Stella McCartney

Exklusiv: Im Atelier bei Chanel zur Haute Couture

Veronika Heilbrunner war zu Besuch im Atelier von Chanel während der Haute Couture in Paris

„Immer wenn darüber geredet wird, dass die Haute Couture bald verschwindet, passiert genau das Gegenteil“, hat Bruno Pavlovsky, Fashion President bei Chanel, vor einem Jahr im Interview gesagt. Heute gibt es rund 1000 Couture-Kundinnen allein bei Chanel, und damit mehr als vor 15 Jahren.

Wir freuen uns, heute einen Auszug des Features über meinen Atelierbesuch bei Chanel veröffentlichen zu können, dass die deutsche Harper’s Bazaar in der aktuellen Oktober-Ausgabe zeigt und das wir zusammen mit Chanel und dem großartigen Fotografen Adrian Crispin realisieren konnten. Passend zum Thema wurden alle Fotos analog erstellt. Barbara Kranz hat meine Gedanken, Empfindungen und noch viel mehr bei diesem denkwürdigen Besuch wunderbar protokolliert. Unten die Zusammenfassung ihrer Eindrücke für uns.

Es gibt nur wenige Orte, an denen sich die Mode noch ein Geheimnis bewahrt hat. Die Ateliers der Haute Couture gehören dazu, dort, wo die petites mains, die kleinen Hände, den Heiligen Gral bewahren. Sie schneiden, nähen, sticken, modellieren, schustern, und es entstehen zauberhafte Gebilde, die nur wenige zu sehen bekommen und ganz wenige überstreifen und tragen dürfen. Sich leisten können.

Ich muss an die Biografie von Paul Morand denken. In ihrer radikalen, unabhängigen Offenheit hatte sich Coco Chanel, sie war da dreiundsechzig, dem französischen Schriftsteller und langjährigen Freund  anvertraut. „Geld ist nicht schön. Geld ist praktisch“, wird sie in seinem Buch Die Kunst, Chanel zu sein zitiert, und ein paar Seiten weiter: „Das Preiswerte kann nur vom Teuren ausgehen, um Niedrigpreis-Couture anbieten zu können, muss erst eine Haute Couture dagewesen sein.“ Geld ist ein Türöffner zum inner circle. (Andere heiraten ins Geld ein, meinte sie spöttisch, was für sie nicht infrage kam.) Doch das Geheimnis der Mode liege woanders.

Zum Beispiel in den Händen der qualifizierten Frauen und Männer, die die höchste Kunstfertigkeit der Branche beherrschen und den Schatz hüten, aus dem sich jede Mode bedient und weiterentwickelt. Gemeint ist nicht nur das hochveredelte Handwerk, daneben ist es heute auch die Chance, in den Couture-Labors neue Wege gehen zu können – zu ungeahnten Techniken. Wie Stickereien in Lasercut, Tweed 3.0, geformt zu nie zuvor gedachten Silhouetten, Computer-Prints und 3-D-Kunststoffe, kostbarer als Cashmere.

Ein Besuch in der Wunderkammer der Mode war für mich seit Langem ein Herzenswunsch, Weihnachten, der rote Teppich bei den Oscars und Met Ball in einem. Und jetzt stehe ich kurz davor und habe Herzklopfen. Starkes. Die Tour beginnt mit einem der großen Fetische, das heißt bei den Schuhen.

Rochenleder, Kroko, Schlange, Kork, Neopren, Lackleder, Wildleder, Vinyl, feines Nappa in allen Farben, starke Büffelhaut und Ballen von Samt, Canvas, Satin und Seide – die Stoffe, aus denen Couture-Schuhe gemacht werden, scheinen unzählbar. In den Werkstätten von Massaro Paris lagert ein großer Teil davon. Seit 1894, als Sébastien Massaro seine Schuhmacherei eröffnete, steht der Name für Maßanfertigung, inzwischen längst auch für Haute Couture oder wie Karl Lagerfeld es ausdrückt: „Für gute Schuhe, die der rechte Weg zum Luxus sind.“ Gute Schuhe wie Chanels zweifarbige Slingback-Pumps in Beige mit schwarzer Spitze, die genau hier den Sprung von Mademoiselle Gabrielles Skizze ins echte Leben geschafft haben. Und bis heute so erfolgreich sind wie Chanel N° 5.

Das Urmodell dieser Pumps steht im Ausstellungsraum der Werkstätte Massaro, cremefarbenes Leder mit einer schwarzer Satinspitze und einem Gummizug über der Ferse. Auch nicht gerade klein, Coco lebte auf großem Fuß, wie schön, meine Schuhgröße 41 wäre kein Achselzucken wert.

Das aufwendigste Modell von Massaro für Chanel waren Overknees mit Trägern, fast schon eine Hose, die jedem einzelnen Model für das Couture-Defilee an den Fuß und auf den Leib geschneidert werden mussten. 40 Stunden Arbeit pro Paar inklusive drei Fittings stecken allein in einer gängigen Maßanfertigung, die bei 1500 Euro beginnt, open end.

Mehr als 10.000 Leisten lagern im gut gehüteten Archivraum, jede mit dem Namen des Kunden versehen. Jean-Etienne Prach, der Presseattaché des Ateliers, ermahnt mich, nichts zu notieren, nichts zu fotografieren, was nicht freigegeben wurde. Es störe die Handwerker und vor allem die Diskretion des Hauses. Man weiß trotzdem, dass die Herzogin von Windsor nur Maßschuhwerk von Massaro trug wie auch Barbara Hutton, Elsa Schiaparelli und René Coty, um einen der Männer zu nennen, die knapp 20 Prozent der Stammkunden ausmachen, Tendenz steigend.

Liz Taylors Schuhleiste hängt hier immer noch an ihrem Platz unter T, die von Romy Schneider unter SCH und unter G, ganz aktuell, die von Daphne Guinness. Fünf Jahre lang durchlaufen die Schuhhandwerker eine Spezialausbildung, um diesen Paaren und den oft schwindelerregenden Ideen gerecht zu werden. Wie denen Lagerfelds. Für diese Couture-Saison waren es relativ zurückhaltende hohe, weiche Lederstiefel, alle in Schwarz, nur die Braut trug Weiß.

Aber Absätze wie die gedrechselten Beine von Rokokostühlen, Korkplateaus in Schwindelhöhe, transparente Pumps und Satinsneaker mit reichem Schmucksteinbesatz, all das gab es für frühere Kollektionen auch. „Chez Massaro, tout est possible“, sagt der Werbeslogan. Und 3000 Privatkunden genießen das.

2002 kam das Schuhhaus mit Stammsitz in der Rue de la Paix zu Paraffection S. A., einem Tochterunternehmen von Chanel, in dem insgesamt sieben Couture-Ateliers vereint sind, um hochveredelte Handwerkskunst auch in Zukunft zu gewährleisten. Par affection bedeutet so viel wie „aus Hingabe“, ein passendes Anliegen. Die Maßschuhmeisterei arbeitet selbstständig und auch für andere Couture-Häuser, von denen es derzeit 28 gibt, die den strengen Auflagen der Chambre Syndicale de la Haute Couture entsprechen und ihre Defilees für die anspruchsvollsten Modefans präsentieren.

Den kompletten Artikel lest ihr in der Harper’s Bazaar oder hier online.

 

text: barbara kranz
PHOTOS: ADRIAN CRISPIN
VIDEO: JULIA ZIERER

 

– in zusammenarbeit mit chanel  –

Geboren und aufgewachsen in München begann Veronikas modische Laufbahn mit Modeljobs, bald wechselte sie auf die andere Seite der Kamera und wurde von der Modeassistentin zur Redakteurin, dann wieder ein Richtungswechsel ins Online-Luxury-Retailing, um bis vor Kurzem zurück beim Burda Verlag als Style Editor der deutschen Harpers Bazaar zu arbeiten. Im Moment lebt sie in Berlin, startete Anfang 2015 eine eigene Firma zusammen mit Julia Knolle, ihres Zeichens Ex-Editor-at-Large von Vogue Digital. Ach ja, ihre Leidenschaft sind Möpse.