Gucci Made Me Hardcore oder Less is Bore

© Collage / Julia Zierer

Fee, fi, fo, fum, I hear the wit of an Englishman. (Mit britischem Akzent aussprechen, so dass sich “man” auf “fum” reimt.)

 

Während sich viele von euch, kein Zweifel, darüber freuen, dass die löchrigen Strumpfhosen von Wolford endlich ihre Bestimmung gefunden haben (nicht, um Banken auszurauben, sondern um John Gallianos Totenkopfkappen und die Haarnetze von Margiela zu kopieren), habe ich bei 13 von 33 Looks eine andere Art von Denkmütze aufgesetzt und so langsam stelle ich fest…

Was Mark Leckey für die Kunstwelt, ist Herr Gucci für die Mode.

Ich will das erläutern: Mark Leckey ist mein All-Time-Favourite Künstler, Alessandro Michele mein Lieblingsdesigner. Und in jeder Hinsicht, in der Leckey der wunderliche Prophet der Kunstwelt ist, ist das mein Gucci Pimp Alessandro Michele für die Mode.

Hier ist das Wunderliche daran: Auf dem Runway in Mailand diente Gucci, wie Alessandro erklärt hat, Deleuzes und Guattaris rhizomatisches Denken als Inspiration. Was das ist, magst Du fragen. Das sind alle diese wilden Dinge im Leben, zusammengepfercht in einem Jacquard des Denkens, garniert mit jeder Menge Broschen, Schleifen und Fellstücken, die man streicheln kann in ruhigeren Momenten im Café. Mark Leckeys Denken ist aus demselben Stück Stoff gemacht: Seine Arbeit umfasst weitestgehend das wild divergierende Bild des Denkens, sein eigenes Denken durch das Internet geschult, seine eigene Biographie im subkulturellen Nicht-London, England, geschüttelt, nicht gerührt. Und deshalb finde ich, dass sich Alessandro Micheles jüngste “rhizomatische Darstellung” ganz nah an den Zeilen von Deleuzes Differenz und Wiederholung bewegt. Nun, wo wollen wir damit hin? Seid geduldig. Ich bewege mich in die Richtung, dies zu erklären.

Nehmen wir Guccis Trompe-l’œil, das Jabot (dieses exquisite Wort für eine am Kragen befestigte spitzenverzierte Rüsche, oder whatever, eben ein Lätzchen) an diesem Seenymphengrünen Cape versus Leckeys ähnliche Ästhetik, ein sprechender Beinahe-Mülleimer und zwei pulsierende Tageszeitungen, die auf der Straße stehen. Oder wie wäre es damit: der Titel für eine Vorstellung, die Leckey

“The Universal Addressability of Dumb Things” (“Die universelle Adressierbarkeit von dummen Dingen”) genannt hat. Nenn es “The Universal DRESSability of Dumb Things” und voilá, bist Du in der Lage, meinem eigenen rhizomatischem Muster von Gedanken zu folgen.

© Collage / Julia Zierer

Lasst uns das ein bisschen weiter treiben. Ich bin ein großer Fan von Hüten, und an dieser Stelle hat Alessandro Michele sich mit der kosmischen Energie verknüpft, die ich ihm geschickt hatte – in einem selbstsüchtigen Appell: mehr Damenhüte, bitte. Keine Barette! (An denen muss man zu viel herumfummeln.) Was kam also bei Gucci auf? Eine neue Spielart von Pharell Williams übergroßem peruanischem Fedorahut (danke an Vivienne Westwood), mein Liebling in dem zuvor erwähntem Seenymphengrün.

© Collage / Julia Zierer

Und dieses Käppchen, das mit einem Schleier versehen ist, was ist das? Ich sehe vor allem die Einflüsse des Tudor Englands (die Perlen und Juwelendetails an der Kleidung, die übergroßen Henry VIII. Schultern), also versuche ich, dieses Käppchen dorthin zu packen, aber anstatt Einflüsse aus dem burgundischen Adel des 15. Jahrhunderts auszumachen, stelle ich tatsächlich fest, dass das Käppchen viel zu sehr wie eine Vulva geformt ist, alsdass man es ignorieren könnte:

© Collage / Julia Zierer

Während jeder den Einfluss von Katharina von Medici (alle kleingewachsenen Frauen zollen ihr Dankbarkeit als gute Fee und Patin der High Heels) bemerken will, bleibe ich bei meiner englischen Version, den Tudors. Denn es war Katharina, nach alledem!, die aufhörte, Dessous zu tragen und stattdessen lange Unterhosen bevorzugte. Ugh. (Michele selbst hat gesagt, der Einfluss käme von niederländischen Gemälden.)

14th century found object from Mark Leckey’s "The Universal Addressability of Dumb Things"

Leckey wurde berühmt für Fiorucci Made Me Hardcore, ein Film über die Clubkultur. Dazu sagte er in einem Interview mit dem, was für ein Zufall, Rhizome Magazin:  

“Der Titel Fiourucci Made Me Hardcore (1999) bedeutet immer noch für mich, dass man alle seine Energie für etwas so ultimativ Banales und Flüchtiges wie ein Jeanslabel einsetzt – Fiorucci war in den 1970ern und 1980ern ziemlich groß – dies kreiiert diese transzendente Intensität, die über die Marke und über den banalen Alltag hinausgeht. Es bringt dich woanders hin, und das ist auch immer noch, wo ich hinmöchte.”

Deshalb nenne ich dieses Gefühl, das meine Seele seit letztem Sommer, seitdem ich die neuen Kreationen von Herrn Gucci das erste Mal gesehen habe,  ständig penetriert hat: “Gucci Made Me Hardcore”. Tatsache! Alessandro Michele führt mich in Gefilde, an denen ich noch nie vorher war.

In Tausend Plateaus erzählen uns Deleuze und Guattari, dass “das Gehirn selbst vielmehr ein Kraut oder Gras ist als ein Baum.” Was ich wirklich sagen möchte, ist, dass in unserer wirklich düsteren Welt Leckey und Michele die Wunderkammer plündern und als Einhörner herauskommen: esoterisch, ohne kitschig zu sein. Stellen wir uns vor, der Rest der Welt verfügte über derartig erneuerte Renaissance-Gehirne. Die Gehirne einer verbrannten mittelalterlichen Abschrift eines Gesetzesbuches? Zurückschreckend vor dem kategorischen Baumstruktur-Denken der Aufklärung, verwandelt in eine Form des kategorischen “Ich-weiß-nicht-Was”. Wurzellos! Und hier stelle ich mich auf ein Bein: keine Reisepässe mehr. Dann, und nur dann, wären wir wieder sicher.

Zwischenzeitlich versuche ich, dass mein rosa-wildledernes-dünn-geflochtenes Kopfband mehr nach Versace Fall 2016 aussieht (in 53 von 58 Looks), mehr nach Olivia Newton John. Ich weiß nicht, warum jeder zurzeit nicht zusammenpassende Schuhe zeigt, von Miu Miu über Jacquemus bis hin zu Galliano, aber ich liebe es, und ja, less is bore oder weniger ist schwer.

P.S.: Übrigens, Leckey scheint Guccis Leidenschaft für das Tudor England vorweggenommen zu haben. Mit dem Risiko, wie Elton John auszusehen – schaut Euch sein Portrait an, auf dem er einen Tropfenohrring trägt. Es passt zu Guccis Tudor Schema. Immerhin war es für Männer (verwegene, raffinierte Männer) um 1600 in Mode, einen einzelnen Ohrring zu tragen. Und dieses Hemd. Sieht aus wie Versace. (Und später stelle ich fest: Es ist von Versace!)

©Photograph: Sarah Lee, March 2015, in The Guardian. / Isaac Oliver, Charles, Prince of Wales (later Charles I), 1615

Hier ist ein weiteres Bild von ihm, eine Kunstarbeit von 2013, das besser den Spirit einfängt:

©Mark Leckey, Circa ’87, 2013

Mehr über Mark Leckey im Netz:

Fiorucci Made Me Hardcore, 1999.

Seine Installation auf der Biennale in Venedig und wie er über Straßenmöbel, Kioske usw. spricht.

Wo er einen sprechenden Kühlschrank imaginiert, “60,000 Watt, ganz alleine, hier im Dunkeln…”: GreenScreenRefrigeratorAction, 2010.

Darüber hinaus: The Haunted Toaster

 

Die Bilder der Kollektion von Gucci Fall 2016 gibt es hier.

Übersetzung: Nella Beljan

April Elizabeth von Stauffenberg ist eine amerikanische Autorin, die 1998 nach Berlin gezogen ist. Als Journalistin hat sie über Kunst, Architektur und Mode berichtet (unter ihrem Mädchennamen April Elizabeth Lamm), etwa für artforum.com, frieze, Weltkunst, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Sleek und die deutsche Vanity Fair. Unter anderem in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt und im Schinkel Pavillon in Berlin hat sie Ausstellungen kuratiert. Sie schreibt derzeit an ihrem Buch The Collector über die Kunstwelt.

Portrait: Semra Sevin