Rückblick: London Fashion Week Frühjahr / Sommer 2017

©Collage / Oriane Baud

Veronika Heilbrunner fasst die besten Momente der London Fashion Week zusammen

Erst kürzlich habe ich mit einer Freundin (natürlich ist sie ein absoluter Fashion Insider) darüber geredet, dass es eigentlich gar nicht darum geht, welches die beste Kollektion der Stadt, Fashion Week oder Saison ist, sondern eher darum, welche denn die beste Kollektion eines Designers im Laufe der Zeit ist. Schließlich möchte man z.B. als Christopher-Kane-Fan unbedingt wissen, wann man am besten investieren soll und welche der mittlerweile vier Kollektionen im Jahr man auch mal auslassen kann.

Für London passt diese Denke insbesondere gut, weil hier die meisten Designer zu finden sind, die ihr eigenes Ding machen und ihren eigenen Look weiterentwickeln, ohne sich zu sehr von der Außenwelt beeinflussen zu lassen. Das ist auch der Grund warum mir dieser „Wochenend-Abstecher“ (leider ist die LFW „nur“ vier Tage lang) immer am meisten Spaß macht!

Tollste Überraschung: Locationwechsel von Burberry

Quasi schon immer zeigte Christopher Bailey in einem eigens aufgebauten Zelt im Londoner Hyde Park, immer passend zum Thema dekoriert, meistens mit durchsichtigem Dach, damit das Wetter “mitspielen” kann. Zum Auftakt der #ShowandShop Ära des Traditionshauses änderte sich auch die Location. Und zwar ins Makers House nahe der Oxford Street: die Show zur Social Media Experience umgemodelt. Nichtsdestotrotz war diese sofort erhältliche Kollektion, welche zeitgleich auf das Oktober-Cover mehrerer Magazine zu sehen ist, nicht nur typisch Christopher Bailey für Burberry, sondern wunderschön. Angefangen bei den Key Pieces aka Offiziersjacken über Pyjama-Mäntel (auch wenn dieser Trend gerade ein wenig überhand nimmt, hier nicht wegzudenken) bis hin zu entspannten Sweaterlooks mit darunter kombinierten Stehkragen-Blusen.

Lieblingskollektion: Erdem und Christopher!

veronikaheilbrunnera la recherche du temps perdu 💁🏼 the most amazing detailed show set at #erdem #brioni #lfwbyheilbrunner #fromwhereistand

Auf die Gefahr mich zu wiederholen – Erdem und Christopher! Eine Show von Erdem wie diese löst bei mir ähnliche Gefühle aus wie damals als 14-Jährige beim Gucken des Epos Legenden der Leidenschaft, nämlich völlig hypnotisiert, oder – um im Heute zu bleiben – wenn ich schon beim Eintritt in ein fantastisches Schloss nicht mehr auf mein Telefon gucke, weil ich so beeindruckt bin von den in sich ruhendem, historischem Reichtum an Schönheit und den sicherlich damit verknüpften Geschichten.

Aber zurück zu den Shows in London. Bei Erdem liefen die Models zu schwer romantischer Musik über einen verwitterten Holzsteg durch kleine Teiche und Sümpfe, dekoriert mit an der Oberfläche befestigten aufgeschlagenen Büchern, die kurz davor waren zu versinken. Tatsächlich erzählt Erdem backstage nach seiner Show, seine Kollektion drehe sich um ein Kleid aus dem 17. Jahrhundert, welches vor Kurzem sehr gut erhalten aus den Untiefen vor der holländischen Insel Texel geborgen wurde. Dieser fantastische Fund inspirierte ihn eine ganze Welt darum herum zu erfinden: lose hochgestecktes Haar mit Kristallen und schwarzen Bändern verziert. Empiretaillen, wunderschöne Farben (juhu, wieder ein senfgelbes Kleid) und exquisite, wallende Stoffe. Kurzum: eine endlose Parade an Roben, die in mir ein großes Verlangen nach roten Teppichen auslöste. Dass es nur einen Hosenanzug (Look 1) und kaum “Separates” gibt, ist mir glatt egal. I AM IN LOVE!

Christopher Kane wiederum – auch nichts Neues – spielte mit Gegensätzen. Scheußliche Zutaten wie Crocs (mit Steinen besetzt) und (pardon Kacka-förmige-) Hüten zu fantastischen, mit Metallringen zusammengehaltenen Gitterkleidern, spinnennetzfeinen Trägerkleidern und großartigerweise einem Comeback der Kollektionskleider seines Debüts (hautenge Tüll-Patchwork-Minikleider). Darüber lose von der Schulter rutschende Oma-Cardigans und fantastische Taschen mit Marienbildchen-Anhängern und sehr vielen Details, auf die ich mich beim Re-See in Paris sehr freue!

Look(s) of Love: Leinenkleider und Stars-Wars-Pullis bei J.W.Anderson  

veronikaheilbrunner: stars wars happening at #jwanderson #lfwbyheilbrunner 👸🏼

Die überraschend femininen Leinenkleider bei J.W.Anderson und seine Star-Wars-Pullis mit Reifensaum. Besonders der mit dem schreienden Baum (etwa eine Game of Thrones Referenz?  ) und passender Bucketbag haben es mir angetan!

Beste finale Musik: Guns N’Roses „Paradise City“ bei Mary Katrantzou  

digging your music choices and your amazing greek-psychedelic collection especially those plexi pieces would have made veruschka green with envy dear #marykatrantzou ✌🏼️ #heywomanloves #lfwbyheilbrunner #paradisecity (vh)

Abgesehen davon war die Reise zu ihren griechischen Wurzeln wunderschön in antiken Prints und glitzernden Stickereien zu Kaleidoskopmustern sichtbar. Besonders angetan haben es mir die von Paco Rabannes Plastikteilkleidern aus den 60s inspirierten schillernden Party-Überkleider, die herrlich cool am Körper herunterhängen und die beim Tanzen sicherlich tolle Geräusche machen. Beim Vorbeilaufen jedenfalls taten sie das – ebenfalls paradiesische Musik in meinen Ohren!

Loaction: Simone Rocha

Auch hier keine Überraschung, Simone Rocha zeigte wie immer in einem historischen Gebäude, diesmal der Southwark Cathedral. Ihre herrlich atmosphärischen, dunklen Show Spaces sind vielleicht schlecht zum Fotografieren, ansonsten aber ein Traum, der für mich wahrlich Wirklichkeit wird (aka zwei Hobbys – nämlich Mode und Kirchen – in einem). Ihre typisch drapierten, karierten, geblümten, gerüschten Kreationen mit japanischem Edge ließen diesmal ihre irischen Wurzeln durchblitzen = grandioses Ergebnis!

Cocktail ohne Cocktail: Charlotte Olympia

nighty night #charlotteolympia #lfwbyheilbrunner

A video posted by @veronikaheilbrunner on

Im Ballroom des Sheraton Grand Park Lane Hotels stahl die Designerin mit ihrer Show die Show! Eine Stunde warten (leider ohne Cocktail) machte sie wett mit einer kurzweiligen Show. Eine brasilianische Entertainer-Band spielte für die Burlesque Tanzgruppe, die sich abwechselnd mit einer Handvoll Models (unter ihnen mein absoluter Liebling Lili Sumner) die Bühne teilte. Mein Highlight waren natürlich die Fruchtlooks und die aufblasbare Banane als Giveaway! Cheers!

Set der Superlative: Anya Hindmarch

THE END of a show next level by the most amazing #anyahindmarch 🕹👻 #lfwbyheilbrunner (vh)

Auch hier keine Überraschung, denn Anya schockt ihre Fans jede Saison aufs Neue mit dem verrücktesten beweglichen Show Space und immer bin ich fasziniert, dass die Models sich nicht verlaufen und wer zur Hölle sich diese Choreographien ausdenkt!?!? WOW.

Dieses Mal öffnete sich der kreisrunde Laufsteg und wurde zur fliegenden Untertasse. Die Models kamen aus einem unterirdischen Eingang, der an ein Fußballstadion erinnerte. Es fällt mir wirklich fast schwer, bei so viel Staunen auf die Accessoires zu achten. Wenn sie allerdings so gut sind wie bei Anya, geht auch das! Rote Ausrufezeichen setzte ich hinter meine mentale „Haben-will“-Liste als diese kleine Miniminimini-Henkeltasche in Silbermetallic mit übergroßem Tragegurt an mir vorbeimarschierte!

HQ-Envy: Peter Pilotto

Er zeigte im Hauptsitz der Firma, dort wo das Designer-Duo, der griechische österreicher Peter xxxx und der Franco-Peruaner Christopher de Voss (bitte fact checken) ihre Ideen zu Papier bringen und entwickeln. Allein der Weg entlang eines kleinen malerischen Kanals vorbei an Kaffee-Corners und Food-Ständen mit Blick aufs Wasser ist die leicht abgelegene Location oberhalb des Londoner Eastends wert. An der Kollektion gefiel mir die Leichtigkeit mit der die farbenfrohen, verzierten und gemusterten Entwürfe gezeigt wurden. Und das i-Tüpfelchen: die Häkel-Beutelchen!!

Weitere Eindrücke von der London Fashion Week:

Geboren und aufgewachsen in München begann Veronikas modische Laufbahn mit Modeljobs, bald wechselte sie auf die andere Seite der Kamera und wurde von der Modeassistentin zur Redakteurin, dann wieder ein Richtungswechsel ins Online-Luxury-Retailing, um bis vor Kurzem zurück beim Burda Verlag als Style Editor der deutschen Harpers Bazaar zu arbeiten. Im Moment lebt sie in Berlin, startete Anfang 2015 eine eigene Firma zusammen mit Julia Knolle, ihres Zeichens Ex-Editor-at-Large von Vogue Digital. Ach ja, ihre Leidenschaft sind Möpse.