Playlist: Charles Bals von Another Slang

Charlie habe ich das erste Mal mit 17 in Düsseldorf kennegelernt. Irgendwie kaum zu glauben, dass er nicht nur immer noch dort lebt, sondern auch gleich den Hauptsitz seiner Agentur Anotherslang.com in der Stadt hat. Man kennt ihn bei hey woman! für seine Arbeiten: Denn als wir die Seite launchten, war irgendwie klar, dass Charlie mit dabei sein muss und seither bastelt er fleißig für uns Kollagen. Sein Talent und sein unglaublich gutes Auge wie auch sein unantastbar grandioses Gespür für Ästhetik beeindrucken mich jedes Mal aufs Neue. Sein Zuhause, selbst entworfen und eingerichtet, gleicht einem Eldorado der 70s – seinem DJ-Pult mit wandhohem Plattenregal dahinter inklusive.

Es war also längst überfällig, ihn auch hier in der Rubrik “Playlist” vorzustellen. “Wieviele Songs darf man?” fragte er noch, bis ich verstand, was er meinte: Es wurden am Ende 82 Lieder für hey woman! Da seine Antworten auf unseren eigentlich nicht publizierten Fragebogen so charming waren, wird er dieses Mal ausnahmsweise mal fast eins zu eins an dieser Stelle gezeigt. Auf geht’s, auf eine Odyssee in eine andere Welt, in Charlies Welt:

 

Wie begann Dein Interesse für Musik? Erinnerst Du Dich an so etwas wie einen “Anfangspunkt”?

Tatsächlich kann ich das. Mitte der 1980er Jahre zerrte mein Großvater mich in die Läden von Paris, um die Verkäuferinnen danach zu fragen, ob Amanda Lear, Jean Michel Jarre oder Cerrone neue Singles veröffentlicht hätten. Es mag seine Art gewesen sein, meine Schüchternheit zu bekämpfen. Gleichzeitig verband mich das ein bisschen stärker mit der Musik, die er mir vorspielte. Seine Lieblingssingle war ganz klar Upside Down von Diana Ross. Die spielte er wirklich rauf und runter, “up and down”, “round and round”, wie es die Lyrics schon besagen. Wenn ich den Track irgendwo höre, kommt sofort die Erinnerung an meinen Großvater zurück. Ironischerweise war mein Großvater auf seine Art ein sehr, sehr klassischer Dandy. Dieser Musikgeschmack schien nicht so richtig zum Rest zu passen. Ich würde ihn mir eher als Jazzliebhaber vorstellen oder jemanden, der klassische Musik hört. Alles musste perfekt sein, sogar als er wegen einer schweren Krankheit im Sterben lag, verließ er sein Bett nicht zum Abendessen, ohne einen schönen Anzug anzuziehen. Sogar wenn er ganz alleine war, verzichtete er nicht auf seinen Anzug. Dieser cheesy Diskomusikgeschmack war vermutlich sein heimliches Laster, eine Art Nascherei für ihn.

Spielst Du Musik in der Öffentlichkeit? Wenn ja, was ist Dein Lieblingsset-up?

Ich habe mein DJ-Dasein nie wirklich vorangetrieben, ich lege selten auf. Ich bin nicht gut im Live-Mixen, wenn überhaupt, dann bin ich eher ein Kurator oder Sammler. Wenn es das Setting also erlaubt, dass ich meinen Musikgeschmack wie ein Konzept vorlegen bzw. vorführen kann und die Leute sich an diesem Ort befinden, um den Augenblick zu genießen – wenn sie etwa einen Film schauen – dann weckt das für gewöhnlich mein Interesse. Aber ja, ich spiele vielleicht eine Handvoll Sets jedes Jahr und ich mag die Gigs draußen am meisten, etwa in einer Friedhofskinonacht, im Wald oder am Strand, insbesondere um die goldene Stunde, wenn der Tag und die Nacht sich die Hand reichen und die Veränderung förmlich in der Luft liegt.

Welche Musik hörst Du zur Zeit?

Ich gehe total in Musik auf, die eine starke Stimmung auslöst. Musik, die Bilder oder Assoziationen auslöst. Mir geht es nicht gut damit, wenn es zu basic ist, zu vorhersehbar und zu eingänglich. Entweder genialer Geniestreich oder charmantes Scheitern – beides weckt ernsthaft mein Interesse. Um mich ist es geschehen, wenn ich plötzlich mit einem großartigen Produktionsdetail konfrontiert werde – ob es ein Instrument ist, das ich nicht erwartet habe (ein Pfeifen, zum Beispiel), eine verrückte großartige Pause oder ein Twist in der Melodie.

Viele der Sachen, die wir auf obskurem oder seltenem Vinyl finden ist entweder großartig oder ziemlich durch. Stellt Euch die Hülle eines 45-Jährigen vor, mit der Skizze, welche die Teenager-Tochter der Drummers angefertigt hat. Und wenn Ihr das mit Sounds unterlegt von einem Haufen bekiffter Nixen, die in einem Hobbit-Loch gefangen sind. Das ist etwas, was ich mir gerade anhören könnte.

Aber weil meine Laune sich ungefähr jede Stunde ändert, passiert das auch mit meiner Playliste. Es kann Soul, Funk oder Folk sein, so lange es die Musik einfach all die Dinge mitbringt, die ich eben beschrieben habe. Fantasy Folk, Psychedelic Disco, Yacht Rock, Jazz Noir, nur ein Klavier – wirklich alles – insofern es eine Erinnerung schafft.

Du verkaufst Deinen Musikgeschmack an einige große Namen – was bedeutet das?

Yeah, ein paar krasse DJs und Produzenten kaufen bei uns bei Beachfreaks Records. Es ist ein kleines Nebenprojekt von meinen beiden Partnern Danny McLewin von PSYCHEMAGIK und Evan Jordan und mir, wir verkaufen sehr kleine Auflagen an krassem Vinyl an eine kleine Anzahl von Leuten. Der Stil ist gemischt: Dance, Afro, Synth, Balearic und Amateur, nur Originalpressungen aus den 1970ern, 80ern und mitunter 90ern. Wir haben unseren öffentlichen Laden geschlossen und agieren jetzt nur noch auf privater Ebene, bevor das Ganze zu exponiert wird –  hier findet Ihr einen unfassbar schmeichelhaften Artikel über uns.

Und zum Schluss: Sag doch bitte ein paar Worte zu der Playlist, die Du für uns angefertigt hast.

84 Tracks.

Ein super Leitmotiv herauszusuchen oder ein gutes Dutzend Tracks für die Länge eines Mixes zusammenzustellen, das sind zwei komplett unterschiedliche Dinge. Diese Playlist dauert ungefähr für die Hälfte eines Arbeitstages an – so in etwa vom Mittagessen bis zum Abend. Um fünfeinhalb Stunden Musik zusammenzustellen, hatte ich etwas im Kopf, das sich langsam entwickeln würde, seinen Charakter und sein Tempo verändern würde, ohne jemals zu hektisch oder verwirrend zu werden. 

Ich habe mich gefragt, ob es eine Playlist geben würde, die gut mit meiner vollen Aufmerksamkeit darauf funktionieren würde, aber auch genauso gut in einer Situation, in der ich geistig ein wenig weiter weg von der Musik wäre.

Ich bin an die Playlist so herangegangen, wie ich an einen Film herangehen würde. Viele der Songs / Charaktere würden auf einer Party nicht miteinander sprechen. Aber vielleicht ein paar Stunden später? Und doch kann ich nicht aufhören darüber nachzudenken, welche Szenen es nicht in den Film geschafft haben würden. Also kommt hier ziemlich schöner Soul, cinematischer Jazz, ein paar tropische Orte, menschenleere Wüsten, Gypsie Gitarren, die laue Brise auf einer Yacht und das seltsame Tanzen um ein Lagerfeuer auf dem Jupiter.

Ich könnte etwas zu jedem einzelnen Track sagen, aber bei 84 würde ich Euch lieber ihnen vorstellen als umgekehrt.

 

Mein Tipp: Wählt bitte HQ Streaming in Euren Einstellungen und stellt drei Sekunden Abstand zwischen den einzelnen Tracks ein.  

Einen kleinen Einblick ins Charlies Reich zu Hause sieht man hier in diesem Feature, was wir mit seiner Freundin Anna letzten Sommer gemacht haben.

Übersetzung: Nella Beljan

Julia hat 2007 einen der ersten Modeblogs in Deutschland mitgegründet und als Consultant für Digitale Strategien gearbeitet, nachdem 2010 ihr erstes Buch erschienen ist. Nach vier ereignisreichen Jahren bei Condé Nast, in denen sie hauptsächlich für den digitalen Bereich der deutschen Vogue verantwortlich war, entschloss sie sich, ihr eigenes Online Magazin zu gründen, gemeinsam mit der Partnerin ihrer Träume – mit Veronika Heilbrunner. Julia lebt und arbeitet in Berlin und liest gerne Bücher.