Escapism: Karwendelgebirge

© Julia Zierer

„Wir müssen nur täglich den Auf- und Untergang der Sonne erleben, so binden wir uns an ein universales Ereignis. Das würde uns für alle Zeit gesund erhalten.“

Henry D. Thoreau aus „Leben ohne Grundsätze“

Ein solch universales Erlebnis war meine Wanderung im Karwendelgebirge zwar nicht, aber das Gefühl, dadurch ein Stückchen „gesünder“, sagen wir „näher bei mir“ zu sein, habe ich dennoch. Das mag vielleicht daran liegen, dass ich mich dazu entschlossen habe, den Weg zur österreichischen Pleisenspitze, die 2,569 Meter über dem Meeresspiegel liegt, alleine zu bestreiten. Aufs Wesentliche beschränkt sozusagen. Ohne Ablenker und Gut-Zureder. Ohne „Ich kann nicht mehr aber muss trotzdem Gas geben sonst komme ich nicht hinterher“-Momente. Stehen bleiben, verweilen und Brotzeitpausen machen, wann und so oft ich will. Auf den Boden stampfen und von mir selbst enttäuscht sein, weil ich so lange brauche. Ich habe mir die Souveränität über meine Zeit zurückgeholt. Zumindest für zwei Tage. Die schönsten Augenblicke halte ich – ganz nach dem Vorbild der mir sehr lieb gewonnenen Stadt- und Digitalflucht – mit einer analogen AE1 Kamera von Canon fest und fühle mich friedvoll, so allein auf weiter Flur.

70 Jahre alt ist die Frau, die ich auf halbem Weg zur Pleisenspitze hinter der kleinen Hütte treffe, wo ich die Nacht verbringen werde. Sie ist in Mittenwald groß geworden, kurz vor der österreichischen Grenze und blieb ihr Leben lang. Sie wollte nie weg, sagt sie mir. Zu Hause ist man schließlich da, wo man sich glücklich fühlt, demnach schlummert auch in mir ein kleiner Ötzi. Heute ist sie mit dem Mountainbike „zum Bankerl“ geradelt und den steinigen Weg zur Hütte gelaufen. Sie plaudert kurz mit der Wirtin, bestellt eine Russenhalbe und ruht sich auf einem kleinen Hocker direkt unter dem mit Geranien bepflanzten Balkon aus. Jeder meiner Blicke zu ihr, belohnt mich mit einer zufrieden aussehenden alten Dame, die im Herzen nicht älter ist als ich. Bewundernswert, so eine positive Ausstrahlung und Grundzufriedenheit! Und ich bin mir sicher: Ihr geliebtes Karwendelgebirge trägt einen gewaltigen Teil dazu bei.

Siggi der Hüttenwirt bringt mir mit einem österreichischen „Lass dir schmecken“ ein kühles Radler von Gosser auf die sonnige Terrasse. Dazu esse ich einen Kaminwurz mit Senf, Gewürzgurke und einer Scheibe Brot. Danach eine hausgemachte Erbsensuppe mit einem Wienerl. Selbstverständlich ist es die beste Kaminwurz und die leckerste Erbsensuppe, die ich je gegessen habe, so wie das auf einer Hütte und nach körperlicher Anstrengung eben üblich ist. Noch dazu stammt jede einzelne Zutat aus Scharnitz am Fuße des Berges und schmeckt herrlich frisch. Der atemberaubende Ausblick auf die ringsum liegenden Bergspitzen in der Abendsonne tut sein Übriges.

 

 

© Julia Zierer

Eine kurze Nacht in einem Matratzenlager mit wildfremden schnarchenden Menschen muss man mögen – oder eben einfach so schnell wie möglich hinter sich bringen und um 6 Uhr frühstücken und loslaufen, um die allererste auf dem Gipfel zu sein. Tatsächlich traf ich auf meiner Wanderung „aufi“ keine Menschenseele. Befreiend ist das, weit weg von allem und allen zu sein. So weit oben ist nicht nur die Luft klarer, sondern scheinbar auch der Mensch, der sich darin aufhält. Ganz gegen meine Gewohnheit, fasse ich im Aufwärtsmarsch und schwer schnaubend viele klare Gedanken. Änderungswünsche in meiner beruflichen Laufbahn erschließen sich mir mühelos und ich schmiede neue Ideen.

Mein Handy lasse ich übrigens in den Tiefen des Rucksacks liegen, und vermisse es auch keine Sekunde. Bis ich oben an der Spitze angekommen bin. Dort bin ich so überwältigt von der gigantischen Rundumsicht und meinen schmerzenden Fersen, dass ich kurz ein zwei Tränen verdrücke und mein Handy hervor krame, um ein beherztes Selfie-Video zu drehen vom Megapanorama und meinem knallroten Gesicht. Auf dem Weg abwärts, kann ich es kaum erwarten, meine Eindrücke mit jemandem zu teilen und rufe aufgeregt meine Mama an, um ihr von der Faszination zu erzählen, mit der mich die Pleisenspitze zurückgelassen hat. Da wird mir mal wieder bewusst, dass das Erklimmen eines noch so hohen Berges und all die Emotionen nichts Wert sind, wenn man sie nicht mit einem lieben Menschen teilen kann. Das nächste Mal also mindestens zu zweit!

Pleisenhütte: Reservierungen und Infos unter: +43/664/9158792
Bergtour Pleisenspitze

Geboren in Bayern, lebt die gelernte Damenschneiderin und Modedesignerin seit 2008 in Berlin, wo sie nach ihrem Studium 3 Jahre lang als Redaktionsleiterin für Style.de arbeitet. Ihre Begeisterung für das Visuelle spielt dabei immer eine große Rolle. Seit Sommer 2015 liegt ihr Schwerpunkt auf der Fotografie, Videographie und Collagen, wenn sie nicht gerade in den Bergen abtaucht - das Wandern ist nämlich eine weitere große Leidenschaft.
Auf hey woman! leitet sie das Visual Department und lässt uns an ihren Ausflügen in die Natur teilhaben.