Stella McCartney

Miu Miu „Women’s Tales“ No.12 von Crystal Moselle

Die Miu Miu Women’s Tales fördern Regisseurinnen und verbinden Mode mit Feminismus – über aussagekräftige Kurzfilme

Das Konzept der Miu Miu „Women’s Tales“, einer Serie aus der Feder von Miuccia Prada, ist so simpel wie brillant: Kurzfilme mit dem Fokus auf die Mode der neusten Kollektion, gedreht von weiblichen Regisseurinnen. Dezidiert Frauen übernehmen die Regie und ein kurzer Blick in die Filmgeschichte genügt, wieso das notwendig ist.

Neun von zehn Filmen im Kinoprogramm werden von männlichen Regisseuren gedreht. Angesichts dieses Ungleichgewichts verwundert es kaum, dass die amerikanische Regisseurin Kathryn Bigelow bis heute die einzige Frau ist, die in der Kategorie „Best Director“ mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Doch nicht nur um den weiblichen Filmnachwuchs zu fördern und um Regisseurinnen mehr Präsenz zu verleihen, hat Miu Miu die „Women’s Tales“ lanciert. Seit 2011 lädt Miu Miu in diesem Rahmen dazu ein, Weiblichkeit in seinen verschiedenen Facetten und Kulturen kritisch zu erkunden und zu zelebrieren.

Nachdem man bereits künstlerische Allroundtalente wie Miranda July, Ava DuVernay, Zoe Cassavetes und die französische Nouvelle Vague Ikone Agnes Varda für das Projekt begeistern konnte, wurde nun die ebenso talentierte amerikanische Regisseurin Crystal Moselle engagiert, die nun mit That One Day die zwölfte Auskopplung der Serie verantwortet. Jeder der Kurzfilme offenbart die individuelle Handschrift der jeweiligen Regisseurin und doch ist ihnen allen ein ästhetisches Mise en Scene gemein, dessen Lichtgestaltung, Farbkomposition und Setting eher an Art House Filme erinnert als ans kommerzielle Kino.

Crystal Moselle

Der neueste Streich von Miu Miu dreht sich um die Mädels von „The Skate Kitchen“, einer all-girls Skatecrew aus New York City, auf die Regisseurin Moselle im richtigen Leben, genauer: in der U-Bahn, aufmerksam geworden war. „I am in love with the transformation stage in a girl’s life“, verrät Moselle im Gespräch mit Miu Miu. Und wohl aus diesem Interesse gespeist, präsentiert sie uns in ihrem Kurzfilm einen fiktiven Tag im Leben der 17-jährigen Skateboarderin Rachelle. Von den Jungs im Skatepark ausgegrenzt, bloßgestellt und absichtlich beim Fahren gestört, stürzt sie und verliert das Bewusstsein. In dieser Traumsequenz lernt Rachelle eine Mädchenbande der Halfpipe kennen, mit der sie ihre Leidenschaft für das rollende Brett teilt. Mit ihnen streift sie durch die Architekturlandschaft der Stadt, gemeinsam üben sie Tricks und besuchen am Abend eine wilde Underground Party.

„Siehst du, da draußen gibt es noch andere Fischlein wie dich! Wir stehen das gemeinsam durch. Wir sind alle für dich da“, versichern die Freundinnen Rachelle, die zu Tränen gerührt ist. Die Worte der Teenager drehen sich um Zugehörigkeit und Selbstfindung. Und dennoch ist das Thema Identitätsfindung kein bloßes Nebenprodukt der Pubertät, sondern ein universelles, das wohl jeden Menschen, jede Altersgruppe umtreibt.

Der Kurzfilm endet damit, dass Rachelle, nach dem Sturz aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht, von den Mädchen auf der Halfpipe motiviert wird, direkt aufzustehen und ihre Tricks erneut zu versuchen. Selbstbewusst nimmt sie Anlauf und performt souverän – dazu spielt der kultige Track Rebel Girl von Bikini Kill im Hintergrund. Ganz im Sinne der  Riot Grrrl Bewegung der 1990er und deren Motto „Revolution Girl Style Now!“ behaupten sich die Mädchen im „männlichen Terrain“ und erobern selbstbestimmt den Asphalt. Eine Schlusssequenz,  die wohl nicht nur jede Feministin mit einem Gefühl der Schwesternschaft zurücklässt.

Der zwölfminütige Kurzfilm zeigt einen weiblichen Blick auf die sonst eher männlich dominierte Skaterszene. In seiner detaillierten Behandlung der persönlichen Erfahrung der Protagonistin erinnert er ans Oeuvre weiblicher Autorenfilmerinnen wie Chantal Akerman oder Mia Hansen-Løve.

Gerade der Authentizität halber castete Regisseurin Crystal Moselle bewusst Mädchen, die auch im wahren Leben skaten, um im Film die feminine Signatur von Miu Miu zu verkörpern. Jedoch dominieren die Outfits nicht das Szenenbild, sondern unterfüttern die Erzählung bloß. Als Mittel des Selbstausdrucks ist die Kleidung scheinbar allzeit präsent und der Betrachter stellt schnell fest, dass die Mädchen sich in ihrer Haut wohlzufühlen scheinen.

Bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig, bei denen die Miu Miu Women’s Tales in einem Screening gezeigt werden, wurde der Film rege und ziemlich positiv besprochen. Crystal Moselle und die japanische Klangregisseurin Aska Matsumiya, die in That One Day die Sounddirektion verantwortet, wurden in diesem Rahmen zu einem Talk geladen. Die beiden hatten zuvor schon für die Dokumentation The Wolfpack miteinander zusammengearbeitet, die beim Sundance Festival 2015 den Großen Preis der Jury erhielt. Moderiert wurde das Event wurde von Penny Martin, Chefredakteurin von The Gentlewoman, die sich in ihrer Souveränität schnell als perfekte Wahl für die Aufgabe herausstellte.

Tatsächlich erhielt Moselle vom Kreativteam eine Carte Blanche und widmete sich ohne Einschränkung allen Produktionsaspekten selbst. Über Monate haben sie und Aska Matsumiya eng zusammengearbeitet, um den Filmbildern die richtige musikalische Atmosphäre und Klanglandschaft zu verleihen, die Rachelles emotionale Reise sensibel zum Ausdruck bringt.

Die Unterhaltung zwischen Moselle und Matsumiya auf der Bühne des Panels wirkt so intim, weil die Gesprächsthemen so vertraut sind. Die Diskussion reicht von sensiblen Themen wie sexueller Belästigung und der Arbeit als einzige Frau in einer männlich dominierten Arbeitsumgebung bis hin zum kreativen Arbeitsprozess. Den beiden bei ihrer angeregten Diskussion über ihre Leidenschaften zuzuhören, ist in der Tat inspirierend.

Weshalb also sind Frauen in vielen Bereichen der Kunst und Businesswelt noch derart unterrepräsentiert? Wenn es nach Crystal Moselle geht, ist alles auf den Mangel an Chancengleichheit zurückzuführen. „Eigentlich sollte es im Kunstbetrieb und überall sonst egal sein, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Doch Frauen brauchen eine Stimme. Wir sind noch immer in der Minderheit“, erklärt Moselle und appelliert an die Gesellschaft, Jungen und Mädchen gleichermaßen zu unterstützen, ihre beruflichen Träume zu verwirklichen. Leidenschaften sind vielfältig, sei es lesen und schreiben, Interesse an Mode und Make-up oder eben Skateboard fahren – sich selbst auszudrücken. Ein umfassendes Umdenken hinsichtlich der Geschlechtergleichheit wird sicher noch Jahrzehnte dauern, doch die Perspektive eines Einzelnen kann sich im Handumdrehen ändern. Dazu braucht es bloß diesen einen Tag.

Fotos: Brigitte Lacombe

Nach einem Auslandsaufenthalt in Paris ließ sich Jessica Aimufua 2012 in Berlin nieder, um dort ihr Studium der Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft aufzunehmen. Als präzise Beobachterin und nachdenkliche Seele entwickelte sie von klein auf das Bedürfnis sich kreativ auszudrücken. Heute schreibt sie zweisprachig über Kulturphänomene und Gegenwartsästhetik mit Fokus auf die Bereiche Film, Mode und Kunst. Bei hey woman! ist Jessica für Textarbeit, Editing und Übersetzungen verantwortlich.