Rückblick: Venedig Biennale 2016

Venedig Biennale 2016: Die Highlights der Architekturausstellung in Italien

“Wie wollen wir in Zukunft leben?” Die Frage steht im Raum der 15. Architektur Biennale, die der chilenische Architekt Alejandro Aravena kuratiert hat, der vor Kurzem auch den renommierten Pritzker-Preis erhielt und für seine Vorliebe für den Aktionismus bekannt ist. Reporting from the Front nennt er das, was vielleicht auf Anhieb eher verwirrt, aber vielleicht nach längerem Hinsehen den Kern trifft.

Die erste Anlaufstelle nach meiner Ankunft ist der deutsche Pavillon, der deutlich auf die Flüchtlingsdebatte in Deutschland eingeht: “Making Heimat” ist hier Programm, das von den Kuratoren Oliver Elser und Peter Cachola Schmal (Deutsches Architekturmuseum) erdacht und von Projektkoordinatorin Anna Scheuermann und dem Berliner Architekturbüro Something Fantastic gestalterisch umgesetzt wurde. 48 Tonnen Ziegelsteine wurden aus dem Gebäude entfernt, um mit vier großen Öffnungen ein offenes Haus zu schaffen. Auf bildlicher, aber auch reeller Ebene nicht zu übertreffen, gibt es im Innenraum keine Modelle oder Grundrisse. Spartanisch auf Postern und Texttafeln aufbereitet, geht es ausschließlich um die Thematisierung der Flüchtlingsdebatte und wie die deutschen “Arrival Cities” damit umgehen. Schon eine Stunde nach Ankunft auf der Biennale wird klar, dass es weniger um konkrete Lösungsansätze geht, als um die politische Diskussion.

Einen Tag später sitzen die Urgesteine Rem Koolhaas und Sir Norman Foster zusammen mit fünf weiteren Experten in einem komplett überfüllten Auditorium und diskutieren über Infrastruktur (oder besser gesagt die weitgehend in Nairobi und Kolumbien nicht zufriedenstellend vorhandene – und im Gegensatz dazu die brillanten Droneports Projects in Afrika von Foster).

 

Im Hauptpavillon in den Giardini verliert man sich über Stunden, im Arsenale ebenso. Kaum bleibt noch Zeit für die Pavillons der anderen Länder, Australien widmet sich seiner eigenen Sozialgeschichte, und zwar interessanterweise über die Historie der Swimming Pools, Großbritannien beschäftigt sich mit Wohnszenarien, die nach Zeitclustern (Stunde, Tag, Monate, Jahre, Dekaden) aufgebrochen werden.

Im sechsmonatigen Zeitraum, in dem die Biennale noch läuft, fährt auch der restliche Kulturbetrieb der Stadt groß auf: Im Palazzo Grassi bestaunen wir 75 Werke von Sigmar Polke. Vom Polizeischwein bis zum Schiesskebab und dem Sternhimmeltuch ist alles dabei. Die zweite Dependance der Sammlung Pinault (Punta della Dogana) zeigt die Ausstellung Accrochage mit einer Auswahl bisher nie präsentierter Ankäufe, inklusive dem selbstklimpernden Piano Quasi Objects: My Room is a Fish Bowl von Philippe Parreno. Die vor Kurzem verstorbene Architektin Zaha Hadid bekommt eine Retrospektive, in der u.a. ihre in den 1980er Jahren noch selbstgemalten, ersten Entwürfe zu sehen sind. Peggy Guggenheim bleibt Peggy Guggenheim und ist auch ohne bemerkenswerte Sonderausstellung ein unangefochtenes Highlight. Die Fondazione Prada beschäftigt sich mit Belligerent Eyes und taucht zusammen mit Luigi Alberto und dem Filmregisseur Giovanni Fantoni Modena ab in die Welt der experimentellen Filmkunst.

 

Die Fondation Louis Vuitton arbeitet wie derzeit in Paris auch hier mit dem französischen Künstler Daniel Buren zusammen. Chanel eröffnet am 17. September die Ausstellung The Woman Who Reads. Mytheresa veranstaltete zusammen mit dem Designer Erdem ein ansehnliches Dinner im Hotel Aman, das sich im Palazzo Papadopoli befindet. Die Terrasse des Hotels The Bauers Venice war jeden Abend gut gefüllt mit den Stararchitekten, über die sich nach dieser Biennale vielleicht keiner mehr Gedanken machen möchte und die es für die wesentlichen Themen einfach auch gar nicht mehr braucht? Geht es doch am Ende nicht darum, bitte schnellstmöglich einfach nur die Perspektive zu ändern und sich mit den “Essentials” auseinander zu setzen, die Antiästhetik zu zelebrieren?

Wer dazu noch Inspiration braucht, schaut einmal mehr auf das offizielle Poster der Biennale: Der Fotograf Bruce Chatwin traf während seiner Reise durch Südamerika die deutsche Archäologin Maria Reiche, die mit einer Leiter auf der Schulter Studien an den Nazca-Linien durchführte (jene rätselhaften Spuren im Wüstenboden Perus). Aus der Froschperspektive betrachtet machten sie keinen Sinn, schaute man von aber von oben auf sie, erkannte man Formen, die Vögeln, Bäumen oder Blumen ähnelten. Die Leiter wird damit also zum Sinnbild der Möglichkeiten: aus wenig viel machen – als Leitbild der Schau. Die benutzt übrigens auffällig häufig das Wort “Scarcity” auf den Tafeln, welche die Entwürfe erläutern, die einfallsreicher nicht hätten sein können.

Impressionen aus Venedig

Weitere gute Artikel:

NY Times, T Magazine, FAZ und  ZEIT

 

Eckdaten:

Die 15. Architektur Biennale läuft noch bis zum 27.11.2016, montags geschlossen.

Tickets für 24 Stunden kosten 48,- Euro. Mehr Infos via labiennale.org