Rückblick: Mailand Fashion Week Februar 2016

©Collage / Julia Zierer

Normalerweise ist Mailand eine wahre Freude und der Garant für ein bisschen Entspannung nach dem überhektischen New York und dem intensiven, weil sehr kurzen, spannenden London. Dieses Mal kam leider alles anders. Der Regen und die Kälte waren an Tristesse kaum zu unterbieten – demnach auch der Verkehr – und es schien, als würden sich alle zum Kontrastprogramm in der zuckergussüberzogenen Traumlandschaft der Pasticceria Marchesi aufhalten wollen. Aus diesem Grund war die Warteschlange ellenlang und ich wieder, draußen im Nass, mit pastellfarbenen Mandeln bewaffnet. Ebenfalls aus diesem Grund war das Accessoire du Jour ein Regenschirm und Hotelgäste, die schwarze Schirme im Repertoire hatten, waren die neuen Stars der Straße. Die Mode dagegen war alles andere als grau, sondern sehr passend und definitiv beflügelnd!

Beste Show: Prada! Bei den ersten Klängen von PJ Harveys To bring you my love hatte ich schon innerlich entschieden, besser geht es kaum! Später folgte Karen Elsons Song Stolen Roses. Ungewöhnlich und genau richtig fand ich die Weiterführung der Ideen aus der Show der Männer, die im Januar gezeigt wurde. Angefangen bei den kleinen am Hinterkopf sitzenden Matrosenhüten (mein Favorit war natürlich aus schwarzem Samt) bis hin zu fantastischen maskulinen, mit Taschen besetzen Wollmänteln und Jacken mit überschnittenen Schultern in maritimem Dunkelblau, Grau und schottischem Karo (in der von Stella Tennant angeführten Truppe). Toll waren auch die coolen wetterfesten Nylonanoraks mit hochgeschoppten Armen und natürlich die romantischen Wintercapes mit Ornament-Knebelverschlüssen und großen Kapuzen. Dazu stylte Miuccia wie in der vorangegangenen Pre-Fall Kollektion (von oben erwähnter Männershow) dicke Wollstrümpfe mit Rautenmuster, schwere Bergsteigerstiefel und addierte Samt- und Lackbooties mit bunten Seilen zum Schnüren und aufwendig besetzen Absätzen.

Ebenso neu, aber typisch doppeldeutig, die über der Outerwear getragenen Korsagen aus Denim, Leder oder Wolle und die vielen kleinen Anhängsel an Extra-Ledergürteln um die Hüfte, an Taschengurten oder an Reifen, die um den Hals hängen: Metallrosen, in Leder gebundene Notizbücher, Schlüssel aus Horn und viele weitere klassische Insignien von Prada. Fantastisch bombastisch und ebenfalls zum zweiten Mal dabei waren die von Christophe Chemin exklusiv entworfenen Kunstwerke, die Miuccia auf Hawaiihemden und Röcken umsetze. Dazu noch mehr an anderer Stelle… soviel vorab: Wir hey woman! sind IN LOVE mit dem in Berlin lebenden Künstler. Meine Liste aber könnte endlos so weitergehen, denn nicht nur die Outerwear, sondern auch die femininen Brokat- und bestickten Samtkleider sind auf meiner „Dream-List“ für nächsten Winter.

Und zuletzt noch eine Überraschung: Auch Prada macht mit beim neuen Speed-Merchandise-Handling, welches diese Saison für viele Schlagzeilen sorgt: Gleich zwei Taschenmodelle – die Pionnière und die Cahier – sind seit letzten Freitag (also am Tag nach der Show) in den Läden in Mailand, Paris, London und New York erhältlich.


Persönliches Highlight: Der Grund, warum ich in rasender Eile London verließ: bloß ja nicht Gucci verpassen! Die Kick-Off Show in Mailand ist zugleich auch die Krönung. Wieder pilgerte das von oben bis unten in Gucci bekleidete Fashionvolk in den verlassenen Trambahnhof – all diese wunderbaren Teile der letzten Shows endlich an frischer Luft und echten Menschen zu sehen, ist aber nur der halbe Spaß. Die Show startete mit einer Videoinstallation, die Allessandro Micheles Ideen zur Kollektion rund um dessen Rhizomatische Partitur (ein Rhizom ist ein Wurzelgeflecht, das sich aus der nomadischen Interaktion verschiedener Elemente speist) mit nicht zuammenhängenden Bildern und Lichtblitzen einleitete. Das „Publikum“ saß hinter einem staubfeinen Gazevorhang und ich vermute, nicht nur ich habe den Atem angehalten, um auch ja nur kein einziges der wunderbaren Details und Ideen, angefangen bei den Medici bis hin zum Studio 54 (meine absoluten Lieblinge waren die asiatisch inspirierten Seidenkleider), zu verpassen.

Allessandro überraschte diesmal mit einem Wink aus der Gegenwart: Graffiti Details auf Bomberjacken, Pelzmänteln und Handtaschen. Er engagierte den legendären Künstler Trevor Andrew (aka Trouble Andrew), welcher seit den 1990er Jahren durch eine Verkleidungsidee für Halloween inspiriert (er sprühte das GG von Gucci auf sein weißes Geisterkostüm) alles von Mülltonnen, Zügen bis hin zu billigen Handtaschen mit dem legendären Logo versah. Und noch ein letztes Highlight der Show: Unsere WWL Petra Collins in einem 70s Anzug.


Bester Cocktail: Wer hätte es gedacht – Giorgia Tordini und Gilda Ambrosio sind nicht nur supercool und wunderschön, nein, die beiden italienischen Streetstyle-Ikonen haben sich zusammengetan und zeigten ihre erste Kollektion (ja, beide sind im wirklichen Leben Designerinnen) in einem eleganten Apartment in der Viale Bianca Maria. Und ja, die Drinks waren fantastisch! Aber nicht nur dasdie kleine, aber imposante Auswahl an wunderschön verarbeiteten, exquisiten Materialien ergaben Kleider, die man, wie Gilda mir erklärte, den ganzen Tag, abends und gar nachts tragen kann (und auch möchte!!!). Wenig überraschend: Ich träume schon jetzt vom schwarzen Samtmantel-Umhangkleid!


Schönstes Detail: Gianvito Rossis Military Ideen! Es ist wirklich eine wahre Freude mit anzusehen, wie er ein Thema, das defintiv eines meiner liebsten ist (ja!) und das mit Sicherheit auch eines der Lieblingsreferenzen und Ideen aller Modehäuser von New York bis Moskau ist, so elegant und geschickt umsetzt, dass man definitiv nur noch seine Version tragen möchte: bravo!


Place to be: Die Trattoria Bebel’s. Wer wirklich gutes, leckeres und typisch italienisches Essen möchte, aber weder viel Zeit mitbringt noch Romantik benötigt (ausgeleuchtet ist es definitiv 1A), findet hier sein Glück und kommt nicht zu spät zu Terminen und kann auch den konstanten Schlafmangel mit „Early-Bedtime“ überlisten. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich das erzähle, denn das Bebel’s ist immer randvoll gefüllt mit allen Modekollegen.

Geboren und aufgewachsen in München begann Veronikas modische Laufbahn mit Modeljobs, bald wechselte sie auf die andere Seite der Kamera und wurde von der Modeassistentin zur Redakteurin, dann wieder ein Richtungswechsel ins Online-Luxury-Retailing, um bis vor Kurzem zurück beim Burda Verlag als Style Editor der deutschen Harpers Bazaar zu arbeiten. Im Moment lebt sie in Berlin, startete Anfang 2015 eine eigene Firma zusammen mit Julia Knolle, ihres Zeichens Ex-Editor-at-Large von Vogue Digital. Ach ja, ihre Leidenschaft sind Möpse.