Kolumne: Momente der Klarheit

Collage Crystal Clear Moments
©artwork by Charles Bals / Another Slang

Ohne zu wissen, worum es in dem Buch „Momente der Klarheit“ von Jackie Thomae geht, wollte ich es mögen – beschrieben diese drei Worte doch genau das, was mich die letzten Monate so beschäftigt hatte.

Da gab es zum einen die letzte Szene in einem meiner Lieblingsfilme „A Single Man“ nach dem Roman von Christopher Isherwood, geschrieben und realisiert von Tom Ford, mit dem wunderbaren Colin Firth in der Hauptrolle. Es ist der Moment, in dem der Protagonist beschließt, sich trotz seines gewaltigen Liebeskummers doch nicht das Leben zu nehmen. Eine sehr bewegende Szene, die mein größtes Mitgefühl hervorruft, so melodramatisch und (am Ende unrealistisch) das alles sein mag.

Und doch spiegelt es eben genau dieses Empfinden wider: Man hat sich lange bewusst und unterbewusst mit einer Sache auseinander gesetzt, hatte sich meist eigentlich für Plan A entschieden (aus Vernunft, weil es Sinn machte oder weil man glaubte, so würde es dem einst zusammen gebastelten Lebensplan am besten entsprechen). Doch dann häufen sich diese kleinen Hiebe im Unterbauch, die signalisieren „Halt, Du machst Dir doch eigentlich etwas vor“ oder „Naja, also wenn ich ganz ehrlich bin, will ich das gar nicht.“

Du guckst den einen Morgen in den Spiegel und merkst, dass irgendetwas nicht stimmt. Und einen weiteren und dann noch einen. Dann lenkst Du Dich noch einmal eine Weile ab, gehst viel laufen, kriegst sonst alle anderen Bereiche Deines Lebens besonders vorbildlich auf die Reihe und dann, irgendwann: Peng! Point of no return. Das Beiseiteschieben und Herunterschlucken funktioniert nicht mehr. Die Intuition lässt sich auf lange Sicht nicht täuschen und der Mut, den es braucht, um zur kurzfristig vielleicht unbequemen Version zu stehen, klingelt eines Tages ganz von selber Sturm an Deiner Tür.

Schwierig ist es vor allem, wenn andere Menschen involviert sind, zu denen man vielleicht eine enge Bindung aufgebaut hat – von der man weiß, dass das Beenden dieses Bundes nicht einwandfrei und ohne Schmerzen von Statten gehen würde. Wie wäre das auch gewesen, so aus heiterem Himmel alles zu beenden, ganz ohne Aufschrei – auch langweilig und insbesondere bedeutungslos.

Rückblickend aber wisperte die kleine weise Stimme, die rechts auf Deiner Schulter sitzt: Es ist nicht das erste Mal, dass Du das hier machst. Es wird Dir danach besser gehen. Die Befreiung wird für Erleichterung sorgen, der Verlust der Schwere wird Raum geben für neue, beflügelnde Alternativkonstruktionen. Ein paar Wochen Ruhe, ein potenzieller Neustart. Und eigentlich alles luxuriöse Umstände, wenn man es genauer betrachtet. Und wenn man ganz viel Glück hat, versteht Dein Gegenüber sowieso alles (so erklärt es die oben genannte Autorin Jackie Thomae auch hier in diesem Video, leider nur auf deutsch): „In diesem Moment denkt man nicht besonders edel und man würde das nie zugeben. Das sind die Gedanken, die man vielleicht mit niemandem kommuniziert, denke, dass es ganz oft so ist, dass es banale und unangenehme Dinge sind. Und dass der andere die nie erfahren wird, aber wenn er empathisch ist, sich das auch genau denken kann.“

Und natürlich müssen nicht immer gleich so zwischenmenschlich dramatisch dunkle Wolken aufziehen. Es reichen auch diese kleinen Geistesblitze, die einem klarmachen, was man genau möchte, und eben auch im kleinen Rahmen zu einem stoßen. Annehmen, empfehle ich! Mit weit geöffneten Armen annehmen und sich über den beflügelnden, reinigenden Effekt freuen.