestalteten Geschäft in der Mulackstraße und online zu kaufen gibt.

 

Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, sind meine Familie und ich aus Argentinien geflohen und hatten 16 Jahre lang keine Möglichkeit dorthin zurückzukehren. In dieser langen Zeit habe ich mir intensive und ganz eigene Bilder geschaffen von “meinem Argentinien”. Als wir dann wirklich wieder hingeflogen sind, stimmte nichts von dem. Genau in diesem Moment fiel mir auf, dass das, was man sieht, nicht immer mit der Realität übereinstimmt – die subjektive Wahrnehmung unterscheidet sich eben ganz oft davon. Trotzdem habe ich mich in Argentinien sofort zu Hause gefühlt, was, wie ich nach längerem Nachdenken feststellte, vor allem an den Gerüchen lag. Man kann es nicht richtig erklären, aber die Gerüche sind immer da und bringen Erinnerungen und Gefühle mit sich. Diese Erkenntnis hat mich jahrelang nicht mehr losgelassen.

Viel zu gerne hätte ich diesen Gedanken auch im Corporate Design untergebracht, das machen ja mittlerweile viele Einkaufshäuser, dass sie Düfte benutzen, um eine bestimmte Stimmung zu kreieren. Oder in der Kunst, aber das ist oft sehr kostenintensiv. Nach verschiedenen Erlebnissen und viel zuviel Arbeit bin ich zu der Auffassung gelangt, dass es um den Moment geht. Mich hat der Prozess interessiert, “herunterzukommen” und damit verfestigte sich die Idee, mich auf dieses Projekt mit Duftkerzen zu konzentrieren.

Um loszulegen, habe ich nach Leuten gesucht, die sich mit Düften auskennen. Bei Robertet (einem Traditionshaus, das seit 1850 existiert) bin ich fündig geworden. Allerdings musste ich mich da in der Tat richtig bewerben und hatte Angst, dass die mich gar nicht nehmen. Eigentlich war der Umfang meines Projektes viel zu klein, als dass es für ein derart renommiertes Haus von Interesse hätte sein können. Aber es gefiel ihnen!

Für die einzelnen Düfte habe ich in Worte gefasst, was mir zu den verschiedenen Momenten oder Personen einfiel. Am Anfang wollte ich nur einen Duft kreieren, konnte mich aber nicht entscheiden. Es sollte vor allem kein unnötig aufgeladener Duft werden, deswegen wurden es am Ende ein paar mehr. Geboren war die Alphabet Collection. Zum Beispiel steht “N” für meine Mutter Nilda, die Rosen geliebt hat und immer ein Parfum trug, das nach Rosen roch. Die verschiedenen Nuancen der Blume sind nun in der Kopf-, Herz- und Basisnote verarbeitet, ergänzt um einen Pfefferminzton, der dazu eine gewisse Kühle vermittelt. Ein an sich klassischer Duft mit einer modernen Note. Jeder Buchstabe hat so seine ganz eigene Welt. Die meisten sind relativ pur, aber sie folgen dem klassischen eben erwähnten Drei-Stufen-Prinzip. Sie entfalten so während sie brennen nach und nach noch mal ganz neue Aromen.

Normalerweise liegt die Konzentration der Duftstoffe bei 6%, wir wollten eine intensive Wirkung und kommen auf 8%. Ich habe mich extra für Kerzen und nicht für Parfum entschieden, weil es mir um den Raum ging. Die Aura eines Raumes umhüllt einen förmlich und beeinflusst den, der in ihm steht. Das war genau das, was ich auch beeinflussen wollte und das ist mir mit den Duftkerzen wunderbar gelungen. Mein persönlicher Lieblingsduft ist zum Beispiel der Geruch nach frisch gewaschener Wäsche (Die Kerze“W”). Oder wenn Meeresluft durch ein geöffnetes Fenster strömt und sich mit der Raumluft einer Pension oder dem Kaffeegeruch aus der Küche vermischt (umgesetzt in der “A”-Kerze, allerdings ist an die Stelle von Kaffee eine Mischung aus grünem Tee und Moschus getreten). Und den Geruch von Schubladen, den ich zum Beispiel aus alten Schränken in Italien kenne: holzig, moosig, staubig (wie in der Kerze “M”).

Frisch gemähtes Gras, Kirschbaumblüte, das sind Gerüche, die mich sofort irgendwohin transportieren, in meine Kindheit, in Urlaube mit meinen Eltern. Die persönliche Note war mir auch bei der Gestaltung sehr wichtig: Die Schrift stammt von mir und das Design der Gläser, die alle in Deutschland gefertigt und per Hand lackiert werden, ebenso. Zusammen mit einem Handwerker habe ich den Laden – soweit das meine Fähigkeiten zuließen – selber gestaltet: Denn ich wollte alles selbst spüren und aktiv daran mitarbeiten. Die Düfte werden in Frankreich kreiert und ich habe passend dazu einen französisch-pariserischen Raum gestaltet.

© Julia Zierer

Mehr Infos gibt es unter www.atelier-oblique.com, der Laden in der Mulackstraße ist mittwochs bis freitags von 11 bis 20 Uhr und samstags von 11 bis 19 Uhr geöffnet.

Julia Alfert

2010 zog die gebürtige Hamburgerin Julia Alfert von Paris nach Berlin. Ein Kunstgeschichtsstudium und viele Jobs später führte ihr Weg sie zu Harper’s Bazaar, wo sie bis Mitte 2015 als Mode- und Beautyassistentin arbeitete. Ihre Lust am Schreiben ist eine neue Entdeckung; der Faible für Beautyprodukte aller Art nicht. Wenn Julia nicht gerade cremt, ölt und sprüht, schreibt und stylt sie für verschiedene Magazine und Websites.