Christophe Chemin x Prada 2016

Collage © Prada/ Christophe Chemin

Der französische Künstler Christophe Chemin, der in Berlin lebt, hat die wunderschönen Illustrationen angefertigt, die wir gerade in der Herbst Winter Kollektion 2016 von Prada sowohl bei den Herren als auch bei den Damen auf den Laufstegen gesehen haben. Nachdem wir diese charmante Persönlichkeit kürzlich bei einem Dinner im Dottír trafen, stellten wir ihm ein paar Fragen.

 

Was für eine Beziehung hast Du zur Mode?

Eleganz und Kleidung sind meiner Meinung nach sehr wichtig. Kleidung verleiht dem Menschen Würde. Sie ist definitiv eine Verlängerung unserer Persönlichkeit. Alles, was man trägt, hat mit einer Entscheidung zu tun – selbst wenn man sich entscheidet, nicht modisch zu sein. Alles ist Entscheidung, es sei denn, man hat kein Geld. Das ist natürlich eine andere Situation. Und es gibt auch Leute, die Klamotten wirklich hassen, die sich wünschen, sie könnten in einer Gesellschaft leben, in der alle nackt herumlaufen. Warum auch nicht?

Ich selbst habe ein zweischneidiges Verhältnis zu Mode. Ich bin immer auf der Suche nach Sachen, die ich wie eine Uniform tragen kann. Dabei orientiere mich schon an der zeitgemäßen Mode, aber auf eine sehr pragmatische Art und Weise. Es gibt ein paar Designer, die ich spannend finde, aber generell langweilt mich das Konzept von Trends.

Wenn ich das Wort cool höre, renne ich weg! Cool ist die Apokalypse für Mode. Ich mag Mode, die sich aggressiv gibt, besonders an Frauen, deswegen liebe ich Prada. Wenn man Prada tragen will, muss man eine starke Persönlichkeit besitzen. Das finde ich großartig!

Wie hat Prada Dich entdeckt?

Wie Prada mich gefunden hat? Keine Ahnung. Menschen finden einander eben. Wenn man es nicht forciert, dann passiert es ganz natürlich. Wenn man jemanden treffen muss, tritt es einfach ein. Immer.

Genauso wie in der Liebe. Da wollen Leute auch immer wissen, wie man sich getroffen hat. Ich verstehe diese Besessenheit nicht. Es ist so intim, Menschen zu fragen, wie sie sich getroffen haben. Wir leben leider in einer Welt, in der Menschen zwar sehr genau darüber Auskunft geben können, woher sie sich kennen, jedoch ohne sich wirklich zu kennen. Das wichtigste ist doch: Menschen zu finden, die zu einem passen, denen man vertrauen kann und mit denen man Dinge erschaffen kann. Alles andere ist nebensächlich.

Wie lief die Kollaboration mit Prada ab? Hat Prada schon vorhandene Werke von Dir ausgewählt oder handelte es sich eher um Auftragsarbeiten?

Ich konnte eigentlich machen, was ich wollte. Aber es war ganz klar für mich, dass diese Arbeit bedeutet, ich und Prada, und nicht ich für mich selbst. Ich habe Prada ein paar Konzepte vorgeschlagen. Miuccia Prada war an allem interessiert, aber aus Zeitgründen mussten wir eine Auswahl treffen.

Es gab viele inspirierende Diskussionen während des Arbeitsprozesses, besonders mit dem Design Director Fabio Zambernardi. Es war eine Art endloses Pingpong. Wenn man sich die Accessoires und Keypieces genauer anschaut, dann erkennt man, dass sie mit den Zeichnungen korrelieren (Ratten, Sterne, Augen) – sie schaffen eine Art offene Kommunikation, aber den meisten fiel das überhaupt nicht auf.

Und wie fühlt es sich an, Deine Zeichnungen auf Kleidungsstücken zu sehen, auf den Körpern anderer Menschen?

Für diese Kollektion von Prada wollte ich Prints entwerfen, die aus der Ferne sehr attraktiv wirken, aber je eigehender Du die Bilder betrachtest, desto verdrehter wird es und Dinge erscheinen nicht mehr als das, für das Du sie vorher gehalten hast. Zum Beispiel haben wir dieses rosane Shirt mit den Früchten darauf, ein Bankett, und es wirkt von weitem ziemlich attraktiv. Aber wenn man es sich näher anschaut, dann sieht man überall die Ratten und Insekten.

Ich mochte die Idee nie besonders, Kunstwerke für Kleidung zu verwenden, aber Prada hat meine Meinung geändert. Uns verbindet eine gewisse Verrücktheit. Ich liebe das Resultat, es ist großartig geworden. Ich denke, wir haben unser Ziel erreicht und es werden ein paar interessante Sachen dabei sein. Ich bin sehr gespannt, wer am Ende welche Stücke tragen wird.

Sind Deine Zeichnungen eher persönlich oder politisch? Steht immer eine Botschaft dahinter?

Natürlich gibt es immer eine Botschaft, man muss nur danach suchen! Selbst die abstrakten Werke von mir enthalten ziemlich klare Aussagen. Vielleicht sogar so viele verschiedene, dass es am Ende verwirrend für den Betrachter wird.

Ich mag Verwirrung und ich verwirre Leute gerne. Heutzutage sind Leute ja von allem verwirrt, aber nicht auf eine produktive Art und Weise. Manche sagen, „Ach, Deine Illustrationen…“. Dann antworte ich: „Hast Du das Wort Illustration schon mal im Wörterbuch nachgeschlagen?“

Die meisten scrollen einfach nur durch Instagram und versehen alles mit “Like, Like, Like” – und das war‘s. Sie vergessen dann sofort wieder, was sie gerade gelikt haben.

Was ist das Besondere an dieser Kollektion von Prada?

Da bin ich eigentlich nicht der richtige Ansprechpartner. Es ist auf jeden Fall eine sehr dichte, vielschichtige Kollektion, weniger dekorativ. Ich finde die Sachen wunderbar und freue mich schon darauf, die Jacken, Wollhosen und Schuhe zu tragen. Allerdings werde ich nichts anziehen, auf dem meine eigenen Arbeiten zu sehen sind. Das wäre absurd!

Was inspiriert Dich?

Dinge betrachten, beobachten, was um mich herum passiert, alles Mögliche. Mich inspirieren Dinge, welche die meisten Leute uninteressant finden.

Du schreibst, zeichnest, machst Filme. Hast Du schon eine Idee, was Du nach dem Projekt mit Prada machen wirst?

Es gibt ein paar interessante Projekte, viele von ihnen sind noch “in der Mache”, also wäre es jetzt seltsam, darüber zu reden, bevor sie abgeschlossen sind. Ich bin nicht daran interessiert, dass man mich erkennt und ich promote mich nicht gerne selbst. Es ist schön, wenn die Leute Deine Arbeit auf einer tieferen Ebene mögen und mehr über den Schaffensprozess erfahren möchten und was in der Arbeit steckt, aber das ist für mich nie die Motivation. Das Wichtigste für mich ist, die Dinge einfach zu machen. Es ist immer gefährlich, zu viel über das Tun zu sprechen. Just do it!

Julia Zange lebt und arbeitet in Berlin als Autorin und Schauspielerin. Gerade schreibt sie an einem neuen Roman und ist Teil des Web-Serien-Projekts "Translantics". 2016 erscheint der Kinofilm "Mein Bruder Robert ist ein Idiot" (Regie: Philip Gröning), in dem sie die Hauptrolle spielt. Sie schreibt regelmäßig für ZEIT Online, FRÄULEIN und L'Officiel.