Anne Philippi trifft Julian und Vito Schnabel

Julian & Vito Schnabel
©Collage / Julia Zierer

Künstler unter sich: Eine besondere und innige Beziehung zwischen Vater und Sohn. Anne Philippi hat Julian und Vito Schnabel in ihrem Palazzo Chupi getroffen

Ich stehe eine Weile vor dem Haus in Pink. Es erinnert mich an mein  Créme-Rouge von Bobbi Brown. Das “Haus” ist der Palazzo Chupi und gehört der Familie Schnabel. Den Palast hat Julian Schnabel nach seiner Ex-Frau Olatz benannt, die er Chupi nannte. Dieser Spitzname wiederum geht auf die spanische Lutschermarke Chupa Chups aus dem asturischen Piloña zurück, die Julian Schnabel so mag. Ich interessiere mich gar nicht so für die Lutschermarke. Dafür aber für das Verhältnis zwischen Julian Schnabel und seinem kunsthandelnden Sohn Vito Schnabel. Julian Schnabel nennt seinen Sohn übrigens nicht Kunsthändler, sondern “Gourmet” – also jemand, der für “andere Leute vorkostet und beurteilt.”

Wir setzen uns in Vitos Teil des Palazzo Chupi auf ein kleines Sofa. Vito und Julian nehmen beide umgehend diese konzentrierte Männersitzhaltung ein: Ellenbogen auf die Knie, Oberkörper nach vorne, Rumpf auch, Blick geradeaus auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Die stärkste Verbindung zwischen den Schnabels ist übrigens das Stirnrunzeln. Beide Runzeln auf dieselbe Art, geradezu offensiv, ja synchron. Das muss auf Liebe hindeuten.

Ich sitze dem Paar gegenüber und spüre eine Finding Nemo-Energie. Der große Fischvater Marlin, also Julian, macht sich Sorgen wegen des kleinen Fischchens, Sohn Nemo, also Vito, jedoch auf übertriebene Art. Nemo ist überbehütet aufgewachsen und wurde ein wenig streng erzogen. Doch die Liebe zwischen Vater und Sohn ändert die beiden: Nemo erkennt die Gefahren des Lebens, Marlin sieht wie erfolgreich sein Sohn ohne seine Dauerpräsenz sein kann.

Wollen wir mal mit dem Thema “Streit” zwischen Vater und Sohn anfangen? Na klar, das machen wir, sagt Julian. Er sagt, es gäbe keinen Streit zwischen den beiden, also praktisch nie. Also, sagen wir es so: Es gäbe Streit, aber weder Vito noch Julian würden mir sagen, um welchen Künstler es ginge, wenn sie sich streiten. Aha. Jetzt Stirnrunzeln bei Julian. Die breiten Schrankschultern stellen sich auf, er brauche mehr Schutz im Leben als Vito, der in einem sehr guten Anzug dasitzt, so als sei jedes Treffen im Leben ein Termin. Vitos Gesicht ist jedoch femininer und es runzelt seltener.

Ich würde gern wissen, ob Vito ein Rebell ist? Glaubt Julian nicht. Mit 16 wäre Vito zu ihm gekommen und habe gesagt, “Papa, ich will kuratieren”, und dann habe er für Vito gearbeitet. Bilder geschleppt und so. Vito hält sich zurück, nickt ein bischen. Ich glaube, er hatte eine sehr tolle Kindheit und Julian glaubt das auch. Julian sagt, er habe seinem Sohn wirklich alle wichtigen Erlebnisse im Leben eines amerikanischen Jungen beschert. Sogar ein paar Doppell-Leben.

“Auf Reisen nach Europa machtest du die ganzen Erfahrungen eines typischen, amerikanischen Jungen. Und die eines Luxusreisenden, der in Sternehotels schläft, Eis isst und die eines Fünfjährigen, der mit Stierkämpfen in Spanien groß wird.” Julian spricht über seine Erziehung, als wäre da alles drin, was in einen Sohn hineinpasst.

Und dann schaltet sich Vito entschieden ein, wobei er Julian nicht anschaut. Der Vater, das müsse ich wissen, habe es nicht leicht gehabt. Das müsse ich mir klarmachen. Er habe nichts gehabt, keinen Cent, war Taxifahrer, Koch im Max’s Kansas City, ganze Nächte lang. “Er war auf sich gestellt, das war immer seine Haltung”, sagt Vito,  korrigiert jetzt seine Männerposition, also die mit den Ellenbogen auf den Oberschenkeln und wir schweigen circa eine Minute, in der Vito und Julian sich nicht anschauen

Wir können nicht über Liebe sprechen oder darüber, wie Liebe im Palazzo Chupi aussieht. Dafür kennen wir uns nicht gut genug. Nach zwei Minuten dann doch noch über Schuhe reden? Dieses allegmeine, neutrale, gefühllose Thema. Es lenkt immer ab. Von allem. Bei den Schnabels nicht. Ja, Julian würde Vito konsultieren, in welchen Schuhen er rausgehen soll. “Aber offensichtlich ziehen wir uns nicht gemeinsam an”, sagt Julian. “Bisher nicht”, sagt Vito. Vielleicht wäre das eine Form der Liebe im Palazzo Chupi.

Portrait Anne Philippi

Anne Philippi schrieb u.a. für die Berliner Seiten der FAZ, Vogue und bis 2009 für Vanity Fair als Reporterin. Sie zog nach Los Angeles und interviewte Hollywoodstars.
Heute lebt sie zwischen Berlin und Los Angeles. Ihr Roman "Giraffen" ist vor kurzem erschienen, darin geht um die Konsequenzen einer sogenannten Glamour-Existenz.