Past Perfect: David Bowie

David Bowie Collage
©artwork by Charles Bals / Another Slang

Das ist eigentlich das Beste: Wenn einem eine Kollektion nicht nur ein paar hübsche Teile zeigt, die man sofort in seinen Kleiderschrank aufnehmen möchte, sondern gleich eine mittlere Identitätskrise auslöst. Wenn sie einem eine Geschichte erzählt, in der man gern Protagonistin wäre, aber nicht ist. Wohl aber sein könnte. Das ist dann, wie als Kind einen Film gucken, sich in eine Figur zu verknallen, dauernd zu rufen: „Und die wäre ich, die wäre ich!“. Und dann tagelang so zu tun, als wäre man sie wirklich. Bis man etwas davon kapiert und adaptiert hat, was diese Figur so stark macht und die Verkleidung wieder sein lassen kann.

So geht’s mir seit einiger Zeit bei Saint Laurent. Nach der glitzergestiefelten Mid-Sixties-Euphorie vom letzten Herbst bringt Hedi Slimane jetzt den Glam-Rock aus den 70s zurück. Tief ausgeschnittene, gemusterte Minikleider mit Spaghettiträgern. Plateausandalen. Transparente, schwarze Strumpfhosen (yes, endlich wieder!). Hüftgürtel, schmale, eng um den Hals gebundene Tücher. Spitze, Sternmotive, Blumen- und Fruchtprints. Und immer wieder Leder, Samt, Metallicstoffe, Pailetten- und Nietenbesatz. Alles Niedliche wird durch mindestens ein hartes Element gebrochen.

Beim Ansehen der Show-Bilder denke ich permanent: Fuck, warum genau laufe ich nicht so rum? Warum verbringe ich nicht ganze Nächte in verrauchten Rockschuppen, trage Ausschnitte bis zum Bauchnabel unter der XL-Lederjacke und male mir das Gesicht mit Metallicschminke an? Warum überhaupt gehören die knöchelhohen Saint-Laurent-Glitzerboots aus der letzten Kollektion eigentlich immer noch nicht mir, die ich dann dazu anziehen würde? Und warum eigentlich höre ich nicht wieder viel öfter Bowie?

Überhaupt Bowie: Dass Slimane in der Entwurfsphase Bilder der Bowie-Entourage vorliegen hatte, ist unverkennbar. Den petrolfarbenen Kastenhut kennen wir von David als Halloween Jack. Den Lederjumpsuit trug Angela auf Werbefotografien für das Bowie-Album „Diamond Dogs“. Außerdem feierte Bowie wie kein anderer in den 70ern das Spiel mit der Androgynität. Auch das wird in Slimanes Entwürfen hervorragend sichtbar: Die tief ausgeschnitten Dekolletés haben bei ihm nichts Übergriffiges. Sie sind viel mehr grafisches Element und Teil der künstlerischen Gesamtkomposition als erotische Aufforderung. Glam-Rock ist ja immer vor allem eines: Verwirrspiel der Identitäten. Verweigerung der Festlegung. Sozialexperiment und Kunstperformance. Maskenball. In dem Film „The Runaways“ von 2010 gibt es eine Szene, die man der Saint Laurent Show gut hätte als Zitat vorschalten können. In ihr geht Michael Shannon als Kim Fowley in einem Club auf Dakota Fanning als die minderjährige Cherrie Currie zu und sagt: „I like your style. A little Bowie, a little Bardot and a look on your face that says I could kick the shit out of a truck driver.“

Slimane fordert in seiner Kollektion zu mehr Rockstar-Attitüde auf. Zu Bowieness und Bardotness und Kick-the-shit-out-of-a-truck-driver-ness. Jedes Einzelne seiner Outfits erscheint einem vor dem inneren Auge automatisch inmitten eines Rockschuppens: Düster schimmernde Silhouetten, grelle Farbblitze in Knallgrün, Knallrot, Knallviolett und außenrum alles schön smoky.

Wer weiß, ob ich deshalb wieder mehr in Clubs gehe, tiefere Ausschnitte trage oder die Glitzerstiefel aus dem Herbst doch noch kaufe. Aber Slimane macht, dass ich drüber nachdenke. Slimane macht mich nervös. Und das ist immer etwas Gutes.

David Bowie Family Portrait
©Action Press / David Bowie, Angie Bowie & Duncan Zowie Bowie, 1974
©Getty Images / David & Angie Bowie, 1973
©Getty Images / Angie, Zowie (Duncan Jones) & David Bowie, 1974
Saint Laurent Spring Summer 2015
Saint Laurent Spring Summer 2015
Saint Laurent Spring Summer 2015
Saint Laurent Spring Summer 2015
Saint Laurent Spring Summer 2015
©Getty Images / Joan Jett, The Ruaways

Trailer zu dem Film „The Runaways“ aus dem Jahr 2010

Mercedes Lauenstein

Mercedes Lauenstein arbeitet in der jetzt-Redaktion der Süddeutschen Zeitung und schreibt als freie Autorin Essays und Reportagen für Zeitungen und Magazine. Im Herbst 2015 erscheint ihr erstes Buch im Aufbau Verlag. Sie lebt in München.