Interview: Sarah Thornton „33 Künstler in 3 Akten“

Sarah Thornton Collage 33 Künstler in 3 Akten

Kurz bevor Sarah Thornton eine Lesung ihres neuesten Buches „33 Künstler in 3 Akten“ hielt, traf ich die Autorin in der Karl-Marx-Buchhandlung im ehemaligen Ostberlin. Während rotes Abendlicht schwere Schatten über das Atrium des 1950-gebauten Buchladens zeichnete, sprachen wir über ihren ethnografischen Ansatz an die Kunstkritik.

Thornton beschreibt sich selbst als Kunstsoziologin. Wach und belesen wirkt die Autorin, dessen Arbeit die Identität des modernen Künstlers analysiert. Durch eine intime Interviewreihe begibt sie sich in die Welt von 33 weltweit angesehenen Künstlern. In drei Akten erforscht sie deren Psychen, verschiedenen Identitäten, sozialen Netzwerke und politischen Tendenzen. Diese Vignetten sind zugleich reichhaltig und verlockend. Der Leser fühlt sich, dank der Struktur des Buches, so als ob er Zutritt in eine exklusive, private Galerie bekommt. Thornton stemmt mit „33 Künstler in 3 Akten“ die Tür zur höchsten Elite der Kunstwelt auf. Während der Leser durch die Korridore ihrer Erzählung wandert, wird er gleichzeitig dazu ermutigt, die Glaubwürdigkeit und Integrität der komplexen Bewohner infrage zu stellen.

Wie hast du dich für die 33 Künstler entschieden? Oder soll ich lieber sagen, wie hast du sie kuratiert?

Ich glaube, dass das Buch zugleich kuratiert und gecasted wurde, da die Arbeit aller ausgewählten Künstler immense Bedeutung für mich hat.

Der Großteil der Personen wurde ausgewählt, weil sie bereit waren das zentrale Thema des Buches anzuschneiden. Mit scharfem Blick analysieren sie die vielfältigen Antworten auf die Frage: Was ist ein Künstler? Je mehr sie sich mit meinen Fragen auseinandergesetzt haben, umso eher wurden sie in das Buch aufgenommen. Ich war doch sehr überrascht als ich merkte, wie schweigsam und defensiv einige meiner Interviewsubjekte waren.

Manche Künstler mussten einfach mit dabei sein. Namen wie Damien Hirst, Jeff Koons und Ai Weiwei haben sich schon früh in meiner Recherche und Interviews in die Erzählung eingebaut und wurden somit zur Grundlage des Buches.

Hast du viel direktes Feedback von den Künstlern bekommen, seitdem das Buch herausgekommen ist?

Ich habe sehr viel Feedback erhalten. Gabriel Orozco, der in meiner Einleitung zitiert wird, hat das Manuskript gelesen und mochte es sehr. Er sagte zu mir: „Wir werden alle in unserer Unterhose dargestellt, aber wenigstens dürfen wir unsere Socken anbehalten.“ Der Großteil der Künstler findet, dass ich sie nicht so repräsentiert habe, wie sie sich selbst beschrieben hätten und doch respektieren sie meine Darstellung.

Ich habe den narrativen Diskurs zum Teil dadurch kontrolliert, indem ich die Künstler einander gegenübergestellt habe. Somit war es auch möglich die verschiedenen Persönlichkeiten der Protagonisten zu umreißen. Ich habe ein Fetisch für Struktur und liebe die Kontraste und Nebeneinanderstellungen, die im Leben vieler Künstler gefunden werden können. Das Buch beginnt mit Koons‘ plastischer Welt, welche vor Ai Weiweis politischer Kulisse vorgestellt wird. So werden die verschiedenen Rollen, welcher ein Künstler im Laufe seiner Karriere annimmt, vorgestellt.

Gibt es tatsächlich keine Löcher in Koons Panzer?

Er bewegt sich in diesem Charakter durch die Welt. Ich glaube schon, dass er wirklich so ist, zumindest verbal. Es gibt kurze Augenblicke, in denen er sich mir gegenüber fast öffnet, weil er weiß wie sehr ich seine Arbeit schätze.

Die Unbehaglichkeit um sein Werk rührt eher von seinem Klientel. Ich finde es recht abstoßend, dass er momentan der Liebling der Oligarchen ist.

Glaubst du, dass es ihm wichtig ist, wie er wahrgenommen wird?

Ja. Ich glaube, dass es ihm sehr wichtig ist. Man sieht es in allem, was er tut.

Hat sich nach all deiner Recherche, Interviews und Schreiben deine Antwort auf die Frage, was ein Künstler ist, geändert?

Ja, ich glaube schon. Künstler sein ist kein Job, es ist eine Identität, die man ganz und gar leben muss und eine, in der Glaubwürdigkeit das Wichtigste ist. Jede Rolle des Künstlers ist individuell anpassbar.

Ich finde es unglaublich faszinierend, wie Künstler ihre eigenen Rollen gestalten. Oft ist es tatsächlich so, dass jene Künstler am erfolgreichsten sind, die sich ihren Charakter auf den Leib maßgeschneidert haben. Francis Alÿs beschreibt sich selbst als Hebamme, Wangechi Mutu sagt, dass sie eine Tratschtante ist. Isacc Julian nennt sich Direktor und Ai Weiwei weist sich als Feind der allgemeinen Empfindlichkeit aus. Wenn ein New Yorker das sagen würde, würde man sich denken „Was für ein Arschloch“, aber er wohnt in einem Land, in dem es keine Pressefreiheit oder Menschenrechte gibt. Dort ist er tatsächlich der Feind der allgemeinen Empfindlichkeit. Er lebt diese Rolle des romantischen Avantgardisten voll aus.

Glaubst du, dass jeder Künstler auf ein Ideal hinarbeitet? Fast so, als ob sie in einem ewigen Prozess der Neugestaltung sind?

Ich denke ja. Je berühmter die Künstler werden, umso mehr wird ihnen bewusst, wie er oder sie von der Öffentlichkeit auf- und wahrgenommen wird. Andrea Fraser sagt dazu: „Ein Künstler ist ein Mythos. Der Großteil an Künstlern verinnerlicht ihn und den dazugehörigen Entwicklungsprozess und bemüht sich, den Mythos zu verkörpern und darzustellen.“ Meiner persönlichen Meinung nach sind sich viele Künstler dieses Verhaltens bewusst und müssen deshalb mit den Mythen, die sie verkörpern, vorsichtig sein. Viele haben überhaupt keine Vorstellung mehr davon was es bedeutet Künstler zu sein. Die Macho-Persona des abstrakten Expressionisten macht heutzutage einfach keinen Sinn mehr. 

Würdest du dich als Zyniker beschreiben? Oft scheint die Welt, die in deinem Buch dargestellt wird, sehr narzisstisch.

Ich bin bemerkenswert unzynisch. Ich glaube an jede einzelne Person, die im Buch dargestellt wird. Das muss nicht heißen, dass ich jedes Kunstwerk mag und doch ist jeder von ihnen ein Innovator. Man muss sich nur Hirst anschauen, der große Probleme mit seiner Glaubwürdigkeit hat und sich trotzdem vor keinem Risiko scheut. Mich fasziniert als Soziologe das Wechselspiel zwischen Künstler und Charakter. 

Wolltest du, dass deine Leser sich selber eine Meinung über die Künstler bilden können?

Ich möchte, dass jeder Leser selbst entscheidet wem er glaubt. Es wäre verwerflich, wenn ich jedes Kapitel mit dem Satz „Und ich glaube …“ beenden würde.

Ich wollte so neutral sein, wie nur möglich. Natürlich bewundere ich viele der dargestellten Künstler, aber ich versuche mich zurückzuhalten und dies rüberkommen zu lassen, ohne den Leser damit zu erschlagen. Ich glaube das selbst Koons es verdient zu atmen, selbst wenn er sich in einem luftleeren Raum befindet.

Empfohlener Literaturhinweis: Spencer Bailey, Chefredakteur des Surface Magazines, im Gespräch mit Thornton für die neue Website des NeueHouses.

 

Bild & Interview: Robbie Lawrence
Übersetzung: Liv Fleischhacker
„33 Künstler in 3 Akten“
gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: S. FISCHER; Auflage: 1 (23. April 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 310002270X
ISBN-13: 978-3100022707
Robbie Lawrence

Der schottische Fotograf und Autor Robbie Lawrence hat seinen Hauptsitz in Berlin und ist zur Zeit als Head of Photography für das online Magazine Freunde von Freunden tätig. Er hat unter anderem schon für das Wall Street Journal, die Vogue, Cereal Magazine und Zeit Online gearbeitet.