Kolumne: Slow Down

Palmen Slow Down
©artwork by Charles Bals / Another Slang

2,5 Monate Pause: Kein Büro, keine Deadlines, keine Meetings und Termine. Nur du und dein Leben? Aber wer sind die beiden eigentlich? Und wie viele Barrieren müsste ich überwinden, um das final herauszufinden? So oder so ähnlich sah das aus, als ich nach vier Jahren aufhörte, für einen tollen Job mich fast ein bisschen selbst unterwegs zu verlieren.

Der Blick auf das große Ganze musste her, also fuhr ich erstmal nach New York. Dann London, mit der Frage im Kopf: Möchte ich in Berlin bleiben? Wenn Neustart, dann ja genau jetzt. Den Reset-Knopf drücken, den Blick nach vorne richten und sich willens neuen Herausforderungen stellen, mit allem, was dazu gehört.

Zahlreiche Joggingrunden im Tiergarten halfen mir bei diesem Erkenntnisprozess: „Erstmal zu Hause bleiben“. Die ausgedehnten Schlafphasen und der fehlende Wecker taten ihr Übriges, eine Langsamkeit stellte sich ein, die in Begleitung mit gesundheitlichen Hürden für den gewünschten Effekt sorgte. „Lass doch gut sein“ war wohl der Satz, den mein Unterbewusstsein mir mehrmals täglich zuröchelte. Immer gelangweilter, weil – Achtung – es mit der Entschleunigung nicht schnell genug voran ging.

Wie schön meine Freunde bei der Ablenkung halfen, hier mal einen Kaffee trinken und eine Runde um den Block gehen, ohne einen Vorwand zu haben, nach Ablauf von 60 Minuten wieder weiter zu müssen. Es lenkte mich jedoch niemand ab, wir verbrachten ganz normal Zeit miteinander. Quality Time als Luxusgut, wer hätte gedacht, dass ich es mal so sehen würde. Der Schreibtisch ist vielleicht doch kein heiliger Ort, die optimierte Effizienz kein unangefochtener Garant für Glücksmomente. Mach doch mal einen Fehler, Feierabend oder lies für mehrere Stunden die Zeitung und zwar nicht nur im Rss-Feed-antrainierten, scrollenden Lesemodus, sondern Artikel für Artikel. Lass den Akku des Handys leer sein und bleib trotzdem noch vor der Tür, vergiss deine To-Do-Liste für ein paar Tage. SLOW DOWN, alle zusammen.

Je mehr ich mich aus dem beruflichen Alltag ausklinken konnte, wurde mir klar, dass vieles von dem, was man den ganzen Tag sieht, eigentlich gar nicht so viel Bedeutung hat. Nur ganz weniges, was die Mode- und Medienwelt hervorbringt, lässt mein Herz höher schlagen oder beschäftigt mich noch ein paar Tage später. Und plötzlich kam mir der Gedanke: Mach es doch einfach! Schalte doch mal ein paar Gänge runter. Das, was mir meine heißgeliebte Meditations-App Headspace behaglich eintrichtert, kann mir vielleicht auch tagsüber am Schreibtisch eine neue Richtung weisen. Dann traf ich Veronika und wir waren uns in so vielen Dingen einig und in den übrigen konstruktiv uneinig, dass wir nun in eigener Geschwindigkeit und entgegen festgefahrener Gewohnheiten ein Experiment wagen. Geduld sei mit uns, sie weilt ja jetzt schon lange genug an unserer Seite.

 

P.S.: Lesetipp dazu ist im Übrigen das Vestoj Magazin, das sich in der fünften Ausgabe mit genau diesem Thema auseinandersetzt. „On Slowness“ erhältlich u.a. bei Do You Read Me in Berlin.

Julia hat 2007 einen der ersten Modeblogs in Deutschland mitgegründet und als Consultant für Digitale Strategien gearbeitet, nachdem 2010 ihr erstes Buch erschienen ist. Nach vier ereignisreichen Jahren bei Condé Nast, in denen sie hauptsächlich für den digitalen Bereich der deutschen Vogue verantwortlich war, entschloss sie sich, ihr eigenes Online Magazin zu gründen, gemeinsam mit der Partnerin ihrer Träume – mit Veronika Heilbrunner. Julia lebt und arbeitet in Berlin und liest gerne Bücher.